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Marktcheck Dieter Roth

Die Revolution ist Roth

Annika Karpowski
17. April 2012

46. Art Cologne, Köln. Vom 18. bis 22. April 2012

Nicht nur einmal mussten die Ateliers von Dieter Roth geräumt werden. Zuviel Verderbliches lag auf dem Fußboden herum, bestialischer Gestank hing in der Luft, Ungeziefer bearbeitete die Werke des Künstlers. Mehrmals sahen Roths Nachbarn ihre Gesundheit gefährdet und benachrichtigten die Behörden. Zwei knapp 60 Quadratmeter große und völlig blanke Atelierböden werden nun im Eingangsbereich der diesjährigen Art Cologne in Zusammenarbeit mit der Galerie Hauser & Wirth erstmals in Deutschland gezeigt. Herausgelöst wurden sie aus den Roth’schen Räumen im isländischen Mosfellsbær, einem Ort unweit von Reykjavík, wo der Künstler gemeinsam mit seinem Sohn Björn über zwanzig Jahre immer wieder wohnte und arbeitete. Auch Roth selber hatte eine bereits Anfang der 90er-Jahre ausgestellt. Weder Länder- noch Gattungsgrenzen waren für den unangepassten Künstler-Künstler von Belang: Die Symbiose aus Kunst und Leben verkörperte wohl niemand wahrhaftiger als der kosmopolite Fluxus-Mann, der obsessiv produzierte und experimentierte. Roth malte und übermalte, goss und übergoss, druckte, presste und quetschte, kompostierte und komponierte, dichtete und verdichtete, modellierte und collagierte. Räume, Ordner, Schallplatten und Kisten voll – eine Kunst- und Wunderkammer des ordinären Alltags, bittersüß und massenmedial.

Dieter Roth, 1930 als Karl-Dietrich Roth in Hannover geboren, der zwischendurch mit Diter Rot oder auch mal mit einer Handvoll Erbsen signierte, absolvierte 1947 zunächst eine Werbegrafikerlehre in Bern. Konzepte der Konkreten Kunst und Poesie beflügelten ihn, begeistert studierte er die Zürcher Schule der Konkreten und gestaltete in den 50er-Jahren vor allem geometrische Arbeiten, darunter Bücher, später auch Gardinen und Teppiche für eine dänische Designfirma. Konstruktivismus, abstrakte Formen, das Erbe von Kasimir Malewitsch, Kurt Schwitters, Dada & Co waren in der ersten Zeit wichtige Ideengeber. In Kopenhagen lernte er seine Frau kennen und folgte ihr Ende der 50er-Jahre nach Island, designte Schmuck, Möbel und nebenher immer wieder Bücher. Mitte der 60er-Jahre jedoch entwickelte er eine andere Sprache: Verfallsobjekte, Schimmelbilder und Eat-Art-Aktionen mit Daniel Spoerri verhalfen zum großen Durchbruch. 1968 rief ihn Joseph Beuys an die Düsseldorfer Akademie. Nicht nur banaler Zufall, sondern Zerfall war sein Schluss. So heißen seine Arbeiten – ganz dem memento mori-Pathos verschrieben – Der Lauf der Dinge, Lebenslauf, Lauf der Welt. In seinen filmischen Tagebüchern machte Roth dann seine eigene Person selbst zum Thema. Das erste entsteht 1982 für den Schweizer Pavillon auf der Biennale von Venedig, das zweite Videoprojekt Solo Szenen stammt aus den Jahren 1997 und 1998 – 131 Kassetten zeigen den Künstler nonstop in seinen Ateliers in Basel, Hamburg und auf Island. Im Juni 1998 verstarb Roth in Basel.

Hinterlassenschaften des nonkonformen Alleskönners gibt es viele – und der Markt hält einige davon bereit. Wichtige Ausstellungen wie die beiden großen Retrospektiven in Basel und Köln oder die im vergangenen Jahr in Aarau gestartete und momentan in Salzburg laufende Schau „Selbste“ führen naturgemäß stets zu einem Anstieg der Preise im Handel. Doch Vorsicht ist geboten. Roth-Experte Dirk Dobke, Leiter der Foundation in Hamburg, urteilt mit Vorbehalt und spricht von einer bipolaren Marktsituation: „Druckgrafik von Roth gibt es massenhaft auf Auktionen, ebenso Auflagenobjekte – dabei fällt auf, dass die Arbeiten, obwohl kunsthistorisch bedeutend, teilweise extrem niedrig angesetzt werden.“ Dieser Meinung ist auch der Kölner Weggefährte Heinz Holtmann und sieht das grafische Werk nach wie vor kommerziell verkannt: „Die Grafik ist unterbewertet. Gerade in den Siebzigern experimentierte Roth gemeinsam mit seinen kongenialen Druckern und revolutionierte die Disziplin, die jedoch in Teilen markttechnisch unterschätzt wird. Gleichzeitig war er am Fall des Grafikmarkts, der damals eine absolute Hochzeit erlebte, beteiligt – weil er einfach zu viel produzierte.“

Tatsächlich fertige er in den Fünfzigerjahren über 500 Drucke in allen Techniken und verschiedenen Auflagen an und brachte mit seinen Wurst-, Saft- und Käsemanipulationen das nicht Dagewesene in die Nachkriegskunst. Darunter die Große Landschaft von 1969 – gepresster Käse auf Dachpappe in einer Auflage von 25 Stück. Eine nummerierte und signierte Unikatreihe, die im Dezember 2010 für 4.320 Euro (inklusive Aufgeld) beim Kölner Auktionshaus Lempertz versteigert wurde. Jedoch handelte es sich hier um ein Werk außerhalb der Edition. Das AP-Exemplar brachte im Juni 2010 im gleichen Haus denn auch 7.200 Euro (inklusive Aufgeld). Kleine Sonnenuntergänge mit fettender Wurstscheibe erzielten in den letzten Auktionen zwischen 2.000 und 4.000 Euro – erstaunlich wenig für ein wichtiges Kapitel Kunstgeschichte.

