Martin Kippenberger – Musik / 1979 – 1995, Edition Kröthenhayn

Nachlass aus der Rappelkiste

Thomas Groetz
23. August 2011

Martin Kippenberger als Musiker? Einige seiner Fans könnte das überraschen. Fast zehn Jahre nach Ausbruch des Kippenberger-Booms, der ihn auf breiter Ebene bekannt und die Preise seiner Kunst vervielfacht hat, erschien eine Veröffentlichung der Berliner Edition Kröthenhayn, die sich seiner musikalischen Hinterlassenschaft widmet.

Begleitet wird die Veröffentlichung von einer CD beziehungsweise drei Schallplatten und einem 70-seitigen Buch. In Texten von Frieder Butzmann und Wolfgang Müller kommen zunächst zwei Zeitzeugen zu Wort, die bei näherer Betrachtung Kippenberger jedoch eher beiläufig erlebt haben.

Der als Musiker und Komponist aktive Butzmann, dessen Laufbahn mit der alles-ist-möglich-Mentalität des Punk begann, entwirft ein lebendiges Porträt vom Berlin der frühen 1980er-Jahre, in der sich auf paradoxe Weise hysterische No Future- und Apokalypse-Ängste mit einer positiven, unvermittelten und unprofessionellen Kreativität verbanden. Nach Butzmanns Auffassung entsprechen Kippenbergers spontane, unentschlossene und „anscheinend nur aus einer Gelegenheit heraus entstandenen“ musikalischen Ergüsse diesem Geist der Zeit.

Der anschließende Text von Wolfgang Müller, einem ehemaligen Mitglied der 1980er-Jahre Künstler-Band Die Tödliche Doris hat noch weniger Konkretes und Erhellendes zu Kippenberger und seiner Musik zu bieten. Müller nutzt seinen Beitrag, um dem populären Künstler-Star posthum im wahrsten Sinne des Wortes eins auszuwischen: Im Zentrum steht ein tätlicher Angriff. Protagonistin dieser Tat ist die Punkerin Ratten-Jenny, die dem provokativen Kippenberger 1978 mit einem zerbrochenen Bierglas das Gesicht verunstaltet hat. Müller beschwört in diesem Zusammenhang das Ideal einer vermeintlichen künstlerischen Freiheit, die bei Martin Kippenberger „zwischen gespielter Unschuld, Naivität, Reinheit – und Verlogenheit, Dreck und Verdrängung“ hin- und herpendeln würde. Die mit der Person Kippenberger verbundene Mythenbildung kritisiert er als eine Strategie des Kunstmarktes.

Paradoxerweise folgt auf seinen Text im Kröthenhayn-CD-Buch genau dies: Der „Spex“-Herausgeber und Autor Max Dax hat auf 30 Seiten einen umfangreichen Zitate-Mix zusammengestellt, in dem Künstler wie Werner Büttner, Christopher Wool und Jeff Koons, sowie die wichtigsten Galeristen, die Kippenberger kannten und vertreten, zu Wort kommen: Alle beschwören das gewohnte, schillernde Bild einer Künstlerfigur, die sich in rastloser Kreativität schließlich auf bedauernswerte Weise selbst verbrannt hat.

Doch was ist nun mit der Musik? Über Herkunft und Zusammenhänge der Stücke erfährt man in der nicht gerade als sorgfältig zu bezeichnenden Kröthenhayn-Edition nur wenig. Mehrere Fotos im Buch sind falsch betitelt, die Herkunft der Zitate bleibt unklar. Zumindest die Aussagen von Werner Büttner stammen, wie angegeben, nicht von Max Dax, sondern aus einer fast 10 Jahre alten Publikation, die der Autor dieser Zeilen herausgegeben hat. Ein Rückgriff zweiter Hand ist auch die Musikzusammenstellung. Sie erweist sich als Neu-Auflage einer CD, die Martin Kippenberger selbst im Jahr 1996 veröffentlicht hat. Während diese noch chronologisch strukturiert war, hat man nun einzelne Titel durcheinander gewürfelt, was die Orientierung für Nicht-Eingeweihte zusätzlich erschwert.

Zu hören sind drei Titel der ersten Kippenberger Doppel-Single unter dem Bandnamen „Luxus“ (Mit dem Ruf nach „Luxus“ provozierte er nicht nur Punks, sondern auch Kreuzberger Links-Alternative). Die Platten erschienen auf dem von ihm erfundenen SO 36-Label, angelehnt an ein wichtiges Kreuzberger Punk-Lokal. Kippenberger, der bei Gründung dieses Clubs am 13. August 1978 noch nicht dabei war, finanzierte unter anderem die teuren Gastspiele internationaler Bands wie Scritti Politti, Red Crayola, Wire und Teenage Jesus and the Jerks. Im Gegensatz zu der verbreiteten Annahme, dass er die maßgebliche Figur des SO 36 gewesen sei, reichte sein im Grunde geringes Interesse und Verständnis von Musik sicher nicht aus, um ein qualifiziertes Konzertprogramm zusammenzustellen. Seine eigene Musik auf der Doppel-Single schwankt zwischen cut-up-Collagen und vermeintlich punkigen, unbedarften Herumgetrommel, das sich im Titel Falsch verbunden um das von einer Gitarre gespielte Kinderlied Alle meine Entchen rankt.

