Messerückblick 1. Halbjahr China

Erfolg in der Nische

Robin Peckham
24. August 2010

In diesem Frühjahr geriet in der chinesischen Kunstlandschaft einiges in Bewegung. Hongkong entwickelt sich langsam aber sicher zum führenden Marktplatz. Nicht nur, dass die bedeutenden Werke der Frühjahrsauktionen dort zur Versteigerung kamen, nun dominiert die Hafenstadt auch das Messegeschehen. Zwar wetteiferten erneut die Pekinger China International Gallery Exposition (CIGE) und die Art Beijing um die Führung auf dem Zeitgenossenmarkt, am Ende aber wurden beide von der Hongkonger ART HK, die momentan als die angesagteste asiatische Kunstmesse gilt, in den Schatten gestellt. Dennoch bleiben Peking und auch Schanghai wichtige Stationen auf dem Pilgerweg internationaler Kunstliebhaber. Dies gilt vor allem für Peking, weil hier immer noch die meisten Satellitenmessen und Nebenveranstaltungen stattfinden. Die distinguiertesten Besucher rekrutieren sich dabei aus der kleinen Schar US-amerikanischer und europäischer Museumskuratoren, doch dass die meisten Aussteller auch nächstes Jahr wieder an den Messen teilnehmen wollen, ist den heimischen Sammlern zu verdanken: Den Pekingern ist es nämlich gelungen, neue Käufer für die Kunst ihrer Landsleute zu begeistern – obwohl deren Stände oft reichlich uninspiriert blieben und die Werke auch nicht gerade zur ersten Liga gehörten. Hongkong ist das Ziel der etablierteren Sammler aus Festlandchina – neben den Koreanern, Japanern und Taiwanesen, die durchaus an internationaler Kunst interessiert sind, jedoch lange vorwiegend im Heimatland gekauft haben.

Eingeläutet wurde die Frühjahrssaison Ende April mit der CIGE und der Art Beijing. Trotz der guten Kontakte von Wang Yihan, Direktor der CIGE, und dem Ruf der Messe als Schlüsselevent für den lokalen Handel hatte die CIGE einen vergleichsweise schweren Stand. Nicht einmal ein Dutzend international renommierter Galerien und Non-Profit-Spaces aus China bemühte sich um die Gunst einer spürbar geschrumpften Besuchermenge. Auch Verkäufe gab es wenige. Verlässliche Abschlüsse, so hieß es bei den Galerien aus Peking und Taipeh, wurden ohnehin mit langjährigen Kunden getätigt. Unter den chinesischen Teilnehmern lautete daher erstmals die einhellige Meinung, dass auf der Art Beijing deutlich mehr zu holen war. Die Messe, die unter Leitung von Dong Mengyang mit großem Ehrgeiz als Satellit zur CIGE gestartet war, legte dieses Jahr sichtlich zu und zog mit ihren nunmehr 70 Ausstellern – doppelt so viele wie 2009 – ins Agricultural Exhibition Center. Dieses Wachstum ist wohl auch zusätzlichen Ausstellungen und Messesektionen wie „Fashion Beijing“, „Art Intersections“, „Art Unforbidden“ oder „Art Platforms“ sowie manch glamourösem Event in den neuen Nobelstadtvierteln zu verdanken.

Schuebbe Projects und Galleria dell’Arco brachten sogar ein wenig internationales Flair auf die Art Beijing, obwohl es insgesamt an Neuteilnehmern aus dem Ausland mangelte und andere internationale Aussteller wie Galerie Forsblom der Messe den Rücken kehrten. Allerdings gibt es zum jetzigen Zeitpunkt auch wenig Anreiz für internationale Sammler oder Galerien, die Messe zu besuchen. Die Stände seien viel zu langweilig, wurde geklagt, und es sei zu viel Schablonenhaftes zu sehen, gerade im Bereich China-Pop oder Cartoon-Kunst. Dennoch spricht vieles dafür, dass die Art Beijing sich zu der Messe im nördlichen China entwickeln wird. Dazu gehören das verbesserte Management und gute Beziehungen zu potenziellen Sammlern, vor allem zu wohlhabenden Chinesen, die sich neu im Kunstbetrieb tummeln. Für die Galerien vor Ort, die hier die richtige Sprache sprechen und die richtigen Strippen ziehen, ist dies ein großartiger Markt.

Die wahre Erfolgsgeschichte dieser Saison jedoch war die ART HK, die Hong Kong International Art Fair. Verkäufe gab es reichlich zu vermelden, sowohl bei wichtigen westlichen wie auch asiatischen Galerien. Nur Händler, die mit einem etwas gewagteren Programm und mit jungen internationalen Künstlern angereist waren, zogen enttäuschte Mienen. White Cube aber verkaufte eine Damien-Hirst-Vitrine für 2,6 Millionen US-Dollar an einen taiwanesischen Sammler und konnte auch Arbeiten von Tracey Emin, Antony Gormley, Sarah Morris und Zhang Huan veräußern. Pace Gallery verkaufte neben Werken von Sterling Ruby und Zhang Huan ein Zhang-Xiaogang-Portrait für eine Million US-Dollar, Lisson einen Anish Kapoor für 857.340 US-Dollar, Sperone Westwater eine Reihe von Gemälden Liu Yes, darunter eines für 650.000 US-Dollar an einen chinesischen Kunden. Marianne Boesky setzte mehrere Arbeiten von Yoshitomo Nara ab, eine zum Preis von 350.000 US-Dollar, und Tang Contemporary Art verkauften einen monumentalen Liu Xiaodong, schweigen sich über den Preis aber aus.

