21. Dezember 2011
Eine karge nächtliche Berglandschaft und ein schummrig leuchtender Vollmond, der sich im schwarzen See spiegelt. Ein Dutzend getrockneter Blattarten im hellen Nebenraum, daneben eine gigantische Schießkarte mit Damwild in Lebensgröße. Man möchte dieser Ausstellung „Bö [seltener: Böe]“ bei Schwarz Contemporary eine gewisse forstwirtschaftliche Freude attestieren. Dabei geht es bei Hannah Gieselers (Jg. 1980) Arbeiten um Gaukelei und Täuschung, um Vexierspiele und Störung: Die Landschaft stammt aus der am Boden stehenden Box gleich am Eingang. Hannah Gieseler hat dort eine abstrakte Bühne verschiedenster Materialien inszeniert, in Echtzeit abgefilmt und mit einem Beamer an die Wand im Nebenraum projiziert. Der verzerrte Mond ist in Wirklichkeit die Spiegelung einer Glühbirne. Das Herbarium aus vermeintlich verschiedenen Blättern, besteht schließlich nur aus einer Blattsorte, der Hyprid-Platane nämlich, deren Laub variantenreich zurechtgeschnitten wurde. Die Vielfalt entpuppt sich als Fake. Und der scheinbar tödliche Blattschuss gelingt mithilfe der vergrößerten, aus 63 Farbkopien hergestellten Schießarte spielend, die Übung ist ad absurdum geführt. Ein Beispiel wie die Künstlerin festgezurrte Wirklichkeitsbilder spielerisch bricht.
Hannah Gieseler, zurzeit noch Studentin an der Berliner Universität der Künste (UdK), gehört spätestens mit dieser Schau zum festen Programm der 33-jährigen Anne Schwarz. Die beiden haben schon früher zusammengearbeitet. Nun hat die Künstlerin, die zuvor an Gruppenausstellungen in Off-Spaces wie der Forgotten Bar und dem Autocenter teilnahm, ihre allererste Einzelausstellung. Vor sieben Monaten hat Schwarz ihre großzügigen Parterreräume – eine ehemalige Sprachschule mit einer Fensterfront aus Glasbausteinen und Kieselwand – in der Sanderstraße 28 eröffnet. Mit der Wahl, ins Szeneviertel Berlin Kreuzkölln zu gehen, hat sie sich geografisch von den begehrten Hotspots wie Mitte oder Potsdamer Straße losgesagt. Damit ist sie dennoch nicht ganz allein, immerhin befinden sich ganz in der Nähe die Galerien soy capitán, Supportico Lopez und das Künstlerhaus Bethanien. Für Schwarz ist es ein Heimspiel im Kiez, in dem sie sich auch privat am liebsten tummelt. „Ich fühle mich einfach sehr wohl hier“, so die Galeristin stolz, die doch so schön klassisch in Bonn und Florenz Germanistik, Kunstgeschichte und Italienisch studiert hat. „Es gibt in diesem Sinn keine Laufkundschaft, aber das macht mir wenig aus – die Leute kommen gezielt und das ist auch gut so – es ist eben keine Massenveranstaltung, wenn man einmal von den Eröffnungen absieht“, sagt die ehemalige Direktorin von Contemporary Fine Arts, die auch schon bei Max Hetzler gearbeitet hat. Von Anfang an war klar, dass irgendwann die Zeit kommen würde, „alleine loszulegen“. Ihr Ziel: Künstler ihrer Generation auszustellen. Denn, so reflektiert Schwarz, „ich habe festgestellt, dass ich mit meiner Altersgruppe am besten arbeiten kann.“
Darunter die ehemalige Robert Lucander-Schülerin Clara Brörmann (Jg. 1982), die sie auf einem ihrer letzten Rundgänge durch die Udk kennenlernte. Eine gute Entdeckung, wie sich zeigt, gibt es doch einige Kollegen, die Schwarz schon jetzt um die junge Malerin beneiden. Aus deren UdK-Klasse stammt übrigens auch Meisterschüler Marlon Wobst (Jg. 1980), der ebenfalls fester Künstler der Galerie ist und im Juni 2011 seine erste Einzelausstellung mit seinen kraftvollen, kopflosen Einzelfiguren zeigte. Peu à peu hat sich so ein feine Künstlerliste entwickelt. Auch die Sommerausstellung des Olaf Metzel-Schülers Ulrich Hakel war ein kleiner großer Erfolg. Das nächste Jahr beginnt dann mit der Ausstellung großformatiger Leinwände Oliver Flössels (Jg. 1977). „Natürlich habe ich mich hier nicht für die Sicherheit entschieden. Aber es macht Spaß, die eigenen Ideen verwirklicht zu sehen.“ Gewohnheit beginnt da, wo die Elite der Kreativwirtschaft Millionenbeträge umsetzt. „In meiner Vergangenheit habe ich Spitzenkünstler vertreten. Die brauchten keine Entwicklungshilfe mehr“, meint Schwarz selbstbewusst, die in ihrer Galerie den Fokus auf Malerei und Skulptur legt – womit sich dann doch eine kleine Linie zum früheren Arbeitgeber ziehen lässt.
