Messebericht: Art Basel Miami Beach 2011

Welche Krise?

Anne Schreiber
1. Dezember 2011

Art Basel Miami Beach. Vom 1. bis 4. Dezember 2011

Für echte Superlative sorgen in diesen Tagen vor allem die Krisen. Doch während in Europa die Politiker versuchen, das drohende Aus ihrer Gemeinschaftswährung abzuwenden, ist davon auf der diesjährigen Art Basel Miami Beach wenig zu spüren. Das ist bemerkenswert, war doch die wichtigste Messe für zeitgenössische Kunst in den USA 2008 von der weltweiten Finanzkrise arg in Mitleidenschaft gezogen worden und musste starke Einbrüche verzeichnen.

2011, im zehnten Jahr ihres Bestehens, scheint man auf der Basler Tochtermesse die Einbußen der letzten Jahre vergessen zu haben - oder muss einfach gerade einfach nur viel Geld noch einmal sicher geparkt werden? Die globale Kunstwelt hat sich jedenfalls zu einer Kunstwoche in Miami eingefunden – und findet dort ein gigantisches Eventpaket vor, mit nicht weniger als 17 Kunstmessen, einer Kunstmarktkonferenz, einer Auktionsvorschau und einem guten Dutzend Eröffnungen in Museen und Galerien. Entsprechend lang sind die Schlangen zur Eröffnung. Über 260 Galerien bieten in diesem Jahr Arbeiten von mehr als 2.000 Künstlern an, die Präsenz ist wie immer international. Schon gegen frühen Nachmittag zeigen sich die Galeristen zufrieden. Mehr noch, die Art Basel Miami erweist sich für manchen als das eigentliche Basel, nur eben „on the beach“: Nicole Hackert von Contemporary Fine Arts sagt, die Verkäufe liefen in Miami in diesem Jahr beinahe besser als in der Schweiz. Von den großformatigen figurativen Malereien von Marcel Eichner, den CFA bereits im letzten Jahr in Miami im Programm hatten, sind alle Werke an US-Sammler verkauft, für Preise zwischen 22.000 und 40.000 US-Dollar. Auch eine Arbeit von Anselm Reyle für 155.000 Euro, buntfarbige Spiegelfolie und Lack auf Holz, sowie ein Druck vonGert und Uwe Tobias ging für 50.000 Euro weg. Hier zeigt sich eindeutig: Die Stimmung ist positiv, die großen US-Sammler alle auf der Messe.

Bei Max Hetzler ist die Laune ebenfalls gut: Kurz nach der Eröffnung verkauft wurde die Arbeit FM 48 (2011) von Albert Oehlen, eine in hellen Tönen gehaltene abstrakte Malerei, für die Oehlen in einer neuen Technik malt: Fingermalerei, für 220.000 US-Dollar. Von Günther Förg konnte Hetzler das Gemälde Untitled von 1992, eine in Weiss und Grün unterteilte Acryl-Malerei auf Blei, für 80.000 US-Dollar an den Mann bringen. Judy Lybke von Eigen + Art verzeichnet ebenfalls positive Zahlen, wenngleich die Skulptur Die Jägerin (2011) von Neo Rauch zur Preview noch nicht verkauft war. Beinahe der gesamte Stand ist allerdings von Carsten und Olaf Nicolai bespielt, mit schwarz-metallenen Skulpturen. In diesem Jahr haben die Amerikaner ihre hochkonzeptuellen Werke dem Leipziger Vorzeigekünstler vorgezogen. Einige der Werke sind bereits nicht mehr zu haben, darunter etwa die Aluminium-Skulptur yes/no (2009) von Carsten Nicolai, die Lybke für 12.000 US-Dollar verkaufen konnte. Olaf Nicolais Celio von 2004, eine schwarz glänzende, einem Fenster oder einer Leinwand ähnelnde Skulptur für 34.000 US-Dollar ist reserviert. Daniel Buchholz hat ebenfalls an US-Sammler verkauft, und zwar eine mehrteilige Arbeit von Julian Göthe – eine Gruppe aus abstrakten Zeichnungen für 14.000 Euro und eine Video-Installation für 20.000 Euro.

