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Messebericht Art Brussels 2012

Geburtstagsblues in Brüssel

Alexandra Wach
19. April 2012

30. Art Brussels Contemporary Art Fair, Brüssel. Vom 19. bis 22. April 2012

Großsammler Antoine de Galbert kann die Augen von den Rabbit Slippers nicht lassen. Wie eine Schlange umkreist der Carrefour-Erbe und Betreiber des Pariser Kunstzentrums Maison rouge das weiße Kaninchenpaar, das am Stand der Brüsseler Galerie Rodolphe Janssen auf einem Sockel die Blicke auf sich zieht. Wim Delvoye hat sich zum 30. Geburtstag der Art Brussels einen besonderen Hingucker ausgedacht. Die kalkulierte Frechheit, das tierische Kunstmotiv als die neueste Pantoffelmode zu präsentieren, findet Anklang, auch wenn de Galbert nach einem kurzen Sondierungsgespräch abwinkt. Ob es an dem Preis von 65.000 Euro gelegen hat?

Die diesjährige Jubiläumsausgabe hätte ein Triumph werden können: 182 Galerien wurden ausgewählt, sieben weniger als letztes Jahr, die neue Ausstellungsarchitektur wirkt angenehm luftig, die Präsenz hochkarätiger Werke stimmungsaufhellend. Unter der Leitung von Karen Renders schärft die Brüsseler Kunstschau sogar ihr Profil als junge Entdeckermesse, was manch ein Neuzugang beweist. An vorderster Front zwei junge Galerien aus Berlin: Chert Berlin fällt mit Arbeiten der aus Polen stammenden Bildhauerin Kasia Fudakowski auf, die unter dem Titel For how much longer must we improvise? den Stand mit einem 6.000 Euro teuren Metallparavent in Schutz nimmt. Zusammengeschweißt aus abstrakten Elementen changiert das Gestell zwischen folkloristischer Toreinfahrt und spätkonstruktivistischem Ornament. Bei der Galerie Tanja Wagner überzeugt die junge bosnische Künstlerin Šejla Kamerić auf Anhieb. Auf den Spuren des Balkankriegs taucht sie mit den erst auf den zweiten Blick aufwühlenden Arbeiten Red Carpet (17.000 Euro) und Bosnian Girl (13.000 Euro) in das blutige Geschehen in Sarajevo ein. Handgehäkelte, bedrohliche Spinnennetze und sexistische Graffiti auf ihrem desillusionierten Autoporträt erzählen von der zweifelhaften Rolle, die den UN-Truppen während des Konflikts zufiel.

Im Segment „Junge Talente“ gibt es außerdem Platz für Positionen, die nicht gerade den mitunter poppigen Geschmack der belgischen Messebesucher bedienen. Der Neuzugang Ellen de Bruijne Projects aus Amsterdam wagt sich mit einer Soundinstallation der schottischen Turner-Prize-Gewinnerin Susan Philipsz weit vor und sorgt für einen Hauch von antimaterialistischer Subversion. Exzentrisch geben sich auch Geukens & De Vil aus Antwerpen. Ihr komplett holzvertäfelter Stand versprüht den Charme einer Bio-Holzunterkunft, in der in sich gekehrte Menschenskulpturen von Sofie Muller Schutz suchen.

Leider kann jedoch der Umstand, dass die Art Brussels zunehmend unter der deutschen Konkurrenz leidet, auch diesmal nicht durch Entzerrung der Termine entschärft werden. War es letztes Jahr noch das Gallery Weekend Berlin, das dazwischenfunkte – einigen Kölnern wie Thomas Zander oder Figge von Rosen immerhin aber die Gelegenheit zur Teilnahme bot – glänzt die Dom-Fraktion diesmal durch Abwesenheit. Der Magnetismus der erstarkten Art Cologne wirkt sich während der Preview verheerend aus. Die Gänge füllen sich erst am Abend, das belgisch-französische Sammlervolk bleibt fast unter sich. US-Amerikaner? Chinesen? Fehlanzeige. Selbst Deutsch hört man kaum, bis auf einige Künstler wie Tobias Rehberger oder Gregor Hildebrandt, die der rheinischen Charmeoffensive versprengt Widerstand leisten.

