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Manifesta 7 in Trentino-Südtirol

Der Wunsch, zu sehen

Anne Schreiber
4. August 2008
„Manifesta 7 – Europäische Biennale für zeitgenössische Kunst“, Trentino-Alto Adige/Südtirol. Die Manifesta-Standorte sind Franzensfeste/Fortezza, Bozen/Bolzano, Trient/Trento und Rovereto. Vom 19. Juli bis 2. November 2008

Die erste Nachricht ist, dass sie überhaupt stattfindet – die diesjährige und siebte Manifesta. Vor zwei Jahren auf Zypern, wo sie sich mit Provokationen gegen die politischen Denk- und Sprachregelungen auflehnte, war sie abgesagt worden. In diesem Jahr dagegen bespielt sie nicht nur eine Stadt, sondern eine ganze Region, die aus dem Ereignis einen erkennbaren touristischen Mehrwert schlagen will. Das zweisprachige Trentino-Alto Adige (oder Trentino-Südtirol) im Nordosten Italiens ist zu einem ausufernden Ausstellungsstandort geworden. Unter dreierlei kuratorischer Führung – einerseits dem Raqs Media Collective aus Neu Delhi, andererseits Anselm Franke und Hila Peleg aus Berlin und Tel Aviv und schließlich Adam Budak aus Krakau – animieren in einer monumentalen Aktion mehr als 230 zeitgenössische Künstlerinnen und Künstler  zwischen Juli und November auf einer Strecke von 150 Kilometern entlang des Nord-Süd-Korridors zwischen München, dem Brenner-Alpenpass und Verona vorindustrielle und industrielle Bauten, die für das zeitgenössische Event eigens saniert und renoviert worden sind. Die diesjährige Manifesta ist damit nicht nur Ausdruck des unübersehbaren Ehrgeizes ihrer Rotterdamer Direktion, neben den großen Spektakeln Venedig-Biennale und Kasseler documenta zu einem der  führenden Kunstevents im europäischen Raum zu werden – sie ist auch das zeitgenössische Kunstereignis, das sich am unverblümtesten seiner Nutzanwendung im internationalen Tourismuswettbewerb öffnet. Das hätte von der immer etwas alternatives Kolorit demonstrierenden Manifesta noch vor kurzem niemand gedacht.

Wie anderswo in Europa ist aber im idyllischen Trentino die Kultur ein harter Wirtschaftsfaktor, wenn es um die Vermarktung des Standortes geht. Mit der erfolgreichen Bewerbung um die Manifesta setzen die Südtiroler da an, wo sie in den letzten Jahren vorgebaut haben: 2002 wurde das Museo di arte moderna e contemporanea di Trento e Rovereto (MART) eröffnet, in diesem Jahr das Museion in Bozen, zeitgleich mit der Biennale. Diese stellt nun den Höhepunkt im Plan einer Öffnung der Provinzen in Richtung der europäischen und internationalen zeitgenössischen Kunstszene dar. Sie soll den Wunsch erfüllen, die vom Land ausgehenden kulturellen Initiativen an „einer großen, von außen kommenden Ausstellung zu messen und in einen europäischen Kontext zu stellen“, so die Geleitworte der scharf rechnenden Landespolitiker.

Damit ist auch schon der nicht widerspruchsfreie Spannungsbogen dieser Biennale beschrieben, der so auch für kommende Manifesta-Ausgaben gelten dürfte: Was dem Ausstellungsformat Biennale allgemein als theoretischer Glaubenssatz gilt, betrifft eine europäische Wanderbiennale insbesondere, nämlich die Notwendigkeit der spezifischen künstlerischen Auseinandersetzung mit dem Ort, an dem sie sich jeweils inszeniert. Nichts gilt unter zeitgenössischen Ausstellungsmachern als größere Schmach als der Verdacht, eine austauschbare Globalkultur zu befördern, die indifferent gegenüber lokalen Gegebenheiten zum Sinnbild des entfesselten Weltmarkts wird. Das europäische Event Manifesta hat sich das Axiom der Ortsspezifität zur ersten Arbeitsthese gemacht. Seit ihren Anfängen will die Veranstaltung mit dem inhaltstrunkenen Titel den Begriff „europäisch“ untersuchen und seine vereinheitlichenden, normierenden Tendenzen in Frage stellen – nicht nur kulturell, sondern auch politisch, wirtschaftlich und sozial.

