Michael Najjar wird erster Künstler im All

Ein bisschen Space muss sein

Henrike von Spesshardt
11. November 2011

Eigentlich wollte der britische Milliardär Sir Richard Branson schon im vergangenen Jahr zahlende Gäste mit seinen Spaceships ins All katapultieren. In der Wüste von New Mexico hat der Gründer der Virgin Group nach Plänen des Stararchitekten Sir Norman Foster bereits einen Spaceport errichten lassen, in dem sich ein Terminal für die Passagiere, ein Hangar für die Raumflugzeuge und ein Kontrollzentrum befinden. 200.000 US-Dollar wird der einzelne Flug kosten. Die ersten bemannten Starts sind für 2013 vorgesehen. Zunächst fliegen aber der Chef selber und seine Kinder Sam und Holly gen Universum. Kurz darauf wird ihm die sogenannte „Pioneer Astrounauts Group“ folgen. Der Berliner Künstler Michael Najjar (Jg. 1966) hat sich einen Sitz bei den Pionieren des öffentlichen Allverkehrs gesichert.

artnet: Herr Najjar, wenn alles gut läuft, sind Sie 2013 der erste Künstler im Weltall. Was wollen Sie dort?

Michael Najjar: Der Weltraumflug ist Teil meiner neuen Werkgruppe „outer space“, an der ich zurzeit arbeite. Ich werde mit dem neuen Raumgleiter „spaceship2“ von Virgin Galactic ins Weltall fliegen. Der Raumgleiter ist eine kühne und technologisch völlig neuartige Konstruktion, die sich momentan im Teststadium befindet.

Womit beschäftigt sich Ihre Serie „outer space“?

Seit über 15 Jahren befasse ich mich in meinen Arbeiten mit der Schnittstelle von Kunst und Technologie. Ich entwerfe fotografische Visionen und Utopien zukünftiger Gesellschaftsstrukturen, die sich unter dem Einfluss von Computer- und Informationstechnologien herausbilden. Die „outer space“-Werkserie ist ein auf drei bis vier Jahre angelegtes, sehr komplexes Projekt, das sich mit dem Aufkommen neuer Weltraumtechnologien beschäftigt. Ich bin der Überzeugung, dass sie unsere Gesellschaft stark verändern werden. Ziel meiner künstlerischen Arbeit ist der Entwurf von Zukunftsszenarien der Menschheit – auf der Erde, im All und auf anderen Planeten. Es lässt sich momentan eine deutliche Beschleunigung in der Entwicklung neuer Raumfahrttechnologien beobachten.

Und das, obwohl die staatlichen Raumfahrtprogramme radikal gekürzt werden?

Ja, das stimmt. Außer in China schrumpfen die staatlichen Raumfahrtprogramme aus Budgetgründen momentan eher. Im Gegenzug dazu hat sich aber eine innovative und sehr ehrgeizige private Weltraumindustrie herausbildet, die das All als lukratives Geschäftsfeld entdeckt hat. Sir Richard Branson darf hier sicherlich als Vorreiter und sehr zielorientierter Visionär betrachtet werden.

Übernimmt er auch die Kosten für die Expedition, oder wie finanzieren Sie sonst Ihre Teilnahme? Der Flug kostet immerhin 200.000 US-Dollar.

Der Weltraumflug wird durch drei meiner wichtigsten Sammler finanziert, die meine Arbeit schon lange begleiten und unterstützen. Die finden das Ganze natürlich super und sind gespannt auf die Werke. Meine Galeristen schockt sowieso nichts mehr.

Wann beginnen die Vorbereitungen und wie sehen die aus?

Schon nächstes Jahr geht es los. Zu den Vorbereitungen gehören ein Stratosphärenflug mit einem russischen Kampfjet, ein Zentrifugaltraining, ein Parabelflug zum Schwerelosigkeitstraining und noch ein paar weitere extreme Erfahrungen. Vor allem das Fotografieren in der Schwerelosigkeit muss ich vorher gut trainieren. Vor dem tatsächlichen Flug mit Virgin Galactic gibt es dann nochmal ein mehrtägiges Trainingsprogramm am Spaceport America in New Mexico. Wer die Fitnessprüfung nicht besteht, darf dann trotzdem nicht mit.

Und was prädestiniert Sie als ersten Allkünstler überhaupt?

Nun, ich denke, um so etwas tatsächlich zu realisieren, muss man schon große Abenteuerlust empfinden und auch eine gewisse Übung im Umgang mit Risiken haben. Meine künstlerische Arbeit ist ja oft mit einer sehr intensiven körperlichen Erfahrung verbunden. Für „netropolis“ (2004-2006) bin ich auf die höchsten Tower der Megacities weltweit geklettert, für „high altitude“ (2008-2010) habe ich einen Siebentausender in den Argentinischen Anden bestiegen, und nun geht es eben ins All. Meine wunderbare Frau Sherin unterstützt mich übrigens immer bei meinen Vorhaben und hat sich inzwischen daran gewöhnt, dass diese Abenteuer Teil meiner Arbeit sind. Der Blick auf unsere Erde aus dem Weltall ist mit Sicherheit das Sublimste, was man sich vorstellen kann. Natürlich geht es dabei nicht in erster Linie um Bilder von der Erde, den Sternen oder dem Raumschiff, es geht mir vor allem darum, wie sich diese fundamentale Erfahrung auf meine nachfolgenden Werkschöpfungen auswirkt.

Schon eine Ahnung, wie sie sich auswirken wird?

Noch steht all das am Anfang, und es ist natürlich wahnsinnig aufregend und inspirierend, als Künstler an diesem Prozess beteiligt zu sein. Sobald ich im Weltall war, werde ich mich an die Organisation meiner ersten Ausstellung auf dem Mond machen. Selbst werde ich die Installation eines meiner Werke dort wahrscheinlich nicht durchführen können, aber das wird dann ein kleiner Roboter, der sogenannte Mondrover für mich tun. Die Vernissage könnte man dann live übertragen.

Erhabene Pläne. Wie lange ist das Raumshuttle unterwegs?

Voraussichtlich wird der ganze Trip etwa einen halben Tag dauern. Eine Extra Vehicular Activity, also der Ausstieg ins All, ist leider nicht drin. Das ist aber auch mit Abstand das Gefährlichste, was man im Weltall tun kann und wirklich nur den Superprofis vorbehalten. Der Raumgleiter wird von einem speziellen Trägerflugzeug aus auf eine Höhe von ca. 110 km ins All geschossen, dann wird es einen Gleitflug und ca. sechs Minuten Schwerlosigkeit geben. Anschließend stürze ich im Shuttle durch die Atmosphäre zurück zur Erde.

Und was hat das All selber von der ganzen Aktion?

Dem Weltall dürfte es ziemlich egal sein, ob Künstler in ihm herumschwirren, aber für die zukünftige Menschheit ist es von Bedeutung. Um Stephen Hawking zu zitieren: „Ich glaube kaum, dass die menschliche Rasse die nächsten 1000 Jahre überleben wird - es sei denn sie besiedelt den Weltraum“. Mein Sohn Neo ist jetzt drei Monate alt, wenn er einmal so alt ist wie ich jetzt, werden Weltraumflüge für ihn so normal sein wie für uns heute ein Flug von Berlin nach New York.


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