Meret Oppenheims Träume und Aufzeichnungen bei Suhrkamp

Marmorschildkröte mit Hufeisen

Henrike von Spesshardt
13. Dezember 2010

Wer sich heute noch in Ruhe schlafen legt, muss ein wahrer Trottel sein, ein beneidenswerter zudem. Spätestens seit Sigmund Freud ist das nächtliche Ruhen seiner Unschuld beraubt. Der Traum und seine Deutung seien „die Via Regia zur Kenntnis des Unbewussten im Seelenleben“, so Freud in seiner Traumdeutung von 1900. Unseren Ahnen war er noch Ausdruck freundlicher oder feindseligerer Bekanntmachungen höherer Mächte. Mit Aufkommen der Naturwissenschaft darf er uns nicht einmal mehr nur fantasievolles Gleiten durch die Nacht sein. Immerhin gehört er uns nun ganz und gar: „Nur mehr eine geringe Minderzahl unter den Gebildeten bezweifelt, dass der Traum die eigene psychische Leistung des Träumers ist“, so Freud ebenfalls.

Weiter noch gingen die surrealistischen Künstler um André Breton in ihrer Weigerung, zwischen Tag- und Nachtseiten des Bewusstseins überhaupt zu unterscheiden. Der Traum galt ihnen als wesentlicher Bestandteil des eigenen Wirkens. Ein im Suhrkamp Verlag erschienenes Büchlein zu den Träumen und Aufzeichnungen der surrealistischen Künstlerin Meret Oppenheim, herausgegeben von Christiane Meyer-Thoss, ist daher mehr als das Tagebuch einer unruhigen Schläferin. Ohne jede Ausschmückung hat die Künstlerin über Jahrzehnte in unregelmäßigen Abständen die ihr in Erinnerung gebliebenen Nachtgespinste vermerkt. Die lesen sich mal wie dramatisch-blutige Horrorszenarien, mal wie blumig-alpenländische Heimatfilme. Vieles scheint sehr banal, etwa dann, wenn Meret Oppenheim Albdrucke wiedergibt, die jeder selber so oder ähnlich schon erleben musste: „Ich renne in furchtbarer Angst durch einen Wald. (…) Die Kronen der Bäume, …, sind aus Schlangen gebildet“. Doch auch herrlich absurde Wiedergaben sind dabei, so wie die von 1935: „Ich bin im Zuschauerraum eines kleinen Theaters, allein. Es ist dunkel, nur die Bühne ist beleuchtet. Dort sitzt auf deinem Stuhl ein Skelett, das spielt auf seinem eigenen Bein Cello. Es streicht mit dem Bogen darüber und singt dazu mit krächzender Stimme: „Bella gamba – bella gamba“. Sehr komisch in der Wirkung.“

Während ihres gesamten Lebens, genaugenommen ab dem vierzehnten Lebensjahr, hat Meret Oppenheim (1913-1985) ihre Träume notiert. In den siebziger Jahren redigierte, ergänzte und kommentierte die Künstlerin nochmals das ganze Material. Kurz vor ihrem Tod im November 1985 schließlich übergab sie die Traumprotokolle, eine Sammelmappe mit teils losen, zerschlissenen Notizblättern, ihrer Verlegerin Meyer-Thoss. Die solle doch bitte selber entscheiden, ob sich die Veröffentlichung lohne. Schon 1986 befand diese den Zeitpunkt für gegeben. Die Neuausgabe bei Suhrkamp ist nun erweitert und kommentiert worden. Ergeben sich daraus wesentlich neue Erkenntnisse zu Oppenheims Schaffen? Vermutlich nicht. Als bloßer Traumvoyeurist muss man sich nach der Lektüre der Erinnerungen aber auch nicht fühlen. Denn da, wo die Künstlerin die Nachtideen, oft auch in nachträglichen Notizen, in Bezug zu ihrer parallelen Tageswirklichkeit bringt, beleuchten sie die rückhaltlose Selbstergründung, die Oppenheim mit deren Aufzeichnung ausfindig zu machen suchte.

Viele motivische Elemente der Traumerlebnisse flossen zudem direkt in wichtige Bildwerke Oppenheims mit ein, wie im Fall des Ölbildes Traum in Barcelona von 1936 oder Traum von der weissen Marmorschildkröte mit Hufeisen an den Füssen von 1975. Nach einem Traum vom 17. März 1972 schafft Meret Oppenheim eine auch im Bändchen abgebildete Collage: „Einige Personen und ich betrachten diese Collage, die wie der Traum sagte, von Marcel Duchamp gemacht worden sei. Oben, in dem auf die Spitze gestellten Quadrat, konnte man lesen: „Ça continue“ (Es geht weiter).

Oppenheims Freund und Weggefährte André Breton verstand die surrealistische Tätigkeit stets weniger als ein Erfinden und Imaginieren, denn als ein Auffinden und Bloßlegen. Auch in diesem Zusammenhang ist die Veröffentlichung der Aufzeichnungen zu verstehen. Surrealismus sei das „Diktat des reinen Denkens ohne jegliche Überwachung durch die Vernunft, unbeeinflusst von allen ästhetischen oder moralischen Rücksichten“, so der Künstler in seinem „Manifeste du Surréalisme“ von 1924. In der kunstgeschichtlichen Erörterung darf er also nicht fehlen, der surrealistische Traum, wenn er denn schon schriftlich fixiert wurde.

Oppenheim selber waren die Träume „Muster für das eigene Kunstschaffen“, so Meyer-Thoss in ihrem Nachwort zum Band, also tatsächlich Nahrung für eine surrealistische Malerei als realistische Malerei in erweiterter Perspektive. Sie dienten ihr zu einer steten Überprüfung der Grenzen und Begrenzungen der eigenen Realitätsvorstellungen. Manchmal jedoch wusste die Künstlerin selber nicht so recht, was mit den Gespinsten anzufangen sei: „Ich sitze an einem langen Tisch mit meinen Pariser Freunden, von denen aber niemand deutlich ist ausser Breton und Péret. (…) Am Himmel, gen Süden, werden plötzlich Flecken sichtbar, ähnlich den Klecksen auf Rorschach-Testbildern. (…) Wie wissen alle, was diese Vision bedeutet. Breton und Péret sehen sich glücklich lächelnd an.“ Darunter hat die Künstlerin vermerkt: „In Wirklichkeit weiss ich nicht, was der Traum bedeutet.“

Auch einen posthumen Gruß an Carsten Höller enthält das Büchlein übrigens. Denn während dieser im Berliner Hamburger Bahnhof in seiner Installation Rentiere vermeintlich Fliegenpilzsud urinieren lässt, um diese in den Zaubertrank namens „Soma“ umzuwandeln, nahm Meret Oppenheim bereits im April 1965 ganz unverblümt, wenn auch unter ärztlicher Aufsicht, ein Rauschmittel aus Pilzen zu sich – angeblich erfunden von Indianern, die im Rausch ihre Götter und die versunkenen Paläste und Städte zu sehen bekommen wollten. Der ebenfalls im Band enthaltene Erfahrungsbericht dazu liest sich amüsanter als alles, was aus dem Hamburger Bahnhof an neuen Erkenntnissen noch zu erwarten ist.

Christiane Meyer-Thoss (Hg.): „Meret Oppenheim: Träume - Aufzeichnungen 1928-1985“, Suhrkamp Verlag, Berlin 2010. 116 Seiten, ISBN 978 3-518-22459-5, EUR 16,90


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