4. Januar 2012
Marjetica Potrč: „In einem neuen Land“ – Galerie Nordenhake, Berlin. Vom 22. Oktober bis 21. Januar 2012
Wie wollen wir heute leben? Marjetica Potrč, geboren 1953, stellt diese Frage mit installativen Experimenten von einer erstaunlich sinnlichen Kompaktheit. Ob sie nun regengewässerte Reisfelder auf koreanischen Dachterrassen anbaut oder Kommunenküchen im Amsterdamer Westen ins Leben ruft – der in Ljubljana und Berlin lebenden Künstlerin geht es um die existenziellen Grundbedürfnisse von Lebensgemeinschaften.
Am dichtesten setzt sie dieses Thema aber in ihren Skulpturen um, wie jetzt in der Galerie Nordenhake: Hier hat sie eine Behausung zusammengezimmert, die aussieht, als hätte sich eine selbstgebastelte Raumsonde an einer Gartenlaube angedockt. Unter dem Ausstellungstitel „In einem neuen Land“ zeigt sich Potrč inspiriert von den bienenwabenartigen Kibbuz-Bauten in Jerusalem, die der Architekt Zvi Hecker Anfang der 1970er-Jahre - als Reaktion auf den Sechs-Tage-Krieg - für den Jerusalemer Stadtteil Ramot Polin entworfen hat. Dabei herausgekommen ist eine hausgewordene Hoffnung auf neuen, offenen, sozialdemokratischen Lebensraum. Die Betonung liegt auf Hoffnung.
Mit ihrer Replik dieser Idealarchitektur – als eine Art humanistische Skulptur – verfolgt Potrč allerdings keine konkreten politischen Ziele, auch wenn das Thema Zionismus dies im ersten Moment nahelegt. Ergänzt durch drei naiv anmutende Zeichnungsserien, die die Irrtümer der Zivilisation auf rührende Weise aufdecken – Before, we were builders of walls. Now, we are caretakers of borders, lautet nur ein Schriftzug auf den Blättern mit Strichfiguren – verhandelt Potrč nicht nur jüdische Identitätspolitik, sondern kritisiert die Lebensfeindlichkeit der materialistisch gestimmten Moderne und ihren Abgrenzungsmethoden allgemein. Im Gegensatz zur bloßen Dokumentation gescheiterter Bau-Utopien des 20. Jahrhunderts, wie sie seit einigen Jahren den Kunstbetrieb überfluten, übersetzt die Künstlerin ihre Kritik in eine ganz eigene, dichte Bildwelt: So hat die diagnostisch-zarte Einfachheit ihrer Skizzen, mit denen sie den schmalen Grat zwischen Feindschaft und Gemeinschaft bei der Entstehung von Siedlungen aufzeigt, etwas von Kinderbuch, Therapiezeichnung und Höhlenmalerei in einem. Und dass sie den Hecker‘schen Wabenbau mit einer Laubhütte paart, die auf das jüdische Wallfahrtsfest anspielt, wirkt wie eine povere Ode ans Nomadentum – oder gleich wie die Wiederauflage einer Zukunftsvision, der im Zeitalter von Billigfliegern und schrumpfenden Ölvorräten eine zweite Karriere bevorstehen könnte.
Trotz ihres Fingerzeigs auf bestimmte geologische und politische Bedingungen – in diesem Fall jüdischer Siedlungsbau, nächtes Mal vielleicht wieder mexikanische Stelzenhäuser – verbreiten Potrčs Entwürfe eine universale Botschaft: Nämlich die Frage, wie wir von informellen Architekturen lernen können. Was hat die Moderne vergessen lassen und was birgt sie selbst an vergessenen Ideen? Wie setzen wir ideale Lebensräume tatsächlich um, statt städtebaulichen Theorien aufzusitzen? Wie wird Lebensraum lebenswert? Alles Fragen nach Leben und Tod – weit über Jerusalems Grenzen hinaus.