26. September 2011
Max Beckmann: „Von Angesicht zu Angesicht“ – Museum der bildenden Künste Leipzig. Vom 17. September 2011 bis 22. Januar 2012
Gut Ding will manchmal zu viel Weile haben. Die Anerkennung seiner Geburtsstadt Leipzig erfuhr Max Beckmann, der 1950 verstarb, erst mehr als 30 Jahre nach seinem Tod, als man 1984 sein Werk zeigte. Und auch mit der weiteren Würdigung sollte es noch ein wenig dauern: 1998 stellte Mayen Beckmann, die Enkelin des Malers, dem Museum der bildenden Künste in Leipzig einen umfangreichen Nachlass zur Verfügung. 360 Zeichnungen, 4 Gemälde und 3 Bronzeplastiken gingen damals an die Sammlung. Nun sei das Haus endlich Anlaufpunkt für Beckmann-Forscher aus aller Welt, berichtet Direktor Hans-Werner Schmidt. Und so blickt man zurzeit im Museum auf die Bildnisse Max Beckmanns und erkundet in einer groß angelegten Ausstellung die Zeit zwischen 1900 und 1950, die wie in einem Brennglas gebündelt erscheint. „Die jetzige Ausstellung ist eine vornehme Hausaufgabe für unser Museum“, so formuliert es Schmidt.
Zu besichtigen ist seit Mitte September ein Meilenstein der zeitgenössischen Auseinandersetzung mit Beckmann: 58 Gemälde und 160 Papierarbeiten sind zusammengetragen worden. „Die letzte Ausstellung mit Beckmann-Porträts gab es 1963, es wird also allerhöchste Zeit, dass wir uns diesem Thema endlich wieder widmen“, meint die Kuratorin Susanne Petri. Porträts, Familien- und Gruppenbilder sowie „versteckte“ Bildnisse in metaphorischen Werken sind in der Ausstellung vereint, um dem Wandel von Beckmanns Blick auf die Menschen seiner Umgebung nachzuspüren. Durch vorbereitende Zeichnungen und Skizzen soll der den Bildnissen jeweils zugrundeliegenden Arbeitsprozesse offen gelegt werden.
Die intensive Erfahrung von Wirklichkeit war stets die Grundlage für Beckmanns Schaffen. Immer wieder sind es seine Frauen, die er malt: Minna Beckmann-Tube und Mathilde „Quappi“ von Kaulbach, deren Gesicht und Körper ihn künstlerisch vielfach herausfordern. Aber auch andere geliebte Menschen und Wegbegleiter, seine Schwiegermutter und die elektrisierende Naila, der Kunsthändler Israel Ber Neumann und die Familie von Battenberg werden wiederholt ins Bild gesetzt. Das Verlangen nach Leben in seiner Kunst lässt ihn die Physiognomien nahestehender Menschen malen. Durch ihre Präsenz werden sie Zeugen für die Wahrhaftigkeit seines Welttheaters, und zugleich sein Anker zur Realität, „...weil man doch nur die Menschen versteht, unter denen man lebt“, wie Beckmann notiert.
Es hat ein wenig den Anschein eines Familientreffens, wenn die Enkelin Mayen Beckmann sich im Zuge der Eröffnung an das elterliche Wohnzimmer erinnert und Stephan Lackner, den deutsch-amerikanischen Kunstsammler und Freund Beckmanns, zitiert, der sich vom Künstler fotografisch beobachtet fühlte, ganz so als ob der die Linse scharf stellte, wenn er ihn in den Blick nahm. Tauchen die genannten Gestalten sodann in den Gemälden auf, schwindet an diesem Tag voller Erzählungen die Distanz zu ihnen. Und sieht man zudem Mayen neben ihrer Großmutter Minna im Porträt, erscheint es, als könnte man für einen Moment die dazwischen liegenden Jahrzehnte vollends vergessen.
