Messebericht Frieze Art Fair 2011

Traditionell zeitgenössisch

Gesine Borcherdt
13. Oktober 2011

Frieze Art Fair, London. Vom 13. Bis 16. Oktober 2011

„Busy, busy!“, mehr kann der Mann von der Londoner Lisson Gallery kaum äußern vor lauter Eifer. Die Stimmung sei hervorragend, schon zwei Stunden nach Eröffnung habe man bestens verkauft, darunter das Lebenszelt von Haroon Mirza, der dieses Jahr den silbernen Löwen in Venedig bekommen hat und gerade im Londoner Camden Art Center ausstellt. Sehr beschäftigt, so sehen auch viele seiner Kollegen der 173 Galerien aus 33 Ländern aus, mit denen am Mittwoch die Londoner Frieze Art Fair eröffnet hat – nach der Art Basel die wichtigste Messe für Zeitgenössische Kunst Europas. Dass es gut läuft, ist allgemeiner Tenor und fast klingt es, als wolle man den Markt verbal anheizen – doch in den meisten Fällen kann man dem Glauben schenken. Schließlich ist es kein Zufall, dass die White Cube Gallery am Tag der Vernissage der Messe mit einem dritten Standort in der südlondoner Bermondsey Street auf 5.400 Quadratmetern die größte Galerie Großbritanniens eröffnet hat. Über 100 Mitarbeiter zählt White Cube mittlerweile und die englische Tageszeitung „The Guardian“ nennt die ehemalige Lagerhalle aus den Siebzigern denn auch die „Tate Britain“ unter den kommerziellen Galerien. Geplant ist übrigens ein weiterer Ableger in Hongkong Anfang nächsten Jahres. Und so geben sich White Cube-Betreiber Jay Jopling und seine Bestseller auf der Frieze gewohnt britisch-süffisant: The Milk of Human Weakness II with ‚God does not love you‘ – O.M.F.G. heißt die Installation von Jake und Dinos Chapman, die an der Außenwand des Standes eine Madonnenstatue auf einem Holzsschränkchen platziert haben, daneben ein altes Ölgemälde.

Tatsächlich könnte das Motto dieser Messe lauten: Skulptur. Fast jeder Stand nutzt den Raum und nicht nur die Wände auf ausufernde Weise. Das kann elegant aussehen, wie die rostigen Röhren der Turinerin Lara Favaretto bei Franco Noero (40.000 Euro). Die Künstlerin wird auf der nächsten documenta dabei sein und zeigt demnächst im New Yorker P.S.1 und Roms MAXXI eine Soloshow. Noero hat an seinem konzeptuell-reduzierten Stand bereits fünf Arbeiten kurz nach der Eröffnung verkauft, die von Favaretto ist reserviert. Ähnlich stimmig sieht es bei kurimanzutto aus Mexico City aus: Abraham Cruzvillegas hat dort eine raumgreifende, doch grazile Komposition aus Türen und Holzrahmen installiert (45.000 Euro). Im Gegensatz zu Damian Ortegas nun ebenfalls zu erstehender aufgebrochener Kugel (35.000 Euro) aus gepressten Zeitungsseiten, die er während seiner Schau in der Barbican Art Gallery letztes Jahr las, ist die Komposition von Cruzvillegas am ersten Tag noch zu haben.

An anderen Ständen geht es dagegen gerne mit größeren Gesten zu – von denen viele erstaunlich gelungen sind, wie bei Georg Kargl aus Wien: Hier haben Muntean/Rosenblum das Computerspiel „The NeMeSis“ ins Dreidimensionale verwandelt – Messebesucher betreten ein Haus mit Briefkasten, Gartenzaun und Garderobenständer, das mit den bekannten Pathosmalereien des Duos und Werken ihrer Galeriekollegen eingerichtet ist. Auch Anton Kern setzt auf Skulptur: Von Jim Lambie wurde eine Garderobe in die USA verkauft (78.000 US-Dollar), Matthew Monahan sorgt mit einer goldenen Abstraktion auf schwarzem Riesensockel für Aufmerksamkeit (95.000 US-Dollar). Der Kalifornier ist gerade in Charles Saatchis Ausstellung über neue Skulptur zu sehen, die Arbeiten diverser Künstler von Anselm Reyle (auf der Frieze mit knallfarbigen Möbeln bei Contemporary Fine Arts zu sehen) bis Björn Dahlem (neuerdings bei Sies + Höke, deren Stand er mühelos im Alleingang bespielt) in gewohnter Weise beliebig zusammenwürfelt. Dass Wilhelm Sasnal gerade in der Whitechapel Art Gallery ausstellt, kommt der Galerie ebenfalls zugute: Sein konzeptuell ambitioniertes Schwarz-Weiß-Bild für 100.000 US-Dollar ist reserviert.

Einen präzisen Auftritt legt die Galerie The Modern Institute aus Glasgow hin. Der Turner-Prize-Anwärter Martin Boyce hat modernistische Lampions über die Köpfe der Besucher gespannt, die hier noch einmal Jim Lambies Farbfaltungen und einem feinen Extra-Raum für Dirk Bells Collagen und einer bemalten Tür begegnen – alles Werke, die den Grat zwischen Malerei und Skulptur abwandern und dabei gerne in den Raum kippen. So wie auch Mark Handforths gigantisch verbogener Bügel bei Gavin Brown’s Enterprise kaum welchen einnimmt und trotzdem den ganzen Stand beherrscht. Und auch bei Tanja Bonakdar kommt man um Olafur Eliassons planetarisch anmutender Gedankensphäre (Thinking Sphere, 2011) aus Spiegeln, Stahl und gelbem Glas nicht vorbei.

Für die größte Attraktion der Messe sorgt allerdings Christian Jankowski. Im Rahmen der „Frieze Projects“, bei denen in diesem Jahr acht Künstler zu Auftragsarbeiten eingeladen wurden, hat er eine Mega-Yacht in die Hallen geholt, die dort von einem Profiverkäufer der RCN Ferretti Group fachmännisch präsentiert wird. Der Preis: 430.000 Britische Pfund – allerdings nur, wenn man den Luxusliner nicht als Kunst kauft. In dem Fall kostet er nämlich 540.000 Britische Pfund, die sich dann Künstler und Händler teilen. Dazu gibt es ein Zertifikat, das das Boot zur Kunst erklärt – womit Jankowski, der ja gerne seine eigene Branche auf den Arm nimmt, wohl seinen bisher größten Coup gelandet hat. Dagegen hat Mark Wallinger die Weltkugel auf Flummigröße geschrumpft - als Gemisch aus Plastillin und Farbe. Nun baumelt sie in der Galerie Krinzinger herum und wandert nach der Messe nach Deutschland, wo ein Sammler dazu bereit war, für sie 11.000 Britische Pfund auszugeben.

Man merkt es bereits: Trotz der Fülle an sperrigen Rauminterventionen gehen die meisten Galeristen bei der Frieze lieber auf Nummer sicher. Um Entdeckungen zu machen oder auf Vergessene wie die Portugiesin Helena Almeida (Jg. 1934) zu stoßen, deren Aktionsfotografien Helga de Alvear aus Madrid eine Einzelschau gewidmet hat, muss man hier schon genau hinschauen. Dennoch: In diesem Jahr ist es vielen Galerien gelungen, ihre Künstler zu Höchstleistungen zu animieren – und so kann man auch unter bekannten Namen erstaunlich viel Neues ausmachen.


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