Musikalisch ausgereifter sind die Stücke Bang Bang und Yuppi-Du, welche 1983 auf dem LP-Sampler „Die Rache der Erinnerung“ erschienen sind, auf dem die Künstler Kippenberger, Albert und Markus Oehlen, Werner Büttner, Jörg Immendorf und A.R. Penck die Lieblingsstücke aus ihrer Jugend intonieren. In Szene gesetzt von dem Musiker Schinni Schinthelm gab Kippenberger eine Nummer von Cher aus dem Jahr 1966 zum Besten. Bang Bang (My Baby Shot Me Down) ist eine ironische (Auto)-Destruktions-Hymne, bei der es einem kalt den Rücken herunterlaufen kann. Das fröhlicher betitelte Yuppie-Du wurde 1975 ursprünglich von Adriano Celentano als Single herausgebracht, dessen Text von Kippenberger durch eine groteske Aneinanderreihung seiner typischen Sprüche ersetzt wurde, wie: „Alle lieben Mutti, Nudeln sind für Tutti“.

Ein völliger Stilbruch sind die sechs Jazz-Klassiker, die vom The Golden Kot Quartett stammen, eine vermeintliche Künstlerband mit Kippenberger, Albert Oehlen, Günther Förg und Hubert Kiecol. Die 1987 unter diesem Namen erschienene LP enthält 16 Titel. Der Sound erinnert Frieder Butzmann an das Jazz-Quartett Night And Day mit Alexander von Schlippenbach, Sven-Åke Johansson, Rüdiger Carl und Jay Oliver. Dennoch spricht er nicht eindeutig aus, dass es sich wirklich um diese Musiker handelt. Nachdem sich Unstimmigkeiten über die Veröffentlichung ergeben hatten, entschlossen diese sich, die Identität der Aufnahmen zu verschleiern.

Weitere, echte Kippenberger-Stücke entstanden in Zusammenarbeit mit Albert Oehlen. Drei von vier gemeinsam produzierte Singles sind das akustische Begleitmaterial von Kippenbergers 1986 erfolgter Brasilien-Reise Magical Mysery Tour. Oehlen kam mit einem Diktiergerät zu Besuch, um Gesprächsfetzen und Musik in Bars und Samba-Clubs aufzunehmen, darunter auch in einer Karaoke-Bar, in der Kippenberger Frank Sinatras My Way auf seine typische, anekdotisch-großspurige Art und Weise in bruchstückhaftem Deutsch für die touristischen Gäste intoniert. Dies war im Sinne Frieder Butzmanns zwar auch eine „Gelegenheit“, die in ein schroffes, ungelenkes Zufalls-Produkt mündete. Dennoch muss man betonen, dass das vermeintlich Zufällige gleichzeitig mit einem enormen Bedeutungs-Spektrum angereichert ist: Es verbindet die Thematisierung kurioser Kulturimporte mit dem Mythos des solitären Künstlers. Ähnlich ungelenk, bruchstückhaft und von einer auf Messers Schneide dargebotenen Sinndichte ist auch Kippenberger/Oehlens Alma Song von 1990. Dieser ist unter anderem eine Referenz an den Song Boys, mit dem die italienische Sängerin Sabrina nicht nur 1987 einen internationalen Hit landete, sondern zu einer beinahe grotesken, sexualisierten Kultfigur auf Zeit avancierte, die nicht nur die Herzen der Männer höher schlagen liess, sondern auch als Kinderpuppe mit Traummaßen zu haben war.

Das Thema der Generationen, bezogen auf die Kunst und ihre Bedeutung ist gleichzeitig ein Motiv in Kippenbergers letzter musikalischer Arbeit und eine weitere, hinsichtlich ihrer vielschichtigen Metaphorik sorgfältig ausgewählte Cover-Version. Und wiederum bekommt Joseph Beuys nicht nur im Sinne von „Boys“ sein Fett weg. Kippenberger persiflierte 1995 eine einstündige Sprechaktion von 1968, die Jaa Jaa Jaa Nee Nee Nee scheinbar endlos aneinanderreihte. Die sakrosante, raum-zeitliche Dimensionen sprengende oder für manche einschläfernde Inszenierung von Dialektik in sämtlichen artikulatorischen Feinheiten wird von Kippenberger lakonisch nachempfunden, zeitlich gestaucht und in zwei weiteren Versionen mit hektischem Techno unterlegt. Das Stück inszeniert so unter anderem einen Kurzschluss der gesellschaftskritischen Performance-Art der 1960er mit dem vermeintlich hedonistischen Geist der Pop-Kultur der 1990er-Jahre.

Insofern kann die Publikation in erster Linie als Anstoß dienen, der vor allem eines demonstriert: Dass die Aufarbeitung und Interpretation von Kippenbergers musikalischer Hinterlassenschaft jetzt richtig beginnen muss.

„Martin Kippenberger – Musik / 1979 – 1995“, 3 x 10" Vinyl – Box, gebundenes Buch mit Prägung und Schachtel mit Banderole, Texte von Max Dax, Wolfgang Müller, Frieder Butzmann, 21 Tracks (60 Min.), Auflage 1000, Edition Kröthenhayn, Berlin 2010, 70 Seiten, Englisch, ISBN 978-3981185638, EUR 59,90


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