Jan Wentrup bringt es im Gespräch auf den Punkt: „Es ist deutlich ruhiger als sonst. Ich bin seit vier Jahren im Komitee der Art Brussels und habe selbst miterlebt, wie schwer es ist, die drohenden Kontaktverluste abzuwägen. Um unsere wichtigen belgischen Käufer nicht zu verlieren, haben wir wieder auf Brüssel gesetzt. Die deutschen Sammler trifft man aber in Köln. Einige, die heute schon an unserem Stand waren, nehmen die Art Brussels zwar mit, weil ihnen die Art Cologne zu etabliert ist, aber an der Lösung des Problems muss unbedingt noch gearbeitet werden.“ Eine Skulptur von David Renggli konnte Wentrup dennoch bereits am Vormittag für 11.000 Euro an einen französischen Sammler verkaufen. Einem Belgier war ein neues CD-Bild von Gregor Hildebrandt 27.000 Euro wert.

In der unteren Halle der Art Brussel bleibt man ebenso gelassen und holte seine Trumpfkarten heraus. Die hier traditionell stationierten Galerien mit prestigeträchtiger Kunst, in der Mehrheit belgischer Provenienz, geben ihr Bestes. Die Gladstone Gallery, in Brüssel mit einer eleganten Dependance vertreten, geht mit Shirin Neshat, Rosemarie Trockel, Allora & Calzadilla, Anish Kapoor und Elizabeth Peyton ins Rennen. Die sechsstelligen Preise hält man für die Presse selbstbewusst unter Verschluss. Ebenso verfährt Xavier Hufkens, dessen Stand von seinen Stammsammlern regelrecht überrannt wurde. Neben der spektakulären Skulptur Large Hand von Thomas Houseago und einer die Vorzüge der Stille preisenden Hommage an Baudelaire von Louise Bourgeois könnte dies an der großflächig vibrierenden Leinwand SP 195 des US-Amerikaners Sterling Ruby liegen, die bereits nach wenigen Stunden einen Abnehmer fand.

Wer nach der Wiener Retrospektive 2011 für das Werk von Birgit Jürgenssen entbrannt ist, kann sich bei ihrem Nachlassverwalter Hubert Winter schon für 4.000 Euro pro Stück mit einigen ihrer bekanntesten Selbstporträts eindecken. Obwohl zum ersten Mal dabei, herrscht auch am Stand von Axel Vervoordt auf Anhieb reges Treiben, wobei die Auswahl der Kunstwerke offenbar einer strikten Farbdoktrin unterlag. Geduldet werden nur Schwarz-Weiß und dezente Grautöne. Die Qualität stimmt trotzdem. „Lightning Field“, eine Fotoserie elektrischer Himmelsentladungen von Hiroshi Sugimoto, gesellt sich im Dämmerlicht des auf Intimität setzenden Standes zu Santiago Sierra, Roman Opałka, Gotthard Graubner, einem imposanten Black Painting von Ad Reinhardt und einem hinter Glas einbalsamierten Päckchen von Christo. Das Empaquetage wirbt hier für 120.000 Euro um die Gunst nicht abreißender Interessenten.

Galeristin Micheline Szwajcer aus Antwerpen schafft bei geschmackvollem Dekor wenige Schritte weiter mit feinster Konzeptkunst den nötigen Kontrast. Für Lawrence Weiners Wortskulptur Outside of Any Given Context, die sich der Käufer in beliebiger Wunschrichtung an einer Wand installieren lassen kann, veranschlagte sie 160.000 Euro. Es ist fast ein Jammer, zugegeben auf höchstem Niveau, dass bei so viel Sinn für eine abwechslungsreiche Programmierung den Brüsselern der Abstieg in die Regionalliga droht. Bleibt nur zu hoffen, dass das Team um die zupackende Messechefin endlich zum Gegenangriff übergeht.

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