Bei Sprüth Magers lautet die knappe Auskunft – zwischen Gesprächen mit Kauf-Interessenten – „fast alles verkauft“. Es laufe besser als in den Jahren zuvor, die Nachfrage nach Qualität bei den Interessenten sei gestiegen, die Atmosphäre internationaler. Die Talsohle von 2008 hatte die Galerie wegen ihres Umzugs innerhalb Berlins damals nicht mitbekommen. Sprüth Magers ist mit großen Namen da, etwa Jenny Holzer, Andreas Gursky und Rosemarie Trockel. Auch Martin Klosterfelde gibt sich beschäftigt, bei ihm heißt es ebenso knapp wie triumphierend, „ausverkauft, der ganze Stand“. Die Lisson Gallery beendet mit der Messe in Miami ein Rekordjahr, ebenso wie auf den anderen großen internationalen Messen Frieze oder Art Basel laufen die Verkäufe auch hier bestens: 1, 2 Millionen US-Dollar wurden hier für eine neue Skulptur von Anish Kapoor gezahltund 862.000 US-Dollar für eine Edelstahlskulptur von Tony Cragg.

Wenn auch allerorten Heiterkeit herrscht, von echter Entspannung kann nicht die Rede sein, Verkaufsdruck ist allerorten zu spüren. Zudem wird wenig wird mit Neuem experimentiert, wie man auch bei Kicken sehen kann, die sowohl ältere Bekannte als auch zeitgenössische Fotografiepositionen zeigen. Man ist breit aufgestellt, um das internationale, diverse Publikum bestmöglich zu bedienen. So verkaufte man hier etwa eine Arbeit von Dieter Appelt von 2004, die großformatige schwarz-weiße Arbeit Forth Bridge - Cinema. Metric Space, auf der Filmstills einer Brücke in einer fortlaufenden Bildersequenz dargestellt sind. Sie wurde an einen europäischen Sammler abgegeben, für 190.000 US-Dollar. Zudem veräußerte Kicken drei Fotogravuren für je 13.000 US-Dollar mit Blumenmotiven von Robert Mapplethorpe aus den 1980er-Jahren.

Von besserer räumlicher Integration im Jahr des zehnten Jubiläums profitieren die Sektionen Nova und Art Positions: Die Nova bietet jungen und etablierten Galerien gleichermaßen eine Plattform für neue Arbeiten von zwei oder drei Künstlern. Arratia Beer aus Berlin hat die Installation MAM Project 013 von Kateřina Šedá verkauft und außerdem die Messe für zahlreiche Kontakte zu Institutionen genutzt. Jan Wentrup, ebenfalls aus Berlin, verkaufte zwei Arbeiten von Nevin Aladağ für je 4.800 Euro, zwei gerahmte T-Shirts und Überbleibsel einer ihrer Performances. Außerdem ging eine Arbeit von Gregor Hildebrandt – eine mit Kassettenband überzogene Leinwand – für 29.000 Euro weg.

Im Bereich Art Positions zeigen Galerien Einzelpräsentationen. Die Berliner Galerie Klemm’s präsentiert eine dreiteilige Arbeit von Sven Johne, der sich mit dem Zirkusleben auseinandersetzt. In Fotoserien zeigt er übermüdete Tiere oder verlassene Rasenflächen, auf denen kurz zuvor noch Zelte standen. Eine unfreiwillige Allegorie auf die Messe? Klemm‘s jedenfalls hat die Fotoserie „Popular Circus“ für 10.000 US-Dollar an einen US-Sammler veräußert.

Doch nicht überall ist man gut gelaunt: Barbara Thumm konnte bisher nur die Zeichnung Bombardier von Fernando Bryce abgeben, wenn auch immerhin für 30.000 US-Dollar. Auch die Wiener Galerie Krinzinger ist nicht unbedingt positiv gestimmt: Die Verkäufe liefen schleppend, man hoffe auf Tag zwei der Messe. Auch die Buchmann Galerie scheint mit ihren Ergebnissen für Werke von Clare Woods und Bettina Pousttchi noch nicht zufrieden. Dennoch: Mit mehreren Satellitenmessen, reichlich Museumseröffnungen, hochkarätigen Sammlerempfängen sowie Taxifahrern und Touristen, die beflissentlich über zeitgenössische Kunst sprechen, zeigt sich Miami auch im Jubiläumsjahr der Art Basel-Tochtermesse als Kunsthochburg ersten Ranges. Eurokrise heißt eben nicht gleich Kunstkrise – schon gar nicht in den USA.

Hier finden Sie alle Details zu den insgesamt 17 Messen in Miami.

Werfen Sie einen Blick auf Kunstwerke der auf artnet vertretenen Galerien, die vom 1. bis 4. Dezember an der diesjährigen Art Basel Miami Beach teilnehmen.


Mami Miami von Annika Karpowski
Nach Miami lockt nicht mehr nur alleine die Art Basel Miami Beach. Doch der Besuch der Messe bleibt oberste Kunstliebhaberpflicht. artnet hat erste Eindrücke gesammelt.


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