4. Februar 2010
Wohl kaum ein Genre bietet sich so sehr als Coffee Table Book an wie die Fotografiepublikation. Bildbände in Überformat und Hochglanzdruck, mit minimaler Textaufbereitung versprechen Augenschmaus und angenehm leichtes Blättervergnügen. Doch es geht auch anders. Jüngst sind vier Bände erschienen, die sich dem Klischee der reinen Oberflächengefälligkeit entgegenstemmen und durch ihre Gestaltung sowie das Wesen ihrer Abbildungen zu einer intensiven Betrachtung verführen. Das Künstlerbuch des amerikanischen Fotografen
John Divola etwa, ein bildhafter Essay zu Jean-Paul Sartres Hauptwerk „Das Sein und das Nichts“. Wer hier schwere existenzialistische Kost erwartet, dürfte überrascht sein. Denn Divola hat sich nicht etwa an Sartres Thesen gewagt, an den Kern der paradox wirkenden Schlussformel, „Der Mensch ist zur Freiheit verurteilt“, sondern an, wenn man so will, das Beiwerk. An die vielen Beispiele, mit denen Sartre seine abstrakten Gedanken immer wieder veranschaulicht und damit prägnante visuelle Assoziationen – Gedankenbilder geradezu – heraufbeschwört. Hier setzt Divola an.
„The Green of This Notebook“ präsentiert auf zwanzig Doppelseiten jeweils links die eingeklebte Fotokopie einer Passage aus Sartres Buch, auf der er ein solches illustrierendes Beispiel mit gelbem Textmarker hervorgehoben hat, und rechts eine Fotografie, die Divola hierzu angefertigt hat. Wenn Sartre etwa schreibt, „Ich kann zum Beispiel aus Todesangst bei einer Gefahr Hals über Kopf fliehen“, flüchtet bei Divola, in körnigem Schwarz-Weiß, ein junger Mann über einen von dichter Macchia gesäumten staubigen Pfad, gleichsam vom Betrachter fort. Soll man jetzt hinterhersprinten, lieber Sartres Buch aus dem Regal holen oder gar über die Flüchtigkeit der Fotografie, der Kunst, ja allen Tuns sinnieren? In jedem Fall eröffnet uns Divola mit seinen Text-Wort-Verbindungen einen ganz anderen als den von Medien und Philosophiegeschichte festzementierten Blick auf den Denker. Divola nimmt Sartre mit unter die kalifornische Sonne – und zeigt ihm so etwas wie die unerträgliche Leichtigkeit des Seins.
In ebenfalls limitierter und signierter Auflage erschienen ist der Bildband „AutoMagic“ von Ray K. Metzker, auch diese Publikation eher Liebhaberobjekt denn massentaugliche Tischdekoration. Metzker entdeckte für sich das Auto als einen Aspekt der Straßenfotografie, als er in den späten 1950er-Jahren auf der Suche nach Motiven für seine Examensarbeit am „The New Bauhaus“ die Downtown Chicagos, den „Loop“, durchstreifte. Diesem Sujet sollte er auch später noch in Europa und als Lehrer in Philadelphia treu bleiben. Der aufwendig gestaltete Fotoband enthält eine Auswahl von frühen bis hin zu jüngeren Beispielen, wobei der zweite Teil des Titels – „Magic“ – schon andeutet, dass es hier nicht nur um die visuelle Feier von weich gefederten, prunkvollen Straßenkreuzern mit verchromten Kühlergrill, übertrieben großen Heckflossen und hohem Kraftstoffverbrauch geht, sondern um etwas weit weniger Greifbares: um das zauberhafte Spiel des Lichts. In den Bildern, die am stärksten verblüffen, arbeitet Metzker mit den Extremen von Schwarz und Weiß, sodass die in düsteren Straßenschluchten und Parkhäusern aufblitzenden oder auf lichtüberfluteten Kreuzungen gleißenden Karosserielinien zu Konturen von abstrakten Schemen, Flächen und Schattierungen werden. Dann aber verlieren die Momentaufnahmen alles Anekdotische und die Bilder werden zu federfein genauen Studien urbaner Strukturen und Rhythmen. Schön, dass man diesen Klassiker der Fotografiegeschichte hier wieder neu entdecken kann.