Damit aber arbeiten sich Landespolitiker und Kuratoren quasi von zwei Polen aus entgegen. Die diesjährige Manifesta wird zum Exempel für die heikle Konfrontation, mit der theoretische Grammatiken und Visionen auf einen kulturpolitischen Anwendungsfall treffen. Durch die unterschiedlichen Herangehensweisen an den Begriff des „Europäischen“ droht auch das theoretische Instrumentarium zum internationalen Mainstream-Vokabular zu werden, nach dem sich das Lokale dann doch nur wieder ausrichten muss.  In Anlehnung an das Konzept der „lieux de mémoire“ des französischen Historikers Pierre Nora sollen in diesem Jahr die Schauplätze der Ausstellung zur Reflektion über ihren gemeinschafts- und identitätsstiftenden Charakter im Erinnerungsprozess anregen. Umgekehrt kann das interesselose Spiel mit den Identitäten nicht das bevorzugte Ziel einer um Branding bemühten Regionalförderung sein. Für jeden Ort stellt sich damit die Frage, ob er überhaupt die Infragestellung seiner selbst erlaubt, ob Kunst hier bei Null beginnen, womöglich mit den örtlichen Anrainern ästhetische Verhandlungen aufnehmen kann oder zur Variation ihrer eigenen Voraussetzungen wird.

Von der Rotterdamer Direktion ausgesucht wurden die unterhalb vom Brenner-Pass liegende Habsburger-Festung Franzensfeste, die Bozener Aluminiumfabrik „ex Alumix“, der „Palazzo delle Poste“ in Trient sowie am südlichsten Punkt der Strecke die Gebäude der Kakaofabrik „ex Peterlini“ und der „Manifattura Tabachi“ in Rovereto. Die Bespielung der ehemals leer stehenden Gebäude wollen die Kuratoren nicht als repräsentative Erzählung geschichtlicher Ereignisse verstanden wissen, sondern als erneute Infragestellung, als interpretierende Re-Lektüre des architektonischen Erbes der Moderne und seinen Einfluss auf die Gegenwart sichtbar machen. So stellte das Raqs Media Collective in der Bozener Aluminiumfabrik fest, das nach dem Weggang der Fortschritts-Maschinerien, der Turbinen, Motoren, Heizöfen etwas Materielles zurück geblieben ist, das sich von den Tugenden des „citius, altius, fortius“ (schneller, höher, stärker) emanzipieren konnte. Es ist der Staub, die Leere, das Gebäude selbst, das als dysfunktionaler Rest eine andere (Zeit-)Wahrnehmung impliziert, ein Pausieren, eine Marginalisierung, auch eine Entdramatisierung. Trifft das aber nicht auf jedes aufgelassene Stahlwerk im Ruhrgebiet gleichermaßen zu?

In Trient widmen sich Anselm Franke und Hila Peleg der Seele. In Verbindung zum Konzil von Trient aus dem 16. Jahrhundert und dem Postamt als Schaltstelle eines weltumspannenden Datennetzes untersuchen die vorwiegend filmischen Arbeiten den menschlichen Innenraum nicht als Faktum, sondern als „kulturelles Objekt“, das von Methoden, Ideen, Techniken der Macht beschrieben und hervorgebracht wird. Psychoanalyse wird hier als Erfahrungsseelenkunde – wie sie anfangs einmal hieß – zur Religionsgeschichte. Gibt es aber etwas Überörtlicheres als die Seele und ihre Traumata? Sogenannte „Miniaturmuseen“ reflektierten in der Ausstellung die europäische Praxis des Ausstellungsmachens. Für die beiden ehemaligen Fabriken in Rovereto schließlich verschränkt Adam Budak zwei Begriffe, den von Kenneth Frampton geprägten „Kritischen Regionalismus“ und Ernst Blochs „Prinzip Hoffnung“, um alternative Strategien für das zu entwickeln, was als „öffentlicher Raum“ zum Kunstschlagwort geworden ist.

Sicher, es gibt einige Arbeiten, die sich sorgfältig und hochpoetisch mit den lokalen Bedingungen auseinandersetzen; so etwa die der Italienerin Deborah Ligorio (geb. 1972), die während der Anlegung eines künstlichen Sees durch den Montecatini-Konzern ein filmisches Tagebuch über die Veränderung der Südtiroler Landschaft und insbesondere eines Glockenturms geführt hat. The Submerged Town verbindet gelungenen Konzepte der Psychogeografie der Urbanisten aus den 1960er Jahren mit Ethnografie. Oder das Pariser Künstlerkollektiv Claire Fontaine, das 2004 zusammenfand, um neokonzeptuelle Arbeiten herzustellen, die meist wie Arbeiten anderer Künstler aussehen sollen und Fragen der politischen Wirksamkeit von zeitgenössischer Kunst bei gleichzeitiger Vereinzelung der Künstler verhandeln. Ihre Manifesta-Arbeit Visions of the World ist Sinnbild heutiger politischer Kunst als einer ohnmächtigen, verborgenen Utopie im Kleinen, die sich beinahe unbemerkt an den Rändern artikuliert.