Wer Sorge um deren Erhalt hat, kann beruhigt sein. „Die Konservierung ist nicht so schwierig, einmal durchgetrocknet, halten sich die Arbeiten sehr gut unter Plexi. Schwieriger sind Leihgaben – da besteht ein großes Transportrisiko. Zudem war Roth zwar mit der Konservierung einverstanden, aber eben immer gegen die Restaurierung seiner Arbeiten,“ klärt Dobke auf. Eine gefälligere, weil schimmelfreie Arbeit ist hingegen die sechsteilige Piccadilly Circus-Reihe, die Roth in 150 Varianten immer wieder neu erfand. Ausgestellt sind die Siebdrucke auf Offsetdruck derzeit zum Beispiel in der Waiblinger Galerie Stihl. Bei Heinz Holtmann gibt es sie ab dieser Woche auf der Art Cologne für circa 30.000 Euro zu kaufen.

Ein Inkunabel der Kunstgeschichte und altbekannter Ausstellungsgast ist das Multiple Karnickelköttelkarnickel, das ab 1972 produziert wurde: Immerhin in einer Auflage von 250 kam der Hase aus Mist und Stroh am 28. Mai 2011 bei Dr. Andreas Sturies für 7.500 Euro ohne Aufgeld unter den Hammer. Noch vor der Krise erzielte Lempertz am 29. November 2007 10.500 Euro (Hammer) und lag damit weit über dem Schätzpreis von 4.000 Euro. Die Taxe ebenfalls übertraf auch der am 1. Juni 2010 angebotene Große Gartenzwerg in Schoko gegossen, Edition 10 von 20, der bei Lempertz stolze 48.000 Euro (inklusive Aufgeld) einspielte – das dritthöchste Verkaufsergebnis für Werke Roths bei Auktionen. Darüber schafften es nur eine Gewürztruhe (58.350 Euro, Taxe 20.000 – 30.000 Euro, Sotheby’s Amsterdam) und die Installation Snow (90.500 US-Dollar, Taxe 35.000 - 45.000), die wenige Tage vor dem Tod des Künstlers im New Yorker Haus von Christie’s aufgerufen wurde. Zu sehen ist diese Arbeit übrigens heute in der Sammlung des MoMA.

Dass in den Statistiken keine sechs- und siebenstelligen Ergebnisse auftauchen, scheint kurios, doch verhält es sich hier wohl ähnlich wie im Fall Beuys: Wichtige Werke sind teilweise schon früh in Museen oder große Privatsammlungen gegangen. Außerdem „halten die Sammler ihre Arbeiten zusammen – da kommt nur selten was auf den Markt”, so Heinz Holtmann. Trotzdem kann er auf der Kölner Messe ein frühes Selbstporträt anbieten. Das Ölgemälde von 1976/78 kann für 135.000 Euro erworben werden. Die Galerie Hauser & Wirth liefert neben den gewaltigen Platten noch andere gefragte Einzelstücke aus dem Nachlass, darunter Tischmatten – obgleich laut Florian Berktold kommerziell nicht ganz einfach – aus dem Spätwerk, Tischtuchbilder und eine große Zeichenserie von 1981/82. Zwischen 80.000 und 350.000 Euro werden angeschrieben sein – und bestätigen die offensichtliche „Schere, die den Dieter Roth-Markt ausmacht: Einsteiger können für 1.000 oder 2.000 Euro eine Arbeit des Spitzenkünstlers kaufen, während für manche Großinstallation ein Millionenpreis ausgegeben werden muss“, so Dirk Dobke. Dabei sind speziell die Künstlerbücher Roths dem Neuling wie Kenner nahezulegen, deren Herstellung ihn stets begleitete. Die Preise sind auch hier äußerst moderat: Das Miniaturbuch Kölner Divisione von 1965 erzielte am 24. März 2012 bei Venator & Hanstein in Köln 1.800 Euro exklusive Aufgeld (Taxe 1.500).

Dirk Dobke weiß jedoch, warum die Sammler bei Roth vorsichtiger sind: „Er ist bis heute sperrig geblieben – es ist eben keine typische Kunst zum Repräsentieren oder ‚Angeben‘, kein Mainstream.“ Heute wie damals gilt er als universaler Schaffer und Sammler, dessen manisches Handeln sein Markenzeichen wurde. Seine schrundigen Böden sind nun stille Skulptur, eine Roth-Reliquie, zwischen Überbleibsel, Readymade und Kunstmarktfetisch, die in ihrer Radikalität seine Insignien tragen. Einer der beiden Böden steht in dieser Woche zum Verkauf, der Preis dafür stand wenige Stunden vor der Eröffnung noch nicht fest. Welche Kurve die Aktie Roth demnächst einschlägt, wird künftig auf jeden Fall der internationale Markt entscheiden.

Dieter Roth Werkverzeichnis (in Zusammenarbeit mit der Dieter Roth Foundation, Hamburg)


Mehr im Dossier  Art Cologne 2012

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