Beckmann war Zeitzeuge zahlreicher politisch-gesellschaftlicher Umbrüche, die er hautnah miterlebte: als Sanitäter im 1. Weltkrieg, in dem er psychisch schwer verwundet wurde, als Hochschullehrer in Frankfurt und deutscher Maler mit gesellschaftlicher Reputation in der flirrenden Zeit der Weimarer Republik, als Verfolgter unter den Nationalsozialisten und schließlich im Exil in Amsterdam und später im ersehnten Amerika. Zu beinahe jeder Zeit hat er sich selbst ins Bild gesetzt, auch um sich seiner zu vergewissern. Zahlreiche dieser berühmten Selbstporträts, die auf Auktionen Rekorderlöse erzielen, sind in der Ausstellung versammelt. Auf einige wichtige, wie das Selbstbildnis im Smoking von 1927, muss allerdings verzichtet werden.
Die Ausstellung spannt die Bilder in eine einfache, chronologische Abfolge. Diese historische Anlage, die mit einem Bildnis der Schwester (1899/1900) beginnt und mit Zeichnungen aus Beckmanns Todesjahr endet, besichtigt die Weggefährten wie in einem Fotoalbum. Ein wenig einfach erscheint diese Herangehensweise an ein hochkomplexes Werk. Sie besitzt jedoch auch große Qualitäten. Die intensive Erfahrung des Zeitgeschehens, das kaleidoskopartige Aufspannen der Ereignisse im Spiegel der Gesichter wird so deutlich. Auch der stilistische Wandel, die Entwicklung der Farben und Formen, ist herausgearbeitet. Anfangs noch ganz in der bürgerlichen Tradition des 19. Jahrhunderts stehend, entwickeln Beckmanns Bildnisse ab den 1920er-Jahren die ihnen charakteristische Ausdrucksweise, die bis heute ohne jeden Vergleich bleibt. Ein halbes Jahrhundert durchmisst der oft visionäre Blick Beckmanns. Die Zerrissenheit, Gewalttätigkeit und Schönheit einer monströsen Zeit erscheint seismographisch wiedergegeben. Dabei dient das Gegenüber oftmals als ein Konzentrat der Realität, die es immer wieder neu zu ertasten gilt und derer man sich ein Leben lang vergewissern muss: „Ja, ja, ihr seid ja alle Gespenster um mich herum, da muss ich euch dann eben malen, damit ihr Wirklichkeit werdet“, so Beckmann in seinen Aufzeichnungen.
Die Ausstellung besichtigt auch den Beziehungskosmos, das Netzwerk, in das der Künstler verwoben war. Die dargestellten Personen werden namentlich benannt. Der Katalog umfasst 240 Einträge, in denen die Lebensgeschichte der Protagonisten und ihre Verbindung zu Beckmann nachzulesen sind und der die voyeuristische Neugier an zwischenmenschlichen Beziehungen, die dem Who-is-Who von Netzwerken zugrunde liegt, befriedigt. Inwieweit dies ein Verständnis der Bildnisse bezogen auf ihren Bedeutungsgehalt befördert, darf bezweifelt werden. Ging es dem Maler doch gerade nicht um ein detailgetreues Scannen einzelner Persönlichkeitsmerkmale, außer vielleicht in den Auftragsarbeiten, die künstlerisch aber ohnehin nicht zu seinen stärksten zählen.
In direkten Dialog mit Beckmann treten in Leipzig zudem Arbeiten der zeitgenössischen Künstler
Marlene Dumas und
Alex Katz, die die Zeitachse bis heute verlängern. Beide beziehen sich in ihren Porträts auf Beckmanns Arbeit und führen ihn als wichtiges Vorbild an. Die Ergebnisse könnten allerdings unterschiedlicher kaum sein, und so beleuchten sie schlagartig und recht unfreiwillig vor allem eines: die Vielgestaltigkeit der Malerei Beckmanns.
Weitere Ausstellungen zu Max Beckmann:
„Max Beckmann. Die Landschaften“ - Kunstmuseum Basel. Vom 4. September 2011 bis 22. Januar 2012 „Beckmann und Amerika“ – Städel Museum, Frankfurt. Vom 7. Oktober 2011 bis 8. Januar 2012