7. Februar 2006
Das Gerangel der Wadenbeißer dauert nunmehr seit fast dreißig Jahren an – jetzt steht es 1:0 für die italienische Regierung. Das Metropolitan Museum (MET) in New York hat sich nach einer letzten Runde von Verhandlungen, Einbestellungen und Expertentreffen am Ende der letzten Woche offiziell bereit erklärt, eines seiner berühmtesten Objekte, den sogenannten Euphronios Crater, an Italien zu restituieren. Und gebissen wurde bekanntlich in der letzten Zeit vermehrt: Erst war das Getty Museum im kalifornischen Los Angeles aufgrund skandalöser Machenschaften in die Gazetten geraten, als über den zu verhandelnden Kunstraub hinaus bekannt geworden war, wie da wer mit wessen Millionen Unfug getrieben hatte. Heute steht die einst hofierte Kuratorin Marion True, wegen unwahrer Aussagen in vielen Fällen beschuldigt, gemeinsam mit dem nun gar nicht mehr gut beleumundeten Kunsthändler Robert Hecht vor italienischen Gerichten.
Parallel zu den Forderungen Italiens gegen Getty war in den letzten Monaten mit dem Metropolitan Museum aber auch eine andere US-Institution in das Kreuzfeuer internationaler Untersuchungen geraten. Zwar hatte es, seitdem der – nicht nur wegen des nie ganz verebbenden Öffentlichkeitsrummels legendär gewordene – Euphronios Crater in der Neuen Welt aufgetaucht war immer wieder Aufschreie gegeben, es handele sich um Raubgut aus einer illegal betriebenen archäologischen Grabung. Die Hypothesen und Argumentationsketten waren zahlreich. Allein das Objekt der Begierde – ein nach seinem Hersteller und Bemaler Euphronios benanntes griechisches Gefäß, das mit etwa 2500 Jahren ein stolzes Alter aufweist – war Glanz und Höhepunkt einer ganzen Enfilade aus Galerieräumen der griechischen Antikenabteilung und niemand hatte Lust oder spürte das Bedürfnis, diesen „Superstar“ zurück zu geben.
Zu Beginn dieses Jahres berichtete die New York Times dann davon, dass Philippe de Montebello, Direktor des MET, von den italienischen Chefanklägern einbestellt worden war und diesem Anliegen auch nachgegeben hatte. Und es sollte fürwahr nicht der Doyen des US-amerikanischen Kunstwesens sein, wenn es Philippe de Montebello nicht gelungen wäre, hier immerhin noch ein Maximum dessen herauszuholen, womit eigentlich schon lange nicht mehr zu rechnen war. Die Presseabteilung des Museums gibt sich wortkarg, berichtet jedoch von 15 weiteren griechischen Silbergefäßen sowie einer Gruppe von vier italischen Werken der klassischen Periode, die restituiert werden. Im Gegenzug werden von der italienischen Regierung andere Werke weiß gewaschen, was sich in der kosmetischen Sprachfassung „long term loans“ liest. Damit ist nichts anderes gemeint, als dass weitere, ebenfalls irgendwann zurückgeforderte Objekte nun insofern einen Legalitätsnachweis bekommen, als sie in der Ausstellungsbeschriftung nicht als Eigentum bzw. Besitz des Museums sondern als (Dauer)-Leihgaben Italiens ausgewiesen werden.
Mit diesem Schachzug hat die „Eminence Grise de Montebello“ nicht nur teilweise ihr Gesicht wahren können – Montebello nimmt auch klug Bezug auf das, was Vorvordere seines Metiers und seines Amtes einmal angedacht und in homöopathischen Dosen gelegentlich auch durchgeführt hatten, um illegalem Kunstexport zu begegnen: auf höchster, will sagen auf Regierungsebene, Absprachen mit ausgewählten Museen zu treffen mit der Folge, dass ein Volk einem anderen Kunstwerke als Kulturbotschafter und Diplomaten ausleiht.
Natürlich ist das ein kluger Schritt, der hier in Richtung Deeskalation beschritten wurde. Diplomatie ist ja in mancher Hinsicht nichts anderes, als alle Beteiligten vor Gesichtsverlust zu schützen. Jedoch ist dieser Ritualtanz alles andere als eine Lösung. Wenn auch andere Objekte, ebenfalls mit dubioser Provenienz, nun per Persilschein die Aura der Legalität verliehen bekommen, ist hier freilich niemand dem Übel an die Wurzel gegangen. Die illegalen Grabungen und die entsprechenden Exporte gehen unvermindert weiter und wenn es nun irgendwann nicht mehr die etablierten Institutionen sein werden, die die Beute frech präsentieren, dann muss man in Manhattan nur über die Straße gehen, wo die potenten Sammler leben und stolz ihren Besitz zur Schau stellen – wenn es auch nie legal ihr Eigentum werden kann...
Der Euphronios Crater ist den New Yorker Massen nun abhanden gekommen und es bleibt zu wünschen, dass der italienische Staat Modalitäten findet, ihn auch zukünftig publikumswirksam und würdig auszustellen. Irgendwie aber riecht diese Aktion auch verdächtig nach einer kunstvoll bewirkten Stille vor dem ungeheuren Sturm.