„Marcel Duchamp in München 1912“ im Lenbachhaus und Gerhard Merz bei Walter Storms

„München war der Ort meiner vollständigen Befreiung“

K. Erik Franzen
11. April 2012

Marcel Duchamp in München 1912 – Städtische Galerie im Lenbachhaus im Kunstbau, München. Vom 31. März bis 15. Juli 2012

Gerhard Merz – Die Braut. Walter Storms Galerie, München. Vom 23. März bis 26. Mai 2012

In München herrschte 1912 totale Fahrradeuphorie. Die lokalen Zeitungen überschlugen sich mit Berichten über die damals äußerst populären Radrennen, es gab über hundert Fahrradfabriken, unzählige Läden mit Radzubehör, jede Menge Reparaturgeschäfte und praktisch an jeder Ecke eine Fahrradhandlung – auch in Schwabing, wo der 25-jährige Marcel Duchamp damals im Sommer drei Monate lang zur Untermiete wohnte.

Die Ausstellung „Marcel Duchamp in München 1912“ im Kunstbau des Münchner Lenbachhauses wertet diese kurze Phase fernab seiner Pariser Heimat als entscheidende Schnittstelle im Schaffen des Künstlers: Im damaligen Isar-Athen trat er nicht nur aus dem Schatten der kubistischen Künstlergruppe um Albert Gleizes und Jean Metzinger, die sein erstes großes Gemälde Akt, eine Treppe herabsteigend Nr. 2 aus demselben Jahr im Salon des Indépendants in Paris ablehnten. Durch die intensive Beschäftigung mit der klassischen europäischen Kunst gelingt Duchamp außerdem die Abkehr von der Pariser Avantgarde und deren Ideal einer ‚reinen Malerei‘. „München war der Ort meiner vollständigen Befreiung“ schreibt Duchamp denn auch rückblickend 1964.

Im Lenbachhaus sind nun fünf Werke seiner Münchner Zeit ausgestellt, die den entscheidenden Schritt hin zu einer neuen Kunstform belegen, in der Duchamp einen anatomischen Blick mit technischer Metaphorik verbindet. Hatte er bislang die Darstellung von Bewegung problematisiert, zeigen nun die kleinformatigen Zeichnungen Jungfrau (Nr. 1) und Jungfrau (Nr. 2) den neuen Mix aus organischen und technischen Formen, der auch für die Gemälde Der Übergang von der Jungfrau zur Braut und Braut charakteristisch ist: Der weibliche Bauchinnenraum wird zur abstrakt-konkreten Fleischmaschine aus männlicher Perspektive – für Duchamp handelte es sich damit mehr um das „Konzept einer Braut“ als um deren Darstellung selbst.

Die Ausstellung stellt die Werke Duchamps aus dieser Scharnierzeit in ihren historischen Kontext: Schließlich bieten sich im brodelnden München beste Voraussetzungen, neue Bildverfahren zu entwickeln. Nicht nur in den verschiedenen Abteilungen des 1903 gegründeten Deutschen Museums, sondern auch in der großen Bayerischen Gewerbeschau von Mai bis Oktober 1912 erwarten den technikbegeisterten Künstler zahlreiche Inspirationsquellen. Dabei gelingt es der Kuratorenmannschaft um Helmut Friedel, Thomas Girst, Matthias Mühling und Felicia Rappe, diese Bezüge zu verdeutlichen, ohne sie überzubewerten. Erblickt man also in unmittelbarer Nähe des Gemäldes Braut den aufgeschnittenen V-Motor mit seinen Röhren und Windungen aus der damaligen Sammlung des Deutschen Museums, macht es geradezu Klick im Kopf des Betrachters. Selbst wenn ein Besuch Duchamps im Deutschen Museum nicht mit hundertprozentiger Sicherheit nachgewiesen ist, brennen sich die Bildanalogien fest. Auch weitere Münchenbezüge werden aufgezeigt, die für Marcel Duchamp von Interesse waren – oder es zumindest hätten sein können: Das bunt schillernde Oktoberfest und der Münchner Volkspark mit den Schaubuden und illusionistischen Darbietungen sowie Karl Valentins absurdes Kabarett beispielsweise.

