20. Oktober 2011
FIAC – Paris. Vom 20. bis 23. Oktober 2011
Die Arme hängen schlaff auf den Stuhllehnen, der Blick geht schutzbedürftig nach innen. Von der fatalistischen Körperhaltung des blonden Turnschuhwesens Andro Wekuas sollte man sich nicht täuschen lassen. Denn die Stimmung am Eröffnungsabend der 38. Fiac ist bestens. Spätestens, als endlose Schlangen vor dem Eingang und ein kauffreudiges Getümmel unter dem Glasdach das majestätische Grand Palais stürmten, erwiesen sich die Vorschusslorbeeren als berechtigt. Grund genug für Barbara Gladstone, eigene Wege zu gehen: Offenbar sah sie in der besorgniserregenden Wachsszenerie genug Marktpotenzial, um diesem Künstler mit sechs weiteren Werken gleich ihren ganzen Stand zu überlassen. Sie selbst nahm in ebenbürtiger Nachbarschaft strategisch im Blickfeld des Eingangs an einem schlichten Tisch Platz. Die Aufmerksamkeit war ihr trotzdem sicher, zumal die Kollegen keinerlei Risiken eingingen.
Gagosian montierte den gefühlt hundertsten Medikamentenschrank von
Damien Hirst an die Wand,
White Cube schließt sich dem mit einer Fischsammlung in Formalinkäfigen
Where Will It End? für 2,5 Millionen Euro an, während
Michael Werner ein gefälliges Potpourri aus
Lovis Corinth,
Hans Arp und
Markus Lüpertz anbietet. Einige Stände weiter setzt sich dagegen
David Zwirner aus New York mit einer raumgreifenden Lichtinstallation von
Dan Flavin, die in den Farben der Trikolore 200 Jahre Französische Revolution feiert, angenehm ab. Die neonumrankte Arbeit des Minimal-Meisters von 1989 ist für 1,5 Millionen US-Dollar im Angebot.
Sprüth Magers locken ebenfalls mühelos an ihren Stand, mit einer Auswahl von
Barbara Krugers Marylin-Ikonen – das lachende Werbegesicht wird hier konterkariert mit dem anklagenden Schlagwort FEAR (49.000 Euro). Und
Kewenig schickt eine von
Kimsoojas in Tüchern verhüllten Frauengestalten für 120.000 Euro ins Rennen. Sieht man von den überraschungsfrei-soliden Präsentationen der meisten Platzhirsche ab, kann die Verknappung der Ausstellerliste von zuletzt 195 auf 165 Galerien – davon die stärkste Delegation der Amerikaner mit allein 27 Positionen – nur begrüßt werden; zumal die neue location unter der Kuppelhalle mit ihren flanierfreundlichen Galeriebögen den Louvre-Hof mehr als würdig vertritt, der wegen Umbauten ausgefallen ist. Auch für die jüngeren Galerien, die bisher im Cour Carrée am Katzentisch saßen, ist die rigorose Reduktion ein erfreulicher Glücksfall, der auf Anhieb mit überfüllten Gängen goutiert wurde.
Raum für prominente Rückkehrer wie die Galerie
Gmurzynska – die eine spektakuläre, 580.000 Euro teure
Joan Miró-Arbeit im Gepäck hatte – und Neuankömmlinge fand sich dennoch. Einer davon ist die exquisite Fotogalerie
Kicken Berlin. „Wir sind ganz happy“, erzählt Mitarbeiterin Ina Schmidt-Runke begeistert, „es ist alles so energetisch hier. Einige Kunstberater, die wir aus Basel kennen, waren schon da. Viele Amerikaner haben nach dem Besuch der Londoner
Frieze die Fiac mitgenommen. Die Franzosen stehen der Fotografie traditionell ohnehin aufgeschlossen gegenüber. Wir haben nach wenigen Stunden Vintage-Abzüge im sechsstelligen Bereich verkauft, aber auch Arbeiten von zeitgenössischen Fotografen wie
Charles Fréger fanden schnell Absatz.“ Die Spezialität dieses Franzosen sind Zugehörigkeitsmerkmale von Gruppen: Nach Fremdenlegionären, finnischen Schlittschuhläuferinnen oder Sumōringern nimmt er sich nun mit seiner neuesten Arbeit
Wilder Mann den Typus des in ein barbarisches Ungeheuer verwandelten Menschen vor. Vier kleinere Arbeiten wechselten für 2.800 Euro den Besitzer. Für 26.000 Euro war indes noch ein selten gezeigtes und erstaunlich surreales Porträt von Marlene Dietrich zu haben –
Irving Penn ließ die Diva in einer ausgeleuchteten Wandecke posieren und lichtete ihre Hände übergroß ab. In ihren Augen ein Makel, den es mit einem missbilligenden Verbot aus der Welt zu schaffen galt.