Eine gelungene Neuauflage ist auch der Katalog zur Schau „New Topographics. Photographs of a Man-altered Landscape“, die 1975 am George Eastman House, Rochester, New York, stattfand und in der Fotokunstgeschichte einen entscheidenden Wendepunkt für das Verständnis von Natur bzw. Landschaft bedeutet. Der gleichnamige Ausstellungsband mit Fotografien von Robert Adams, Lewis Baltz, Bernd und Hilla Becher, dem leider vergessenen Joe Deal, Frank Gohlke, Nicholas Nixon, John Schott, Stephen Shore und Henry Wessel war lange vergriffen – und der der sorgfältig gemachte Nachdruck samt historischen Installationsansichten sowie zwei Essays von Britt Salvesen und Alison Nordström, die ausführlich auf die damals neue, wirkmächtige Bildsprache der New Topographics eingehen, war lange überfällig. Schon allein deshalb, weil die distanziert reduzierte Ästhetik und die damit verbundene kritische Haltung dieser Fotografen gegenüber einer gekünstelten Heroisierung von Mutter Erde noch auf die heutige Generation von Fotografen zurecht einen kaum zu unterschätzenden Einfluss ausübt.
Wo, wenn nicht in den einsamen Weiten einer von Natur aus übersichtlich gestaffelten immergrünen skandinavischen Nadelwaldlandschaft ließe sich trefflicher nachdenken über das Sein und das Nichts – oder die Notwendigkeit, einen PKW in Gang zu setzen und durch kaum zersiedelte Gebiete zu fahren? Die Bilder aber, die uns Anders Petersen und sein inzwischen nicht minder bekannter Schüler JH Engström aus dem schwedischen Värmland zeigen – eine Auftragsarbeit ihrer Heimatregion – wollen nur sehr bedingt für einen Aufenthalt dort werben. Obwohl dem Bildband „From Back Home“ ein Nachwort beigefügt ist, eine fremdenverkehrsamtliche Hymne der „Nationalenzyklopädie“ auf die Schönheit alles Kreatürlichen. Doch ob Eremit mitten im finstersten Fichtenwald oder Mitglied einer coolen Clique in der ländlichen Provinz, auch diese Fotografen scheinen in die Phänomenologie des Sichtbaren keinen Überbau als schützende Decke einziehen zu wollen. Im Gegenteil, hier wird vor Augen geführt, dass das menschliche Theater funktioniert, weil wir den Anderen recht eigentlich brauchen. Er kann unsere Hölle sein wie in einem existenzialistischen Drama von Sartre. Oder der logisch notwendige Gegenpart einer menschlichen Verbundenheit, die wir trotz aller Unbilden so nennen müssen. Diese Idee jedenfalls drücken Petersens Aufnahmen aus. Und sie vermitteln sich erfreulicherweise auch über das Format des Fotobuchs. Nicht ohne Grund wurde es zum Sieger des letztjährigen „Best Book Award“ in Arles.
John Divola: „The Green of This Notebook“, Nazraeli Press, Portland 2009, ISBN 978-1-59005246-4. 44 Seiten, 41 Abbildungen. Limitierte Auflage von 500 signierten Exemplaren, Euro 60,00.
Ray K. Metzker: „AutoMagic“, Only Photography, Berlin 2009, ISBN 978-3-9812537-1-9. 120 Seiten, 79 Abbildungen. Limitierte Auflage von 500 signierten Exemplaren, Euro 128,00.
Britt Salvesen (Hg.): „New Topographics“, Steidl 2010, 978-3-86521827-8, 304 Seiten, 168 Abbildungen sowie 223 Textabbildungen. Euro 50,00.
Greger Ulf Nilson (Hg.): JH Engström, Anders Petersen: „From Back Home“, Max Ström 2009, ISBN 978-91-7126-164-9. 304 Seiten, zahlreiche farbige und s/w Abbildungen, in englischer und schwedischer Sprache. Euro 50,00.