„Meeting Points 6“ im Haus der Kulturen der Welt, Berlin

Hart am Wind

Heike Fuhlbrügge
24. Januar 2012

Was darf man erwarten von einem Festival, das so hart am Wind segelt und die politischen Ereignisse des Arabischen Frühlings aufnimmt? In jedem Fall atemberaubende Momente der Schönheit und des Schreckens, die gleichermaßen aufwühlen. Das demonstrierte kürzlich das dreitätige Festival „Meeting Points 6. Contemporary Art Festival from the Arab World | Locus Agonistes: Practices and Logics of the Civic“ im Haus der Kulturen der Welt.

Zentrum der Veranstaltung war das künstlerische Programm des Jetset-Kurators und neuen Leiters vom Münchener Haus der Kunst, Okwui Enwezor. Er hatte es auf einen möglichst vielstimmigen und bilderreichen Eindruck zu den tagespolitischen Ereignissen abgesehen. Sein Thema lautete „Locus Agonistes“ – ein etwas sperriger Meta-Terminus, der jedoch sensibel die „Bruchlinien der gegenwärtigen Zwischenzeit“ in Ländern wie Tunesien, Jordanien, Palästina und Syrien aufzeigen will: Künstler, Choreografen, Filmemacher, Schriftsteller und Theoretiker wurden dazu – wie einst in der antiken Agora – an einem Ort versammelt, wo sie neue Konzepte, Visionen und ästhetische Strategien präsentieren sollten, die mehr wollen, als nur gesellschaftliche oder religiöse Unterschiede definieren. Das durchinszenierte Kunstwerk war dabei weniger Ziel als vielmehr der Versuch, provisorisch vorläufige Formen und Gesten zu finden, wie man sie in Workshops, Ateliers und Proberäumen vorfindet. So wenig Enwezor also bisher in München präsent war, so sehr gelingt es ihm, hier eine Plattform zu initiieren, die seismografisch kreative und zivilpolitische Schwingungen aufnimmt. Nach Brüssel, Beirut (artnet Magazin) und Amman wandern die „Meeting Points“ zum gleichen Thema nun mit abgewandeltem Programm demnächst nach Athen und Kairo.

Mit großer Spannung im überfüllten Saal wurde denn auch Enwezors Eröffnungsrede erwartet, die zugleich im Rahmen der Mosse-lectures der Humboldt Universität zu Berlin stattfand – und ziemlich trocken ausfiel, da sie kaum konkrete Einführung in das Festival und seine Künstler gab. Vielmehr erläuterte der Kurator seine Idee von der Verantwortung des Beobachters und seines diagnostischen Blicks im Gegensatz zum indifferenten Zuschauer, angesichts der massenmedial global übertragenen Bilder der arabischen Revolutionen. Wichtiger Punkt seiner Rede war jedoch, dass dieses Festival als bürgerrechtliches Modell gelten kann. Sein Potenzial liegt darin, kulturelle Praktiken wie Gender, Religion oder die Struktur von Gesellschaftsklassen zu diskutieren und gegen gewaltsamen Aktionismus anzustehen. Die Hoffnung, dabei vielleicht mehr über Enwezors Pläne für das Haus der Kunst zu erfahren, wurde allerdings enttäuscht. Nur soviel ließ er durchblicken, dass er eine Ausstellung mit Archiv-Materialien zur Besatzungszeit nach dem zweiten Weltkrieg plant, als das Museum vom amerikanischen Militärkommando genutzt wurde.

Der weitere Verlauf des Festivals war von Performances bestimmt – darunter die Wiederaufführung von Mona Hatoums schockierender Arbeit The negotiating table von 1983, die sie als Reaktion auf die israelische Invasion in den Libanon 1982 aufgeführt hatte: Eine nackte Frau (nicht mehr Mona Hatoum selber) lag hier drei Stunden in einem durchsichtigen Leichensack auf einem Tisch, auf dem Bauch blutige Eingeweide und den Kopf in Mullbinden gewickelt. Darüber hinaus gaben Lesungen von Künstlern, die konkret auf die sozialen und politischen Veränderungen in der arabischen Welt Bezug nehmen, ebenso inwändiges Gemütsmauerwerk wie beeindruckende lokale Politstimmung wieder. Beispielsweise verlas der Schauspieler Barnaby Metschurat das Stück Wall (2009) des gefeierten britischen Dramaturgen David Hare, der darin mit englischem, bissigem Humor über den derzeitigen Mauerbau zwischen Israel und Palästina reflektierte. Zudem gaben international tätige Theoretiker wie die belgische Professorin der Politischen Theorie Chantal Mouffe und der Philosophie Professor der Columbia University in New York Akeel Bilgrahmi terminologisches Rüstzeug. Sie gaben zu bedenken, dass demokratische Praxis auch andere Formen annehmen kann als diejenige unserer westlichen Hegemonie. Und die Beiruter Filmemacher Joana Hadjithomas und Khalil Joreige, die 2008 mit dem Film I want to see den Kritikerpreis in Cannes erhielten, erzählten über die Vermischung von Fiktion und dokumentarischer Dimension am Beispiel ihres Films Aida, Save me: Eine Zuschauerin hatte auf einer Filmrequisite in Form eines Fotos ihren verstorbenen Mann wiedererkannt und fast das Erscheinen des Films verhindert. Das Thema Tod und Leerstelle werde in Beirut besonders prekär wahrgenommen, erklärte das Filmteam, weil bis heute, zwanzig Jahre nach dem Krieg, 70.000 Personen als vermisst gelten – aber bisher keine Leichen gefunden wurden.

Wie wichtig diese Veranstaltung parallel zum ersten Geburtstag der Arabellion ist, erklärte auch Gamal Eid, der namhafte ägyptische Anwalt für Menschenrechte. Er gründete 2003 das Arabic Network for Human Rights Information (ANHRI), 2011 wurde ihm der „Roland Berger Preis“ für Menschenwürde verliehen. Im Gespräch mit artnet erklärte er: „Es ist sehr wichtig, dass Künstler über ihre Vision von der Übergangsphase und ihre Rolle bei der Vollendung der Revolution sprechen. Es geht um die Rolle von Kunst und das, was sie durch die islamischen Strömungen in der Region bedroht.“

Niemand konnte dazu glaubwürdiger Stellung beziehen als eine wichtige Zeitzeugin der ägyptischen Revolution: Die Autorin Ahdaf Soueif, die unter anderem als politische Kommentatorin für den „Guardian“ schreibt. Während der ägyptischen Erhebung im Februar 2011 stand sie auf dem Tahrir-Platz und beobachtete die Ereignisse. Im Haus der Kulturen analysierte sie nun, wie sich im Volk das enorme Bedürfnis nach Aktivität in Bewegung setzte – und betonte, dass die Revolution ein Prozess und kein Event sei, in dessen Zentrum die Einforderung der Menschenrechte stehe.


ARCHÄOLOGIE DES WIDERSTANDS von Kersten Knipp
Flucht oder Konfrontation? Auf dem Festival „Meeting Points 6“, der großen Dokumentation von Gegenwartskunst aus dem arabischen Raum, haben die Kuratoren Okwui Enwezor und Tarek el Fetouh im Beirut Art Center gezeigt, dass sich die Zeichen der Zeit längst lesen ließen.


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