6. Dezember 2011
Papierkörbe sind angesagt. Zumindest, wenn es um hochdotierte Kunstpreise geht. Letztes Jahr erhielt Klara Lidén den inzwischen gestrichenen Blauorange-Preis unter anderem für ihre abmontierten Abfalleimer, nun geht der Turner Preis an den Schotten Martin Boyce, der eine modernistisch inspirierte Parklandschaft samt Mülleimer und Blättern im BALTIC Centre for Contemporary Art des nordenglischen Gateshead präsentiert. Gestern Abend wurde der mit 25.000 Britischen Pfund (29.200 Euro) dotierte Preis durch den Star-Fotografen Mario Testino vergeben.
In der Arbeit Do Words Have Voices schlägt sich der Hang des 44-Jährigen zu einer Mischung aus filigraner Abstraktion und poetischer Sprödigkeit nieder, mit der er laut Jury einen „bahnbrechenden Beitrag“ zur Moderne-Rezeption der zeitgenössischen Kunst leiste. Tatsächlich schafft es Boyce immer wieder, mit einer minimalen, überaus eleganten Formensprache eine Art skulpturale Naturlyrik zu verbreiten. Seine Gebilde, die auch gerne als Lüftungsgitter in der Wand stecken oder als Lampions über den Köpfen schweben, sind zwar von Nutzobjekten inspiriert, bluffen aber nur. Es wohnt ihnen daher etwas Modellhaftes, Attrappenartiges, geisterhaft Schwebendes inne, was wiederum wie eine typische Geste der Moderne wirkt: Vieles, was die zwanziger Jahre entwarfen, blieb nun einmal Utopie.
Dass Boyce als Favorit den Preis gewann und keiner seiner Mitbewerber, verwundert kaum: Karla Black, Hilary Lloyd und George Shaw lieferten Arbeiten von fragwürdiger Qualität ab, die die ohnehin komplizierte Problematik eines Kunstwettbewerbs beinahe ad absurdum führte. So trat Boyces Park an gegen Blacks gigantische Installation aus Cellophan, Cremes, Nagellack und Badekugeln, Lloyds sich überlappende Videos von urbaner Umgebung und Shaws sozialkitschige Lackbilder, die sein eigenes Kindheitselend illustrieren: Alles Alltagsverwurstung at its worst. Leichter kann man einer Jury die Entscheidung kaum machen – selbst wenn Gewinner von Kunstpreisen generell eher nach politischen als nach künstlerischen Kriterien ausgesucht werden. Schließlich ist eine Ausstellung kein Tanz-Contest, bei dem man nach bestimmten Richtlinien vorgehen kann. Der Unterhaltungswert solcher Events im Namen der Kunst ist dagegen nicht zu unterschätzen.
Ob also der Mann, der während der Preisvergabe in ein rosa Tutu gehüllt zur Bühne stürzte, bevor Sicherheitskräfte ihn hinauskomplimentierten, gegen Bildungskürzungen antreten wollte – wie es auch Martin Boyce in seiner Dankesrede tat – gegen Kunstpreise oder optische Zumutungen im Allgemeinen – mit der Live-Übertragung ins Fernsehen hat auch dieser Turner Preis traditionsgemäß sein Skandälchen.