Michael Müller in der Galerie Thomas Schulte

Im Warteraum der Geschichte

Heike Fuhlbrügge
21. Oktober 2011

Michael Müller: „Das Scheitern der Oberfläche“ - Galerie Thomas Schulte, Berlin. 10. Oktober bis 5. November

Das Scheitern kennt viele Formen. Gleich mehrere davon durchspielt der Berliner Künstler Michael Müller (Jg. 1970) in seiner ersten Einzelausstellung in der Galerie Thomas Schulte. Allein schon die geräuschvolle Sprachkakophonie, die den lichten Eckraum um die Sound-Installation Confusio Linguarum (2011) durchdringt, lässt ahnen, dass der Besucher in Verwirrung gestürzt werden soll: Aus hoch aufgetürmten Lautsprechern dringt ein unverständliches Gemisch diverser Sprachen – sie lesen den Text der Genesis 1.1. aus dem Alten Testament, der vom Turmbau zu Babel erzählt. Die babylonische Sprachverwirrung, auf die hier angespielt wird, war die Strafe Gottes für den Versuch der Menschen, einen Turm bis zum Himmel hinauf zu bauen – Konfusion und Vertreibung der Konstrukteure bereiteten dem ambitionierten Treiben ein Ende.

Was dagegen nicht scheitert, ist die ästhetische Komponente von Müllers Turm. Die verschiedenen Texturen und Formate der Lautsprecher, ihre Materialien und Oberflächenstrukturen entwickeln geradezu malerische Qualitäten. Und so changiert der Farbklang der Skulptur harmonisch zwischen Grau, Beige, Braun und Schwarz – und erscheint beliebig erweiterbar, denn der Himmel ist noch lange nicht erreicht.

So penetrant die Geräuschkulisse am hellsten Ort der Galerie, so eng und dicht wird es hinter dem kleinen Gang unweit der Eingangstür, der eher einer Spalte in der Raumwand gleicht. Geduckt muss man hier seinen Weg ins ungewisse Dunkel ertasten, bis man wieder aufrecht stehen kann und sich im Inneren der Installation XI. Gesang (At the Backside of a Gas Station in the Plain of Lethe) wiederfindet. Neonlicht flackert unheimlich auf und ab und lässt die weiß gekachelten Wände mit schwarzen Verwischungen sowie eingemauerten Sitzvorsprüngen wie einen verlassenen Industriewarteraum erscheinen. Grell leuchtet auch ein grünes Licht über dem Eingang: Ein in Altgriechisch beschriftetes Notausgangsschild, das rhythmisch die Homer-Textpassage aus der Odyssee über den „Besuch im Hades“ morst. Wenn man dann noch an der Wand den dreiköpfigen Höllenhund Zerberus im weißen Relief entdeckt, gleicht der Raum erst recht einem Vorzimmer zum Totenreich – womit Müller auch hier ein mythologisches Referenzsystem bedient: Der Begriff „Odyssee“ ist nicht nur Titel des Epos‘ aus dem 8. Jahrhundert v. Chr., das die Abenteuer des Königs von Ithaka erzählt, sondern längst Synonym für lange Irrfahrten geworden. Mit dem Titel seiner Arbeit bringt Müller Lethe aufs Tapet – einer der Flüsse aus der Unterwelt, der Vergessen schenkt, sobald man aus ihm trinkt. Der Künstler scheint hier auf verlorenes Kulturgut anzuspielen; zumindest verweigern sich die glatten Industriekacheln einer Bildannahme und bieten nur glatte Oberflächen, an denen keine Informationen haften bleiben wollen – ähnlich wie der Bezug zur alten Historie in einer mythenfernen Zeit kaum noch herstellbar ist. Wer sich dieser Metapher entziehen möchte, muss dem Schild in Richtung Hades folgen: hinaus in die Realität. In dem Moment wird die Flucht zur Odyssee, bei der man einen Raum betreten hat und in ein undankbares System gerät – hinein in die kalte Wartehalle der Geschichte oder zurück in den Hades. Die Bewegung durch den Korridor macht die Installation zur beklemmenden Erfahrungsarchitektur, wie man sie auch von Bruce Nauman kennt.

Dagegen spannt das Sound-Piece Weltempfänger: Ich-Oper im Hauptraum einen Bogen zwischen Außenwelt und Introspektion. Aus einem Radio ist die „Ich-Oper“ mit einem Text von Michael Müller zu hören, dazu spielt Musik von Thom Willems, begleitet durch die Stimme von Kate Strong – formal betrachtet hat man es mit einem musikalischen Rezitativ zu tun: Der Mensch als Weltempfänger ist synonym mit der ältlichen Bezeichnung für Radio, mit dem Begriff „Ich-Oper“ verweist Müller auf die Dramaturgie eines Textes im Zusammenspiel mit Musik. Es geht also um mediale Übersetzungsprozesse linguistischer Ebenen – gesteigert durch den Text selbst, der die identitätsbildende Funktion von Sprache heraufbeschwört und schönerweise in einer Edition von 100 nachzulesen ist. Im Textgeflecht der „Ich-Oper“ wird klar, dass Müller auch Buchstaben personenhaft versteht: „W ist ein pornographischer Buchstabe, er spreizt so schön die Beine, ein wahrhaft schöner Buchstabe. Aber legt das Kleid sein K ab, sind wir wie immer bei Leid und Freud“, heißt es in seinem Text. Sprache und Buchstaben formen für Müller also das Alter Ego des Menschen.

Die größte Arbeit der Schau zieht sich schließlich in Form von 95 Texttafeln durch die Galerie. In Index der Willkür, unvollendet (2011) wird Müllers Vorstellung von Systematiken noch einmal grundsätzlich deutlich. Über vier Wände sortiert er chronologisch Quellentexte jeweils zu einer Person, das Alphabet der dazugehörigen Schrift, die Bezeichnung der Schrift, Initialen der Person, deren Portrait und Geburtsdatum. Ähnlich wie Joseph Kosuths Analogien aus Schrift, Foto und Objekt wird die Identitätsbeschreibung durch kulturelle Schemata deutlich: Sprachen, Mythen, Opern, Lexika, Periodensysteme der Elemente, alchemistische Indexe wie auch seine früheren Kartografien sind die Stationen auf Müllers Suche nach der Identitätsbestimmung des Menschen. Deren Brechungen und Widersprüchen spürt er nach und deckt sie auf – mit einer klassisch konzeptuellen Grammatik, ergänzt durch Interpunktionen einer sinnlichen Spielart von Post-Minimal. Die humanistische Komplexität und reduzierte Ästhetik, denen er dabei Raum gibt, sucht im aktuellen Kunstgeschehen Ihresgleichen.


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