So ähnlich beschreibt es auch Tanja Wagner: „Etablierte Künstler stecken in einem ziemlich sicheren Workflow, das bedeutet hohe Professionalität.“ Da kann die Galerietätigkeit doch kalkulierbar erscheinen. Die eigentliche Herausforderung aber sieht die taffe Newcomerin Tanja Wagner in den Künstlern Anfang Dreißig. Da gelte es zu koordinieren und zu organisieren. Seit September 2010 hat sie in der Pohlstraße 64, nahe der Potsdamer Straße ihre 100 Quadratmeter Galerieräume angemietet. Nur wenige Tage nach ihrer Eröffnung wurde sie von Sabine Schmidt, der kurzfristig die Partnergalerie abgesprungen war, zum damaligen art forum berlin eingeladen. Eine erste Welle der Aufmerksamkeit brach auf die Junggaleristin nieder, die vor zehn Jahren für das Kunstgeschichts-Studium aus Hessen nach Berlin kam. Bevor sie sich für die Selbständigkeit entschloss – ein langgehegter Wunsch der schneidigen Galeristin – machte sie zunächst Praktika in Institutionen wie dem New Yorker PS.1 und dem Pariser Centre Pompidou, bevor sie mehrere Jahre für den etablierten Berliner Galeristen Max Hetzler arbeitete. Vor wenigen Tagen erhielt sie die Zusage für die Art Brussels, auf der sie nun mit einer Einzelpräsentation der aufstrebenden bosnischen Künstlerin Šejla Kamerić (Jg. 1976) vertreten sein wird. Wagner lernte die Künstlerin während ihres DAAD-Stipendiums 2008 in Berlin kennen und nahm sie bei der Eröffnung kurzentschlossen ins Programm auf. Vier weitere Künstlerinnen zählten seit Beginn dazu: Mariechen Danz, Paula Doepfner, Issa Sant und Angelika J. Trojnarski. Vor Kurzem kam dann Ulf Aminde hinzu.
Tanja Wagner beobachtet die Berliner Kunstlandschaft sehr genau – und meint, eine Veränderung bei der neuen Künstlerriege beobachtet zu haben. Einen Gesinnungswechsel, der neue Formen der künstlerischen Produktion hervorbringe und von der Lust am Handeln zeuge. Kunst mit einem tatsächlichen Anliegen in einem Stil, der Utopien, Unberechenbares und Unglaubliches vereint. Die von Övül Durmusoglu kuratierte Gruppenausstellung „Antworten auf den Neumond“ in ihrer Galerie ist als Prolog zu einer Reihe von Ausstellungsprojekten gedacht, die sich dieser Erneuerung und der Sichtbarmachung „einer neuen Materialität“ verschrieben hat. Die neue Künstlergeneration zeige mit Empathie und Sensibilität, dass ihre Zeit gekommen sei, so Wagner.
Wie unterschiedlich das aussehen kann, beweisen die Arbeiten ihrer aktuellen Gruppenschau: Während sich der Weißensee-Schüler Hasan Aksaygin in seinem Wandbild By the way mit den Worten: – „Mom, I have something to tell you, and I hope, you are sitting down. I am terrifyer“ outet, versucht in Pilvi Takalas neunminütigem Film Real Snow White, 2009 ein als Schneewittchen verkleidete Statistin, ins Disneyland Paris zu gelangen. An der Einlasskontrolle wird die ganze Verrücktheit des Freizeitspektakels enttarnt, denn als Besucher im Walt-Disney-Kostüm ist man dem Original zu ähnlich und darf nicht auf das Gelände - Verwechslungsgefahr. Und tatsächlich: Scharen von Kindern stehen für ein Autogramm bei dem „falschen“ Schneewittchen an.
Buchstäblich Poetisches hingegen zeigt Natalie Czech (Jg. 1978): Eine Magazinseite mit tiefnächtlichem Vollmond hinter Pinienzweigen, unter der geschrieben steht „It’s not the‚ same old moon“. Auch hier wieder das Motiv, das sich in Titel und anderen Ausstellungen dieser Tage – beispielsweise „Die andere Seite des Mondes“ im Düsseldorfer K20 – vielversprechend zitiert. In dem übernommen Originaltext hat die Künstlerin die Wörter gefunden, die ein Gedicht von Velimir Khlebnikov ergeben. Czech macht sich das Phänomen der Intertextualität zunutze, sie begreift den Text als einen Raum, nicht nur für die Auslegung, sondern für faktisch vorhandene Gedichte. Affinität zur Schrift ist Czechs Markenzeichen. Um Sprache wird es übrigens auch in der nächsten Ausstellung mit der libanesisch-amerikanischen Künstlerin Annabel Daou (Jg. 1967) gehen. „Ja, es läuft gut, ich kann mich nicht beschweren“, gibt Wagner lächelnd zu. Also alles nach Plan, wenn nicht sogar noch besser. Und nach einer harten Woche besucht die Galeristin oft noch das Atelier einer ihrer Künstler – ein Elixier, das nach viel Stress wieder munter macht.
Und so sorgen die zwei Galeristinnen mit für spannenden Neuzuwachs im Kunstbetrieb. Es ist es nur eine Handvoll smarter Jungrepräsentanten, die in den letzten Monaten aktiv geworden sind. Doch in einer Sache sind sie bereits Profis: unter ihnen herrscht Einvernehmen und reger Austausch. Der Nachwuchs hält zusammen.
Hannah Gieseler: „Bö [seltener: Böe] – Schwarz Contemporary, Berlin. Vom 18. November bis 22. Dezember 2011 und Oliver Flössel: „dia log“. Vom 13. Januar bis 18. Februar 2012
„Antworten auf den Neumond: Prologue“ mit Hasan Aksaygin, Natalie Czech, Nilbar Güres, Runo Lagomarsino, Johannes Paul Raether, Anca Munteanu Rimnic, Pilvi Takala – Galerie Tanja Wagner, Berlin. Vom 11. November 2011 bis 7. Januar 2012