5. Dezember 2011
Wenn
Alfred Hrdlickas Skulpturen im öffentlichen Raum aufgestellt wurden, geschah das meist in Begleitung heißer Diskussionen. Kunst bedeutete für den Wiener Berserker, dessen zweiter Todestag sich am 5. Dezember jährt, nicht bloß Abstraktion und Formenspiel, sondern Wahrheitssuche, Konflikt und Bekenntnis. In seinem Œuvre aus Bildhauerei, Malerei und Grafik thematisierte er den Menschen in hochgradig expressiver Form und einer drastischen Ästhetik, mit der er Sadismus, Aggression und Lustmord in Szene setzte. So zählten zu seinen Lieblingsdarstellungen etwa der geschundene Marsyas, die Kreuzigung oder Märtyrer – und Massenmörder.
Hrdlicka, bereits als Volksschüler bekannt für seine Aufmüpfigkeit, besaß eigenen Angaben zufolge schon als Kind ein außergewöhnliches Zeichentalent und war in der Lage, Darstellungen von Gewalt, Schnelligkeit und Bewegung gekonnt aufs Papier zu bringen. Das erste Zusammentreffen mit dem jungen Künstler an der Wiener Akademie der Bildenden Künste beschrieb der Freund und Maler Georg Eisler: „Einer (Hrdlicka) saß immer am Boden, wohin er auch sein Zeichenbrett gelegt hatte, den Kopf ganz dicht am Papier: Die herunterfallenden langen Haare verbargen das Gezeichnete, von dem ich in seltenen Augenblicken – wenn er sich aufrichtete – sehen konnte, dass es sehr schwarz und dunkel war, mit viel verwischter Zeichenkohle.“
Nach dem Abschluss seiner Malereiausbildung von 1946 bis 1952 bei Albert Paris Gütersloh und Josef Dobrowsky besuchte Hrdlicka von 1953 bis 1957 die Bildhauerklasse von Fritz Wotruba. Beide Künstler inspirierten sich künstlerisch gegenseitig: Hrdlicka war von Wotrubas Frühwerk begeistert, und der Professor schätzte das kreative Potenzial und den hellen Kopf seines Schülers. In dieser Zeit entstanden die ersten, von Eros und Revolte durchpulsten Skulpturen, die von unmittelbarer Kraft strotzen. „Alle Macht in der Kunst geht vom Fleische aus“, lautete dabei Hrdlickas Grundsatz. Schon seine Diplomarbeit, Stehender Jüngling, ein wuchtiger, überlebensgroßer Marmor-Torso (1957), für den Michelangelos Sterbender Sklave (1513/16) Pate stand, macht die für sein späteres Œuvre so charakteristische Thematik deutlich: das Leid des Menschen.
Drei Jahre später stellte Hrdlicka gemeinsam mit seinem Kollegen Fritz Martinz in der Wiener Zedlitzhalle eine Ausstellung auf die Beine, die Hrdlicka in Österreich schlagartig bekannt machte – und für einen Skandal sorgte. Die politischen Inhalte und das Engagement des überzeugten Kommunisten, übrigens auch Kind eines während des Nationalsozialismus verfolgten Kommunisten, gegen die Konsumgesellschaft polarisierten. Doch die Kunstkritik feierte die realistische Kunst Hrdlickas. Besonders hob man sein Monumentalbild mit dem vermeintlich harmlosen Titel Die Badenden (1957/60) hervor. Es zeigt eine grauenvolle Begebenheit: Nach dem Zweiten Weltkrieg hatte der Vater eines Bekannten Hrdlickas diesem von einer Massenhinrichtung der Waffen-SS an polnischen Juden in einem Flussbett erzählt. Auch in der retrospektiven Ausstellung des Frühwerks des Künstlers, 2010 in der Orangerie des Wiener Belvedere, sorgte Hrdlickas früher Protest gegen das Vergessen der Gräuel des Nationalsozialismus wieder für Aufsehen.
1964 vertrat Hrdlicka Österreich auf der Biennale von Venedig. Gleich nach der Besichtigung spendete die Presse dem zeitkritischen Bildhauer großen Beifall: „Er ist ein Denker und Grübler in Stein, der den Menschen wieder im Sinne der Ebenbildlichkeit sieht, qualvoll aufschreienden Gleichnisse der verfolgten und vernichteten Humanität in unserer Zeit, für die der Künstler mit seinen Figuren und Zeichnungen leidenschaftlich Partei nimmt.“ Hrdlicka stieg zum international beachteten Künstler auf. Diverse private und öffentliche Aufträge folgten. Ab 1971 kamen Professuren an den Akademien in Hamburg, Stuttgart, Berlin und Wien hinzu. 1988 wurde dort auf dem Albertinaplatz sein Mahnmal gegen Krieg und Faschismus aufgestellt – das Hrdlicka selbst als sein bedeutendstes Werk bezeichnete. Als der Künstler 2009 mit 81 Jahren verstarb, rühmte man ihn denn auch als „heftigen Mahner gegen Unrecht und Unterdrückung der Menschen“. Die österreichische Bildungs- und Kunstministerin Claudia Schmied betitelte ihn sogar als „Titan der internationalen Kunst“.
