Marktcheck Lucian Freud

Freud ohne Farbe

Ute Strimmer
13. Januar 2012

„Lucian Freud – Radierungen 1982-2004“ – Villa Grisebach, Düsseldorf. Vom 8. Dezember 2011 bis 24. Februar 2012
Auktion „The Printer’s Proof: Etchings by Lucian Freud from the Studio Prints Archive“ – Christie’s London. Am 15. Februar 2012

Er war der Superstar der zeitgenössischen Malerei, ein Meister des Inkarnats, der unter anderem die Britische Queen und das Model Kate Moss porträtierte. Erst spät hat Lucian Freud, der im vergangenen Jahr verstarb, die Radierung für sich entdeckt: Mit sechzig Jahren, als 1982 die erste Monografie zu seinem Werk erschien. Alsdann allerdings setzte er sich intensiv mit ihr auseinander. Lawrence Gowing, Herausgeber der Monografie, hatte angeregt, der Luxus-Ausgabe einige Drucke beizulegen. Freud nahm daraufhin wieder die Radiernadel in die Hand und schuf beeindruckende Porträts. Zuletzt hatte der Künstler auf diesem Gebiet in den 1940er-Jahren einige Versuche unternommen und sich seither ausschließlich auf die realistische Malerei konzentriert.

„Freud hat das Medium für sich wiederentdeckt und ein druckgrafisches Werk geschaffen, das sich als eigenständige Werkgruppe neben seiner Malerei entwickelte“, erklärt Daniel von Schacky, Geschäftsführer des Berliner Auktionshauses Villa Grisebach, der in seiner Düsseldorfer Dependance derzeit eine Verkaufsausstellung mit zwanzig Radierungen Freuds präsentiert. Wie auf seinen Gemälden zeigt Freud auch in der Druckgrafik den Menschen ohne jede Beschönigung, realistisch und extrem plastisch, gerne auch in nahsichtigem Format. Vor allem bildete er Menschen ab, die ihm etwas bedeuteten: Familienmitglieder, wie seine erste Frau Kitty Garman, Tochter des Bildhauers Jacob Epstein, die Kinder Bella, Esther und Ali, den Bruder Stephen, den Studioassistenten David Dawson und langjährige Freunde. Auch sich selbst stellte er in verzerrter Schrägansicht und mit verkürztem Körper dar.

Als Elfjähriger 1933 mit seiner Familie aus Deutschland nach London emigriert, orientierte Freud sich künstlerisch an deutschen Traditionen: Seit seiner Kindheit war er unter anderem mit Albrecht Dürers exakter Darstellungsweise aus Reproduktionen in seinem Elternhaus vertraut. Als weitere Vorbilder gab er einmal George Grosz oder Max Ernst an. Dennoch wurde Freuds Werk in Deutschland bislang wenig gezeigt. Lediglich Jean-Christophe Amman widmete dem Briten 2001 im Frankfurter Museum für Moderne Kunst eine großangelegte Retrospektive.

„Freud ist ein Künstler von Weltrang, den die Kunstgeschichte nicht mehr infrage stellt und der preislich eher noch steigen wird. Doch in Deutschland hat er noch nicht den Ruf, der ihm gebührt“, erläutert Daniel von Schacky. „In den kommenden Jahren und Jahrzehnten wird man den Künstler auch jenseits des anglophonen Bereichs vielmehr wahrnehmen.“ Die Preise der bei Grisebach angebotenen, druckgrafischen Blätter bewegen sich zwischen 17.000 und 110.000 Euro. Sie sind damit ein verhältnismäßig realisierbares Investment, wenn man denn den Wunsch nach einem Original von Lucian Freud hegt. Denn sieht man sich die Summen an, die seine Zeichnungen einspielen, muss man dort durchaus mit einem mittleren sechsstelligen Betrag rechnen. Und natürlich hat jeder Freud-Freund auch den Rekordzuschlag vom Mai 2008 im Hinterkopf: 26,3 Millionen Euro inklusive Aufgeld spielte dort Freuds Akt-Gemälde der massigen Sue Tilley (Benefits Supervisor Sleeping) bei Christie’s in New York ein. Die „Apotheose einer sehr langen Preisentwicklung“, nennt Daniel von Schacky diesen preislichen Höhepunkt.

Auch Freuds Druckgrafik hat in den letzten fünfzehn Jahren einen stetigen Anstieg erfahren, wie der Kunstexperte bestätigt: „Zum einen in den letzten Lebensjahren von Lucian Freud, zum anderen nach seinem Tod im Juli letzten Jahres.“ So erreichte 1996 die Radierung Man posing von 1985 bei Christie’s in New York nur knapp die 10.000 Euro-Marke. Gut anderthalb Jahre später spielte das frühe Blatt Ill in Paris von 1948 bei Phillips de Pury & Company in London bereits 21.778 Euro (inkl. Aufgeld) ein. Auf über 70.000 Euro kletterte schließlich 2006 ein Garten-Sujet Freuds bei Sotheby’s in London. Preise im mittleren fünfstelligen Bereich pendelten sich nun ein. Im April 2011 schließlich setzte Phillips de Pury & Company in New York das Porträt Lord Goodman in His Yellow Pyjamas für 72.434,7 Euro (inkl. Aufgeld) ab.

Gespannt erwarten Liebhaber der Grafiken Freuds die Londoner Auktion bei Christie’s am 15. Februar: Das britische Auktionshaus versteigert 45 Radierungen aus der Privatsammlung Marc Balakjians, der Lucian Freud 25 Jahre lang als Haus- und Hofdrucker zur Seite stand. Die Schätzpreise der Blätter liegen zwischen 6.000 und 70.000 Euro. Die Radierung mit der Abbildung des Kunstkritikers Martin Gayford ist mit 15.000 bis 25.000 Euro taxiert. Von ihm ist soeben ein Buch erschienen, in dem er beschreibt, wie es sich anfühlte, Freud Porträt zu sitzen.

Tim Schmelcher, Direktor des Print Departments bei Christie’s in London, freut sich auf die Versteigerung: „Der Aufwärtstrend von Lucian Freuds Druckgrafik wird sich mit dieser Auktion verstärken. Durch den Fokus auf das grafische Werk Freuds ziehen wir auch Kunden an, die nicht traditionell Druckgrafik sammeln, sondern generell zeitgenössische Kunst. Wir erwarten einen den Markt verändernden Sale.“


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