Sabine B. Vogel
11. Februar 2010
Manfred Pernice: „Tutti“ – Salzburger Kunstverein. Vom 4. Februar bis 11. April 2010 Mit seiner Haupt- bzw. Zentraldose wurde Manfred Pernice 1998 auf der 1. Berlin Biennale schlagartig berühmt. Seither zeigte er seine meist aus Holz oder Pappe gebauten Skulpturen in Venedig, auf der Documenta 2002 oder gleich als ganzes „Dosenfeld“ 2000 in Frankfurt. Die Methode ist einfach: Pernice nimmt ein banales Ding aus dem Alltag und rückt dessen Form und Funktion in den Blick. Dosen, das sind Behälter, und Pernice‘ Dosen enthalten eine enorme Menge, von architektonischen Anspielungen bis hin zu ganz persönlichen Bezügen. „Verdostheit kann auch eine Bindung oder Beziehung sein, sei es eine liebevolle Gefangennahme oder ein qualvolles Ausgeliefertsein“, erklärte er einmal, um ein andermal dann die Aufmerksamkeit in die Vollen zu lenken: „Die DDR ist eine große Dose.“
An die Dosen hatten wir uns gewöhnt. In Pernice‘ neuester Ausstellung im Salzburger Kunstverein ist jetzt aber keine Dose mehr. Im Gegenteil: Die Raummitte verstellt ein riesiges Rondell, und an den Rand gedrückt formieren sich verschiedene Kuben an den Wänden und in den Ecken. Statt des Einzeldings „Dose“ bekommen wir nichts weniger als „Tutti“ geboten – so der Titel der Ausstellung. Als Anweisung in einer Partitur bezeichnet „tutti“ eine vollorchestrierte Passage des Musikstücks. „Alle“ – das sind hier einerseits fast ein Dutzend Künstlernamen, die als Ko-Ausstellende Werke beitragen. Manche sind ehemalige Studenten aus Pernice‘ Zeit an der Akademie in Wien, andere sind eher frei erfundene Abspaltungen des Meisters selbst, fiktive Spielfiguren, hinter denen sich sein höchsteigenes Schaffen verbirgt. Schließlich aber ist das „Ganze“ auch das Thema der gesamten Aufführung, die nichts weniger als eine Selbstbespiegelung wäre: Gezeigt sind die verschiedenen Qualitäten des Zeigens selbst. Also tatsächlich alles.
Hier wird gestapelt und geschichtet, sortiert und angeordnet, eingerichtet und auf den Müll gegeben, auf die Bühne gestellt und verborgen – sogar ein Überblick wird gegeben, denn per Wendeltreppe lässt sich das Dach des Rondells erklimmen: Pernice präsentiert uns hier ein Orchesterstück aus Möglichkeiten des Zeigens. Das klingt einfach, ist aber eine Herausforderung an unsere Wachsamkeit. Denn Pernice illustriert sein Leitthema nicht und liefert uns auch keine Begleittexte, sondern spielt einmal die gesamte Partitur des Ausstellens durch. Damit müssen wir nicht mehr, wie bei den Dosen, dem individuellen Objekt seinen Vorrang lassen und seine Autorität als selbstaussagendes Ding anerkennen. Nein, diesmal steht gleich der gesamte Prozess des In-den-Blick-Kommens im Fokus. Der Betrachter befindet sich im Wahrnehmungslabor, das zugleich ein Musterhaus der Kunstpräsentation ist.
Zentrales Hilfsmittel dafür ist das prominent platzierte Rondell, das wie ein Bühnenkarussell in vier Abteile aufgeteilt ist: In einem liegen Polster auf dem Boden, zieren Bilder die Wand, ist ein Leuchter mit Krimskrams behängt. Wohnen, Sitzen, Einrichten klingen hier an – „Zeigen“ im häuslichen Rahmen? Im Segment nebenan geht‘s um das Salzburger „Hotel Europa“, ehemals ein Grand Hotel – also jene Kategorie, in der ungeniert Reichtum und Luxus präsentiert wurde. Ein Zeitungsartikel informiert uns darüber, dass ein Künstler dieses Hotel erbte, leitete und parallel als Atelier- und Ausstellungshaus mitnutzte. „Zeigen“ in der Potenz also. Hinter der nächsten Trennwand wird unsere Aufmerksamkeit mit Fotografien und Bildern auf Potsdam bzw. die verfallende Stadtarchitektur gelenkt – Staatsrepräsentanz im Untergang. Und schließlich erhält Klaus Gölz einen Solo-Auftritt, mit einem Bootswagen ohne Boot und lagernd liegenden Paddeln – ein „Bewegungsmodell“, wie es Pernice nennt.
Im Rondell können wir anhand der Ausschnitte und Hinweise verschiedene Arten des Zeigens vergleichen. All diese eher erzählerisch angelegten Möglichkeiten nehmen das Zentrum ein, das die abstrakten Modul-Formen an die Ränder drängt – und das ist sicherlich auch inhaltlich zu verstehen, denn Pernice ist einer jener Bildhauer, die mit der Abstraktion von gestern die Geschichten von heute erzählen. Großartig etwa CUBE D2, mit dem Pernice die minimalistischen Formen aus der Kunstgeschichte zurück in den Alltag holt und mit einem Kissen dekoriert in die Ecke des Kunstvereins platziert. Mit Kacheln aus geweißtem Holz, modisch versenkter Halogenlampe und gestapelten Kaffee-Bechern erinnern die Kuben jetzt an Küche und Badezimmer und schließen die Assoziationen Modernismus und Abstellkammer zu einem wundervoll lakonischen Kommentar zur Geschichte des 20. Jahrhunderts zusammen.
Gegenüber in der Ecke ist dann doch noch eine Blechdose zu entdecken. Kombiniert mit zwei gestapelten Boxen, schwarz gefärbt und mit dem Wort „Tunnel“ bedruckt, verbirgt sie sich im Akt des Zeigens. Nicht auf einen Inhalt, sondern auf die Nichtsichtbarkeit wird verwiesen. Mit dieser simplen, doch effektiven Geste wird das Behältnis für seinen Umraum geöffnet. Der Kunstbetrieb ist eine besonders große Dose. Für seine universale Verdostheit ist „Tutti“ ein astronomisches Modell.