Auf dem Kunstmarkt steht dem Bildhauer spätestens seit seinem Tod eine treue Anhängerschaft zur Seite. Die Preise für Skulpturen Hrdlickas bewegen sich konstant im vierstelligen Bereich mit deutlichen Ausschlägen nach oben. Im Frühjahr 2011 wurde etwa die Bronze Illusion perdue (1988) für 9.000 Euro bei Van Ham versteigert. Robert van den Valentyn, Leiter der Abteilung für Moderne und zeitgenössische Kunst des Kölner Auktionshauses, erklärt: „Bei Hrdlicka besteht ein solider, fester Markt. Seine Skulpturen finden vor allem im gesamten deutschsprachigen Raum Sammler, die sich auch mit den von Hrdlicka vertretenen politischen Intentionen, wie etwa Aussöhnung und Schuldanerkennung decken. Obwohl er sich mit dem Mahnmal gegen Krieg und Faschismus Kniender und straßenwaschender Jude (1988) in Wien nicht nur Freunde gemacht hat, bleibt seine besondere Bedeutung für die österreichische Kunst der Nachkriegszeit unbestritten. Preisanstiege nach seinem Tod sind zwar noch nicht zu verzeichnen, das ist nach so kurzer Zeit aber durchaus nicht ungewöhnlich. Entscheidender ist, dass der Markt jetzt nicht überschwemmt wird“.
Langfristig sieht der Kunsthistoriker die Preise im Aufwind, da es eine breite Basis an Sammlern gibt. Auch Im Kinsky-Experte Otto Hans Ressler konstatiert für die Zukunft einen Aufwärtstrend. „Obwohl Hrdlickas Werk nicht ganz einfach ist und sein Realismus immer wieder erschreckend und erschütternd wirkt, steigen seine Preise – langsam, aber stetig. Seine Käufer sitzen vor allem in Österreich und Deutschland. Besonders seine Zeichnungen zur französischen Revolution, die zu seinen bekanntesten und eindrucksvollsten Werken zählen, erfahren eine immer größere Nachfrage.“ Seit Jahren erlöst das Wiener Auktionshaus Top-Zuschläge für Bronzen Hrdlickas: 40.000 Euro für Stehender (Haarmann) von 1967 im November 2007, 12.500 Euro für Die Steinigung des Hl. Stephanus von 1980/81 im Oktober 2009 und zuletzt 60.000 Euro für Gekreuzigter (Torso). Beim Wiener Dorotheum wurde allerdings in der diesjährigen November-Auktion ein liegender Torso unter der Schätzung für 40.000 Euro abgegeben.
Laut Robert Ketterer, Inhaber des Münchner Auktionshauses Ketterer, spielen auch die Papierarbeiten Hrdlickas gleichbleibende Preise ein. Ende November dieses Jahres brachte Hrdlickas Aquarell Break von 1997 beachtliche 5.300 Euro. „Der Fokus wird sich in Zukunft sicherlich mehr auf Hrdlickas malerisches Werk richten. Skulpturen in hundertfacher Auflage sind nicht wirklich gefragt. Für Grafikarbeiten und kleine Skulpturen reichen heute schon dreistellige Beträge aus, doch für rare Einzelstücke werden noch immer hervorragende Ergebnisse erzielt“, so Ketterer.
Fast 40 Jahre lang spielte Hrdlicka auch eine tragende Rolle in der Geschichte der Galerie Ernst Hilger, die mit der Herausgabe der Radierung Gift ins Ohr als Studentenedition ihren Anfang nahm. „Über sein Werk und Leben wird in den kommenden Jahren noch viel geschrieben, sein Platz in der Kunstgeschichte Europas weiter gefestigt und didaktisch untermauert werden“, meint Martina Judt von der Galerie Hilger. „Seine Sammlerschaft, die zum Großteil in Deutschland angesiedelt ist, hat mit Reinhold Würth wohl seinen größten Bewunderer. Er hat ihn zum 80. Geburtstag in seiner Sammlung mit einer großen Retrospektive geehrt.“ Einen weiteren Beitrag zur Aufarbeitung Hrdlickas hat Andrea Bönig mit ihrer mehrstündigen Film-Dokumentation „Alfred Hrdlicka. Sequenzen“ geschaffen, die nun zum zweiten Todestag des Künstlers erschienen ist.