Messebericht 15. Art Moscow

Nicht alles Gold, was glänzt

Gesine Borcherdt
22. September 2011

15. Art Moscow. Vom 21. bis 25. September 2011

Es kann nicht immer Kaviar sein. Die 15. Ausgabe der wichtigsten russischen Kunstmesse Art Moscow mit rund 40 vor allem osteuropäischen Galerien wartet auch in diesem Jahr vergeblich auf den Glamour, den ursprünglich einheimische Großsammler wie Roman Abramovic mit Gattin Daria Schukowa oder Viktor Pinchuk aus Kiew in die weite Welt hinaustragen. Dort geben Oligarchen nach wie vor am liebsten ihr Geld aus: In New York und London, wo man mit großen Künstlernamen der westlichen Hemisphäre punkten kann. Um seine globale Eigen-PR-Maschine in Gang zu halten, kauft Abramovic nichts Russisches, und schon gar nichts Unbekanntes. Und selbst, wenn Pinchuk Ende Oktober wieder seinen Future Generation Art Prize an einen jungen ukrainischen Künstler vergibt: Um die Kandidaten zu listen, muss er mit seiner Delegation nicht nach Moskau reisen. Und sollte er doch einmal kommen, dann wird er wohl eher die neue, internationaler gefärbte Konkurrenzveranstaltung ins Visier nehmen: Die Cosmoscow gibt es seit letztem Dezember, gegründet unter anderem von dem Berliner Volker Diehl und der Moskauer Regina Gallery. Dort allerdings wurde beim Einstand ziemlich wenig verkauft, und wenn die Messe 2012 im Mai erneut stattfindet, ist fraglich, wie die zumeist westlichen Teilnehmer diesmal versuchen wollen, den schwierigen Ost-Markt zu erobern.

„Die Galerien auf der Art Moscow dagegen haben alle einen Bezug zu Russland“, erklärt Christina Steinbrecher, künstlerische Leiterin der Messe und ehemalige Mitarbeiterin von Diehl, den kommerziellen Erfolg der Art Moscow. Tatsächlich sind neben den einheimischen Galerien auch Kollegen aus dem Ausland dabei, die den Provinznimbus der Messe sogar schätzen; Ilkka Tikkanen, Direktor von der Galerie Forsblom aus Helskini, zeigt hier als einziger etablierte West-Positionen wie Bernar Venet und Peter Halley (65.000 Euro), die aber durch Ausstellungen in Russland bereits eine gewisse lokale Prominenz besitzen. Dass er zur Preview eine Collage der jungen Russin Tanya Akhmetgalieva für 7.200 Euro verkauft hat, zeigt, dass er den hiesigen Markt verstanden hat: Man kauft Einheimisches und das, was man hier schon einmal gesehen hat – antizyklisch zu Abramovic und Co. Das erklärt, weshalb viele internationale Galerien gar nicht erst kommen. Entsprechend sind auch die Zürcher Galerien Nadja Brykina Gallery und Barbarian Art Gallery fest in russischer Hand. Sie vertreten hauptsächlich die Kunst ihrer Heimat, ohne ein Wort über die Gründe für ihren Schweizer Geschäftssitz zu verlieren. Andere operieren einfach von zwei Standorten aus, wie Knoll in Wien und Budapest oder IRAGUI in Paris und Moskau. „Die Ausrichtung unserer Messe ist ziemlich lokal, auch wenn sich das gerade zu ändern beginnt“, so Steinbrecher. Die Käufer hätten momentan noch wenig Erfahrung und sammelten vor allem für Zuhause, die Preise an den Ständen rangierten zwischen 1.000 und 80.000 Dollar.

Höhere Preise sollte man für die meisten Arbeiten allerdings auch nicht unbedingt ausgeben. Zwar haben einige ortsansässige Anbieter durchaus Highlights zu bieten: Die XL Gallery zeigt eine hedonistisch anmutende Fotoarbeit von Oleg Kulik, der aus der Sicht eines Autofahrers aufgestrapste Mädels vor dem Kühler inszeniert hat. Die Triumph Gallery holt mit drei opulenten fotografischen Purgatoriumszenarien des angesagten Künstlerkollektivs AES+F (40.000 Euro, Ed. 5+1) ihr bestes Pferd aus dem Stall, die wie Kulik am Eröffnungstag allerdings noch auf Abnehmer warteten. Russlands erste Fotogalerie Pobeda freut sich dagegen darüber, bereits am Vorabend 15 poetische Schwarz-Weiß-Stillleben in alten Holzrahmen von Jefferson Hayman (1.500 – 3.000 US-Dollar, Ed. 10) an einheimische Klienten verkauft zu haben, die mit dieser sanften Bildsprache noch wenig vertraut sind, wie Galeristin Nina Gomiashvili mit erfrischender Offenheit erzählt: „Ich bin eine reiche Frau und habe bereits Geld mit in die Galerie gebracht; mit Kunst kann man in Russland nämlich keines verdienen“. Sie nehme an Messen wie Paris Photo oder der Volta Show in Basel und New York teil, um Fotografie zu verkaufen. Und ihre russischen Künstler müssten sich eben erst dort bewähren, bevor sie hier auf Interesse stießen. Das gilt generell für den russischen Markt: Erst, was im Ausland aufblüht, darf zu Hause eingelegt werden.

Die meisten Galeristen der Messe dürften von diesem Schritt allerdings noch weit entfernt sein. Zu viel bunter Polit-Kitsch und sinnfreie Ornamentik hängt in den Gängen der Art Moscow. „Der Trend geht weg von Kunst, die sich mit der russischen Vergangenheit beschäftigt. Stattdessen dreht sich die Kunst nun öfter um sich selbst“, meint Steinbrecher. Wie fatal das aussehen kann, zeigt sich beispielsweise bei der Barbarian Art Gallery, wo die Direktorin Natasha Akhmerova betont Wert legt auf das Unpolitische der von ihr vertretenen Werke: Mit MARCK, einem Fabrizio-Plessi-Verschnitt mit Digitalvideos plantschender Schönheiten in haifischzahnbespickten Wandkästen (17.000 - 30.000 Euro) oder Darya Surovtsevas esoterischen Raumgespinsten ist ihr Stand allerdings eher ein Beispiel für marktschreierisches Epigonentum der Postmoderne. Ähnlich problematisch, wenn auch etwas aufgeräumter, sieht es bei der Moskauer Aidan Gallery aus. Hier ging die weibliche Uminterpretation eines Uecker’schen Nagelkreises mit künstlichen Fingernägeln von der Russin Elena Berg für 6.000 US-Dollar an einen lokalen Sammler. Der Käufer der beiden Comments von Konstantin Latyshev hat dagegen nur jeweils 1.000 Dollar in den Sand gesetzt: „Ich mag keine zeitgenössische Kunst“ und „Wo ist Kabakov?“ steht da auf naiv getuschten Blättern. Genau das denkt man auf dieser Messe eben leider auch.


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