Auf solche Meldungen stürzte sich die Presse. Der Großteil des Umsatzes aber dürfte sich in einer Spanne von 15.000 bis 250.000 US-Dollar bewegt haben, wie die überwiegende Zahl der westlichen und chinesischen Galeristen verlautbarte. Mit Sorge wurde der Einfluss der sogenannten Berater beobachtet, die bei den internationalen Galerien als Übersetzer für die Sammler aus Festlandchina auftreten – ähnliche Klagen wurden schon vor einigen Jahren laut, in Hinblick auf den Sekundärmarkt. Dabei waren die Berater hier oft von den Launen und der Macht ihrer früheren Auftraggeber abhängig. Viele US-amerikanische und europäische Galerien merkten auch an, dass sich junge westliche Künstler nur schwer an asiatische Sammler vermitteln lassen. Die rühmliche Ausnahme stellte ein bei Lehmann Maupin verkauftes kleines Gemälde von Hernan Bas dar. Ansonsten herrschte unter den ausländischen Teilnehmern aber Einigkeit darüber, dass es ihnen vor allem um langfristige stabile Beziehungen zu asiatischen Sammlern geht. Das aber erweist sich in Hongkong als Herausforderung. Die meisten Sammler zieht es an Stände, auf denen ihnen die Gesichter, zumindest aber die Kunstwerke, vertraut sind. Die internationalen Teilnehmer bemängelten auch, dass sich die berühmte Hongkonger Effizienz nicht immer auf die Messe übertragen hätte. Auf den Gängen hätte arges Gedränge geherrscht – was an einem Zuwachs der Besucherzahlen um 65% auf insgesamt 46.115 liegt –, auch sei die Kojenvergabe nicht ohne Bevorzugungen erfolgt.

Im Gegensatz zu 2009 aber kauften chinesische und andere asiatische Sammler wieder mehr bei den großen Galerien aus Festlandchina. Die jungen Künstler aus Asien waren übrigens, anders als ihre westlichen Kollegen, leichter an den Mann zu bringen. Von vielen Händlern aus der Region war zu hören, dass Sammler hier großes Interesse bekundet hätten. Vielleicht liegt hierin auch ein Versuch, einer wachsenden Monopolisierung auf dem Markt entgegenzuwirken, werden doch die meisten Big Names der westlichen und chinesischen Kunst durch etablierte Galerien aus New York oder London vertreten. Dann hätten auch die westlichen Museumskuratoren einmal andere Anlaufstellen. Dieses Jahr wurden Richard Armstrong vom Guggenheim Museum, Olga Viso vom Walker Art Center, Hans Ulrich Obrist von der Serpentine Gallery oder auch Michael Govan vom LACMA in Hongkong gesichtet. Vielleicht zieht aber auch der Name Lars Nittve, denn mit der Berufung des ehemaligen Direktors des Stockholmer Moderna Museet und der Londoner Tate Modern an das Museum Plus (M+) im West Kowloon Cultural District ist Hongkong ein Coup gelungen. Und dann hört man noch aus der Stadt, dass sowohl Gagosian wie auch Emmanuel Perrotin planen, dem Vorbild Ben Browns zu folgen und hier Räume zu eröffnen – auch Pace, so wird kolportiert, könnte sich zu dieser Gruppe gesellen. Pace Beijing stünde allerdings, so heißt es, nicht zur Disposition.

Nun richten sich alle Augen auf Schanghai, wo vom 9. bis zum 12. September die ShContemporary zum zweiten Mal unter der Leitung von Colin Chinnery stattfinden wird. Chinnery hatte 2009 trotz des schwierigen wirtschaftlichen Klimas und der nicht ganz skandalfreien Messegeschichte eine beeindruckende Veranstaltung auf die Beine gestellt. Bisher konzentriert sich die PR-Arbeit allerdings vorwiegend auf die von Hou Hanru organisierte Begleitkonferenz; zudem überwiegen auf der Ausstellerliste die Händler aus der Region. Dennoch sollte man die kommerzielle Zugkraft dieser Veranstaltung nicht unterschätzen. Viel wird von Erfolg oder Misserfolg der Herbstmessen abhängen – zu denen auch die Korean International Art Fair und die Art Taipei zählen. Im Anschluss werden sich die Rollen von Nischenmessen wie Peking und Hongkong wohl noch weiter ausprägen. Vor allem aber wird sich dann absehen lassen, welche Kunst sich an welchem Ort am besten vermitteln lässt und in welche Richtung sich der Appetit chinesischer Sammler auf Kunst aus Ost und West entwickeln wird.


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