Marco Poloni bei Campagne Première, Berlin

Gewaltlandschaften

Heike Fuhlbrügge
30. November 2011

Marco Poloni: „The Analogue Island“ – Campagne Première, Berlin. Vom 28. Oktober bis 10. Dezember 2011

Macht- und Gewalt-Strukturen in Italien – fast meint man, Marco Poloni (Jg. 1962) habe aus tagespolitischem Anlass gehandelt. Doch in seiner zweiten Einzelausstellung mit dem Titel „The Analogue Island“ in der Galerie Campagne Première geht es um ein Thema, das den italienisch-schweizerischen Konzeptkünstler schon lange fesselt. Typisch für ihn ist, dass er seine Themen stets in mehrteiligen Untersuchungsfeldern erarbeitet.

Ganz aktuell demonstrieren auf beklemmende Weise die beiden Videoinstallationen aus dem Zyklus „The Analogue Island“ die Auswirkungen der Mafia in Sizilien. Wie ein „soziales Aggregat“, so erklärt Poloni, strukturiere dieses im Verborgenen wirkende System den Süden Italiens. Man fragt sich, was genau die Zeichen und Symbole der Macht denn nun sind – und ob es sie tatsächlich gibt? In jedem Fall sind die negativen Auswirkungen ebenso in einem gelähmten Stadtraum sichtbar wie in der brachliegenden Natur mit ihren riesigen Bauruinen. Am Beispiel der aktuellen Topografie Siziliens untersucht Poloni nun mit der Kamera den geologischen und urbanen Raum als politische Landschaft.

Warum Sizilien? Da die Insel als soziales Modell mit begrenztem Raum verstanden werden kann – und das historische Gebiet der Cosa Nostra erstaunlicherweise ein Drittel des Bruttosozialprodukts von ganz Italien ausmacht/produziert. Ganz auf Partizipation und feinfühliger Bewusstseinsschärfung des Betrachters angelegt, sind die Video-Arbeiten als Rauminstallationen zu verstehen. Der Zuschauer ist eine mitgedachte Größe, der seinen individuellen Platz zum Werk selbst finden soll, anstatt gedankenlos in ein Sitzmöbel gegenüber der Leinwand zu sinken.

Polonis Auseinandersetzung mit politischen und auch filmischen Fragestellungen ist in ihrer Schärfe zum einen Denkern wie Pierre Bourdieu mit seinen Sozialstudien geschuldet, zum anderen Pier Paolo Pasolini. Mit dessen Zitat aus dem 1975 im „Corriere della Sera“ publizierten Artikel „Il vuoto del potere in Italia“ (Der Hohlraum der Macht in Italien) beginnt das Video Scomparsa delle lucciole/Verschwinden der Glühwürmchen (2011). Poloni analysiert hier die Machtverschiebung in Italien als inszeniertes Spektakel: Die zirkulär angelegte Kamerafahrt fungiert als Reise durch verlassene Orte; Bauruinen und Vorstadtöden erscheinen wie Zitate aus Pasolinis Filmen „Borgate Romane“ oder „Accatone“ aus den Sechzigerjahren. Ein Richter und ein Polizist durchwandern darin wie einst Dante und Vergil in der „Göttlichen Komödie“ die Schauplätze der realen Hölle Italiens – bis zu dem trostlosen Verschlag in der Landschaft, wo sich Mafiaboss Bernardo Provenzano dreißig Jahre lang verborgen hielt, bevor er 2006 verhaftet werden konnte.

Auch der verwilderte Staudamm der Kleinstadt Blufi im Video The Analogue Dam (2010) ist stiller Zeuge der Korruption. Die Darstellung erinnert an Robert Smithsons (1938-1973) Konzept der „ruins in reverse“ (umgekehrte Ruinen) von 1967, worin er urbane Vorstadtstrukturen als Bauruinen beschreibt. Doch jede romantisierende Ruinensicht sollte sich bei Poloni verbieten. Der Künstler möchte den Betrachter mündig machen – und verfolgt damit ein politisches Ziel, auf den Spuren durchdachter Konzeptkunst à la Hans Haacke.


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