Insgesamt gelingt der Ausstellung damit etwas Außergewöhnliches: Der Besucher wird nicht nur mit insgesamt 14 herausragenden Kunstwerken konfrontiert – zu denen auch das Hauptwerk Duchamps Die Braut von ihren Junggesellen nackt entblößt, sogar (Großes Glas) gehört, allesamt Leihgaben unter anderem der Londoner Tate Modern, des Centre Pompidou in Paris und vor allem des Philadelphia Museum of Art. Sondern er wird zu dem Gedankenexperiment angeregt, sich ins München von vor hundert Jahren zurückzuversetzen. Mit den Augen des jungen Künstlers flaniert man also durch die Stadt kurz vor dem Ersten Weltkrieg und fragt sich: Hat Marcel Duchamp im Deutschen Museum in der Abteilung für Straßenfahrzeuge die Wand mit den Fahrrädern betrachtet? Hat er dort die auf Wandsockeln montierten einzelnen Laufräder entdeckt und die Idee, diese als Meisterwerk zu präsentieren, in sein späteres New Yorker Künstleratelier mitgenommen?

Der Aspekt der Readymades wird in der Ausstellung nicht explizit thematisiert – weshalb die Macher der Duchamp‘schen Referenzhölle entgehen: Die Frage, wie viele Künstler sich nach ihm explizit auf seinen radikalen Umsturz der Kunstbetrachtung und des Kunsturteils bezogen haben, bleibt einem also erspart. Dafür stellen sich weitere: Hat Duchamp nicht auch eine Tür geöffnet, die der Beliebigkeit von Kunst Vorschub geleistet und zahllose Werke von zweifelhaftem Rang hervorgebracht hat? Und kann man den „Meister“, der nie einer sein wollte, eigentlich dafür kritisieren?

Nun, zumindest kann man ihn kommentieren. So wie das gerade Gerhard Merz in der Münchener Galerie Walter Storms tut. In seiner vierteiligen Arbeit Die Braut (The Bride is Back for the Final Cut) vertraut der erklärte Duchamp-Fan seiner Fähigkeit, die richtigen Fragen zu stellen: Was kann Kunst als Konstruktion leisten, wenn sie keine falschen Versprechungen machen will? Wenn sie bereits den bloßen Anschein vermeiden will, als Andachtsort zu enden? Unter Berufung auf Duchamp schreibt er in einem offenen Brief an den Galeristen, von einer (Kunst-)Welt, „die durch das ökonomische Feuerwerk geblendet ist“. Und weiter: „Früh spürte ich Ekel vor dem harmlos optisch guten Ende, das durch grafisches Training erreicht wurde, und daher waren Duchamp und die amerikanischen Künstler wie Barnett Newman und Ad Reinhardt meine Hoffnung.“

Störrisch sind sie, die überwiegend monochromen Großgemälde, die Merz für seine „Braut“-Interpretation im ersten Raum Waffen der Braut versammelt hat: So taucht dort in Variation seiner berühmten Arbeit Archipittura (1991) die Reißschiene wieder auf, die diesmal nicht ein Orange, sondern ein Grau teilt; zwei Edelstahlschienen kleben hier wie abstrahierte Lanzen an der Wand. Die Farben der Braut (Rosé, lichter Ocker, Elfenbein, zyprisch gebrannte Umbra und grüne Erde), Anspielungen auf Duchamps sexuell stark aufgeladenes Großes Glas, werden nun, typisch Merz, in totaler kompositorischer Klarheit in strenge Formen überführt: sei es auf Leinwand im oder hinter Glas in Schubkästen verpackt (Haus der Braut). Dass auch Merz nicht humorfrei ist, belegt seine Schachtel der Braut (200 Exemplare à 1000 Euro), eine Hochglanzdokumentation seiner sämtlichen Werke in einer grünen Box: Eine Anspielung auf Duchamps Werkmaterial-Multiple Die Braut von ihren Junggesellen nackt entblößt, sogar (Großes Glas) von 1934, die ebenfalls im Lenbachhaus zu sehen ist. Merz als Braut, die von ihren Junggesellen nackt entblößt wurde? Fast hat man den Verdacht, Merz wollte mit seiner Arbeit Die Braut auf verschlungenen, radikal eigenen Pfaden die Braut aus der männlich-sexistischen Umklammerung des jungen Duchamp befreien. Dabei gelingt es ihm, den offenen Kunstbegriff seines Helden in die eigene Bildsprache zu übersetzen – ohne ihn nachzuahmen oder bloß an den Nullpunkt der Kunstgeschichte des 20. Jahrhunderts anzuknüpfen. Den hatte Duchamp in München zwar noch nicht gesetzt, aber doch immerhin vorbereitet.

Die gesamte Installation „Die Braut“ von Gerhard Merz in der Walter Storms Galerie kostet 750.000 Euro.


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