23. März 2012
„Posada bis Alÿs. Mexikanische Kunst von 1900 bis heute“ mit Alberto Beltrán, José Guadalupe Posada, Leopoldo Méndez, Jesús Escobedo, Francis Alÿs, José Chávez Morado, Carlos Amorales, Teresa Margolles – Kunsthaus Zürich. Vom 16. März bis 20. Mai 2012
Das Kunsthaus Zürich hat sich in den letzten Jahren nicht immer durch bahnbrechende Ausstellungen hervorgetan. Zu häufig setzte man auf Bewährtes, hofierte man Privatsammlungen, organisierte man unverbindliche Themenschauen wie aktuell „Ein Wintermärchen – Der Winter in der Kunst von der Renaissance bis zum Impressionismus“, auch diese nicht mehr ganz auf der Höhe der (Jahres)Zeit.
Die zeitgleich laufende Ausstellung „Posada bis Alÿs – Mexikanische Kunst von 1900 bis heute“ hingegen ist ein Grund, sich mal wieder in Karl Mosers eklektischen Kunsttempel zu begeben. Der Titel, dies sei vorausgeschickt, ist insofern irreführend, als es sich gerade nicht um eine enzyklopädische Überblicksausstellung handelt, sondern um eine kabinettartige Präsentation mit wenigen, aber sorgfältig ausgewählten Werken. In Zeiten inflationärer Großausstellungen sind solche Formate wichtiger denn je – und sie entsprechen schlicht den real existierenden Zeitkontingenten der Besucher.
Die erste Sektion erscheint zunächst als klischeehaft folkloristisch anmutende Umgebung: Totenköpfe rundherum, auf kontrastreichen Lithografien, Ätzungen und Holzschnitten. Der mexikanische Totenkult mit der Skelett-Dame
La Catharina als Maskottchen ist ein Markenzeichen des Landes. Und wer einmal den Día de los Muertos mit seinen Inszenierungen menschlicher Vergänglichkeit erlebt hat, begreift die ganze Tragweite der Bedeutung des Totenkults für Fremdenverkehr und Image-Exotik.
In der Ausstellung stellt sich jedoch heraus, dass es sich bei den hier ausgestellten Arbeiten mitnichten um harmlose memento moris handelt. Vielmehr karikierte José Guadalupe Posada (1854–1913) in seinen Grafiken die Mitglieder der damaligen mexikanischen Oberschicht als untote Snobs und opponierte so gegen das autoritäre Regime von Porfirio Díaz. Entsprechend verewigte Leopoldo Méndez (1902–1969) seinen Kollegen in dem Linolschnitt Posada stichelt 1902 in seinem Atelier eine Strassenrevolte direkt in die Platte (1953) als authentischen Volksheroen. In den angrenzenden Räumen wird die politische Dimension der Ausstellung dann vollends konkret: So zeigt Alberto Beltrán (1923–2002) eine Szene aus den 1860er-Jahren in der Kaiser Maximilian vom Präsidenten Benito Juárez der Einzug in Schloss Chapultepec verwehrt wird. Dem Revolutionär Emiliano Zapata, dessen Verbündeter Pancho Villa ebenfalls in einer Grafik vertreten ist, huldigen schließlich Jesús Escobedo (1918-1978) und erneut Posada per Porträt.
Mit diesem Übergang vom vordergründig Folkloristischen zu dessen politischen Wurzeln gelingt dem Kunsthaus eine schlüssige Dramaturgie. Zwar ließe es sich vorschnell als Konzession an den Zeitgeist abtun, dass diese älteren Arbeiten mit zeitgenössischen Werken kombiniert werden, sind heute doch allerorten epochenübergreifende Hängungen en vogue. In Zürich ergeben sich aber durchaus plausible Überleitungen, wenn Francis Alÿs öde Landschaften aus seiner brillanten Serie „Untitled“ (2008–2011) – Felder, auf denen Alÿs mit seiner Videokamera lauert, um sich damit in Wirbelstürme zu stürzen – neben José Chávez Morados Telegrafendrähten (1938) zu sehen sind, die in ähnlich karger Umgebung nutzlos von einem Mast herabhängen. Von Alÿs wären allerdings noch weitere Werke wünschenswert, wurde ein weitaus größerer Teil der Serie doch schon 2011 in der Zürcher Galerie Peter Kilchmann präsentiert. Die Arbeit Sleepers II (2000) wiederum, angegeben im Ausstellungsheft, ist aus unerfindlichen Gründen gar nicht erst zu sehen.
Offensichtlich ist dagegen, dass sich Carlos Amorales in seinem Gemälde From the Bad Sleep Well #11 (2004) auf das Erbe Posadas bezieht. Mit Teresa Margolles wurde eine weitere naheliegende Star-Künstlerin des Landes gewählt: In ihrem Video Irrigación (2010) greift sie die andauernden Massaker in der Grenzstadt Ciudad Juárez auf – und gewinnt hier im Dialog mit Pasado und Co. eine tiefere genealogische Dimension.
Vor dem Hintergrund der wachsenden Bedeutung Mexikos für den internationalen Kunstmarkt, die nicht zuletzt omnipotenten Sammlern wie Carlos Slim Helú, tituliert als reichster Mann der Welt, der privaten Stiftung Colección Jumex oder der Zona Maco Art Fair zu verdanken ist, stellt die Spanne Posada bis Alÿs ein ebenso bescheidenes wie nötiges Korrektiv für die vorschnellen Heureka!-Rufe der Enthusiasten dar, die das Kunstsystem mit demokratischem Fortschritt gleichsetzen. Das Zeitgenössische wird die Geister der Vergangenheit niemals los – und der einzige wahre Demokrat ist letztlich nur der Tod.