Gut begonnen hat die Fiac auch für
Karsten Greve.
Louise Bourgeois' handwerklich wunderschöne
Ode à L´Oubli (Ode an das Vergessen), ein Buch aus 36 Stoffseiten mit in die Abstraktion überführten Lebenserinnerungen, ging nach wenigen Stunden an einen Privatsammler. Auch die Mehrzahl der Arbeiten von
Claire Morgan oder
Cy Twombly schmückte am Abend ein roter Punkt. Dagegen herrschte bei der Pariser
Galerie Perrotin an überdimensionierten Skulpturen kein Mangel. Neben einem gigantischen
Takashi Murakami, der bereits vor der Frieze an eine europäische Stiftung verkauft wurde, konkurrierte einer der handelsüblichen gotischen Türme des Belgiers
Wim Delvoye für 800.000 Euro um die Lufthoheit unter dem Stahlgerüst. Auch der schon auf der Frieze omnipräsente
Thomas Houseago sorgte mit dem Riesenlöffel
Big Spoon bei dem Brüsseler
Xavier Hufkens für ein inflationäres Déja-vu.
Thaddaeus Ropac bediente mit
Marc Quinns History Painting den Trend zum Politischen – leider mit einer allzu plakativen Heroenpose, die für 176.000 Britische Pfund den Sommerunruhen in England nachspürte. Bei so viel Mut zur kitschigen Straßenemphase empfahl sich die Flucht in den zwei Stockwerke höher gelegenen Lafayette Sektor, wo dieses Jahr die günstigeren und meistens auch weniger bekömmlichen Positionen ein Zuhause gefunden haben – darunter
Laurent Godin, der mit der kleinen, aber aufwühlenden Soloschau des Belgiers
Peter Buggenhout apokalyptische Schauer hervorrief. Seine Objekte aus Abfallmaterialen, Dreck und Tierblut lassen niemanden gleichgültig. Buchstäblich üble Düfte versprüht das Hausstaubgebilde aus der Serie „The Blind Leading the Blind“, eine Hommage an
Pieter Brueghel d. Ä., die allerdings bei einem Preis von 35.000 Euro noch auf einen geruchstoleranten Käufer warten musste; im Gegensatz dazu ging die Medusa-Monströsität aus der Serie „Gorgo“ an einen israelischen Sammler.
40 Jahre alte, aber immer noch schockierende Subversionen sind vom programmatisch dunkel eingetauchten Stand der Berliner
KOW Galerie zu vernehmen. Drei angriffslustige Filme (10.000 US-Dollar) der Feministin
Barbara Hammer ziehen hier mit ihrer tabulosen Ästhetik magisch an, was auch an der auffällig unterrepräsentierten Videokunst liegen mag. Da mutet der Auftritt von
Helen Marten bei
Johann König fast infantil an: Die 1985 geborene Engländerin begnügte sich mit der Installation eines kunterbunt verwunschenen Kinderzimmers, durch das ihre Galeriekollegin
Alicja Kwade als Besucherin turnte. Absturzgefahr droht der Messe selbst bei all ihren Security-Checks allerdings kaum.