Interessant ist auch die zweiteilige Arbeit Uterus Flags von Libia Castro und Ólafur Ólafsson, die einen Zeitungsartikel über das derzeit in Italien hoch brisante Streitthema der Altenpflege durch illegale Einwanderinnen opernhaft vertont und im Stadtraum von Rovereto dramatische Flaggen aufgestellt haben, die, von heraldischen Symbolen inspiriert, die Silhouetten weiblicher Geschlechtsorgane zeigen. Zu nennen wären weitere Arbeiten wie etwa die Dokumentation über die italienische Nachkriegsarchitektur des Kunstkritikers Tom Holert und der Journalistin Claudia Honecker sowie die Untersuchung des 2005 gegründeten Künstlerkollektivs Brave New Alps zur fortwährenden Zerstörung der Alpenregion durch die Industrie des Massentourismus, erarbeitet mit den Bewohnern vor Ort.

Während die Kunst hier ihre gewohnte Rezeptur zwischen mitgebrachter Methode und lokalen Aromen zur Anwendung bringt, will sich wenigstens die Inszenierung in der Franzensfeste von allen Konventionen lösen. Bei der 1830 von den Habsburgern im Anschluss an die Napoleonischen Kriege erbauten Festung haben die Kuratoren gemeinsam Regie geführt. Wie aber soll man sich an einen Ort erinnern, an dem im Grunde nie etwas statt gefunden hat? Immerhin wurde die Feste nicht ein einziges Mal angegriffen. Die Entscheidung, Schriftsteller, Wissenschaftler, Theoretiker, Journalisten und bildende Künstler einzuladen, Hörstücke für die bis heute leer stehende Festung zu entwerfen, um an die imaginative Dimension von Architektur und ihre diversen möglichen Szenarien zu appellieren und so ihre ursprüngliche strategisch-militärische Funktion mittels der künstlerischen Reflexion zu untergraben, ist höchst einfallsreich und erweist sich am Ort als extrem poetisches Unterfangen. Ein „Theater der Imagination“ jedoch, das die konventionelle Praxis des Ausstellens als eine Politik des visuellen Beweises untergräbt, indem das Immaterielle einer jeden Ausstellung betont und die Vorstellungskraft des Publikums herausgefordert wird, erweist sich in der Praxis als unrealistisch. Die ephemeren Stimmen verlieren sich als unlesbare Spur einer kuratorischen Ambition, die die Besucher schlicht überfordert: Weder ist beim Betreten eines Raumes klar, wie lange das jeweilige Hörstück bereits läuft oder wann es erneut ansetzt, noch mit welchem Genre man es zu tun hat oder um was es in etwa geht. So bleiben am Ende die von dem Meraner Martino Gamper eigens entworfenen Stühle zumeist leer. Gleichsam entrückt wandeln die Besucher der Ausstellung von Raum zu Raum, ohne zu erkennen, dass sie die eigentliche Ausstellung gerade verpassen.

Vielleicht kommt es von all dieser Abstraktion, die gerade aus der Ortsbezogenheit zu entstehen scheint, dass ausgerechnet jene Arbeiten am meisten gefallen, die zum symbolischen Sinnbild der Südtiroler Biennale selbst geraten – etwa Timo Kahlens Soundinstallation Swarm, auf die man im Festungshof vor der Franzensfeste stößt. Aus einer metallenen, quaderförmigen Skulptur dringt das nachbearbeitete, emsige Summen von Bienen; zunächst leise, dann zunehmend dröhnend, bis die Geräusche wieder abebben. Die Fotoarbeit Visuals/Udmurtia von Darius Ziura (geb. 1968) dokumentiert die Ansichten einer ziellosen, aus Zeit und Raum entlassenen Reise durch die Weiten der russischen Landschaft. Rückblickend sagt Zaria: „Die Reise entfaltete sich vor meinen Augen mit unvergesslicher Schönheit, Unsicherheit, nebulösen Erwartungen und dem Wunsch zu sehen.“ Wenn auch die Unternehmung zu den Ausstellungsorten eine solche kontemplative Reise darstellt, teilt sie mit dem Werk die Unbestimmtheit des eigenen Ziels. Was das Spezifische an dieser Südtiroler Biennale ist, bleibt am Ende nebulös.


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