17. Oktober 2011
Marcel Dzama: „The never known into the forgotten“ – Kunstverein Braunschweig. Vom 17. September bis 13. November
Als Marcel Dzama vor etwa sechs Jahren anfing, in Deutschland bekannt zu werden, war zum einen die Rede von einem furchtbar netten modernen Märchenerzähler, der mit malzigem Root-Beer-Sirup Fledermäuse im Visier fescher Cowboys, traurige Monstermasken und Revuetänzerinnen mit Sturmhauben zeichnete und sich selbst im Bärenkostüm ablichten ließ. Zum anderen hieß es, dass Nicholas Cage und Jim Carrey zu seinen Sammlern zählten, er für Beck ein Plattencover gestaltet und an einem Video für Bob Dylan mitgearbeitet hat. Der freundliche Kanadier (Jg. 1974), der aus dem dauerverschneiten Winnipeg stammt und auf Drängen seines Galeristen David Zwirner nach New York zog, wurde also mit Pauken und Trompeten als Shootingstar eingeführt – und im Vergleich zu vielen anderen, die erst mit diesem Label bedacht und dann mit der Krise hinweggerafft wurden, hält er diesem Versprechen bis heute stand. Eben das demonstriert seine erste institutionelle Einzelausstellung in Deutschland.
Da passt es, dass Pauken, Trompeten und Schüsse auch zu den Requisiten von Dzamas surrealer Welt zählen. Mit Trommlern im Bauklotzkostüm, Kämpferinnen mit Kalaschnikow und abgetrennten Köpfen entfaltet Dzama nun im Kunstverein Braunschweig eine bisher ungekannte Bandbreite seines Werks. Denn neben den gebastelten Collagen und Zeichnungen in nostalgischen Brauntönen, die man von ihm kennt, dringt er nun erstmals virtuos ins Dreidimensionale vor. So dreht im Hauptraum ein Karussell aus bunt-blechernen Schachfiguren scharrend seine Runden, was nicht zufällig an Oskar Schlemmers Triadisches Ballett erinnert: Die originalen Kostüme hatte Dzama in der Reina Sofia in Madrid gesehen. Die Idee, sie als scheppernde Miniaturen zu inszenieren, kam ihm allerdings in Guadalajara, wo er als Gast in einer Keramikfabrik residierte; der fröhlich-opulente Umgang mit dem Tod in Mexiko entsprach seiner eigenen Vorstellung, mit der er immer wieder eine ästhetische Brücke zwischen Kriegsschauplatz und Maskenball schlägt. Und so wimmelt die Ausstellung von Verweisen auf Goya, Dada und Duchamp – und aufs Schachspiel. Als abstrahierte Form der Kriegsführung schleicht es sich durch beinahe alle Arbeiten. Die somnambule Mischung aus Intuition und Ratio, für die schon Duchamp die Kunst gegen das Spielbrett eintauschte, zeigt sich am deutlichsten in den groß aufgezogenen Schwarz-Weiß-Filmen A Game of Chess (2011) und The Infidels (2009), wo auch Dzamas Zeichnungen zum Leben erweckt scheinen: Die gespenstischen Choreographien lassen an Fritz Langs „Metropolis“ oder die Bauhaus-Tänzerin Gret Palucca denken, und sind doch Wiedergänger seines ureigenen Personals. So hat die traurige Terroristin der kleinen Gemälde im Untergeschoss eben noch die Kalaschnikow aufs Bett gelegt – mit der sie im Film kaltblütig Schachspieler abknallt.
Bei allen Anspielungen auf die Tagespolitik ist es dieser Hang zum Gesamtkunstwerk, der Dzamas größte Bezugsquelle offenlegt: die Vorkriegsavantgarde. Selbst vor dem historischen Inventar der Villa des Kunstvereins, dem Haus Salve Hospes, hat er keinen Halt gemacht, den Büsten und Gewandfiguren kurzerhand Sturmhauben übergestülpt und sie wie seine Tänzerinnen im Film mit schwarzen Punkten beklebt – man kann das albern oder kitschig finden oder einfach nur konsequent, wenn Dzama dem Drama den Stachel zieht; schließlich hat auch Schlemmer sich nicht vor Lächerlichkeit gescheut. Die Frage, ob Dzama mit seinen Kostümen nun auf Henker oder Folteropfer anspielt, stellt sich auf ähnliche Weise auch in den Collagen, wo Zirkusakrobaten und Arno Breker dieselbe Sphäre teilen, oder in den Gipsmasken: Wie archaische Fundstücke liegen sie in Vitrinen und könnten genauso gut zum Überfall wie Karneval dienen. Am eindrücklichsten hat Dzama sich aber in den Dioramen verausgabt – Bühnen hinter Glas, wie man sie aus Naturkundemuseen kennt: Hier zielen Soldaten – oder Jäger? – auf Fledermäuse und rosa Vögel, zu ihren Füßen Leichenteile und totes Getier. Die symmetrische Ruhe der Wimmelkompositionen, wie man sie aus Dzamas Zeichnungen kennt, tragen hier Züge eines Puppentheaters, in dem es märchenhaft schön und böse zugleich zugeht.
Bei solchen Bizarrerien ist es kein Wunder, dass Dzama nur nachts arbeitet: Der Traum als Welt am Abgrund ist sein eigentliches Element. Aber mit seinen grotesken, zuweilen süßlichen Szenarien nimmt er dem Tod die Tragik. Auf fabelhafte Weise schiebt er seine Figuren dabei zwischen Krieg und Spiel hin und her – breiter kann man die Spanne wohl nicht ziehen.