21. Mai 2012
„Made in Germany Zwei“ – Sprengel Museum, kestnergesellschaft, Kunstverein Hannover. Vom 17. Mai bis 19. August 2012
Das vor fünf Jahren mit 60.000 Besuchern überaus erfolgreich gestartete Gemeinschaftsprojekt „Made in Germany“ geht in die zweite Runde – parallel zu den Großereignissen documenta, Manifesta und Art Basel. Dem Filmfestival Cannes hat es diesmal eindeutig eine in der Mehrheit weibliche Jury voraus. Unter den zehn Kuratoren finden sich neun Frauen, verteilt auf die drei Ausstellungshäuser Sprengel Museum, kestnergesellschaft und Kunstverein. Die Geschlechterbalance scheint unter den 45 Teilnehmern – 400 standen zur Debatte, rund 100 Ateliers mussten einer Besichtigung standhalten – mit leicht femininen Überhang gewahrt. Das gilt auch für die Nationalitätsfrage. Wie schon bei der reflexhaft unter Chauvinismus-Verdacht geratenen Premiere geht es auch bei der zweiten Vermessung der kommenden Generation nicht um Besitzer eines deutschen Passes. Die 21 internationalen Teilnehmer stammen aus den USA, Italien, Israel, Schweden, Frankreich oder Polen. Berlin dominiert zwar weiterhin als zentraler Anlaufpunkt, lässt aber auch den Rest der Republik nicht verkümmern. Hamburg, München, Frankfurt am Main, Leipzig und Köln halten ihren Platz auf der kreativen Landkarte.
Bei so viel Ausgewogenheit könnte man sich Sorgen um die Qualität machen, zumal die Kulturstiftung des Bundes es diesmal vorzog, den Geldhahn zuzudrehen. Regionaler Ersatz war indes dank des bewährten, Orientierung und „Standortvorteile“ versprechenden Gütesiegels schnell gefunden. Einig ist man sich unter den Organisatoren über den marktsteigernden Wert des Labels. Ob Michael Sailstorfer, Elmgreen & Dragset, Julian Rosefeldt, Gert & Uwe Tobias oder Björn Dahlem, für sie alle war es nach eigener Aussage wichtig, bei der ersten Ausgabe dabei zu sein. Das dürfte auch für das aktuelle Klassenzimmer der altersmäßig zwischen 30 und 40-Jährigen changierenden Vertreter der zeitgenössischen Szene gelten, zu der auch ein gerade mal knappes Jahr aktiver und offenbar auf Anhieb bestens vernetzter Galeristen-Newcomer wie Max Mayer mit den analogen Dunkelkammerreflexionen von Jan Paul Evers zählt.
Das überarbeitete Konzept gehorcht elastischen Pointierungen, ein starres Korsett sieht anders aus. Im Katalog geht es um Kategorien wie „Narrativität“, „Gestern im Heute“, „Vernetzungen“, „Das Übersinnliche“, „Räume“ und „Das Medium als Material“. Auf manche Künstler treffen sie gleich mehrfach zu, bei anderen muss man Detektivarbeit leisten, um die Anzeichen für die frei flottierenden Fährten zu entdecken. Nützlich sind sie trotzdem, regen sie doch die Reibung an einer Vielzahl großartiger Werke an. Agitatorisches im Schlepptau der Berlin Biennale sucht man vergeblich. Kalkulierte Provokationen sind ebenfalls Mangelware, genau wie selbstreflexiv Kunstmarktkritisches. Nostalgische Rückgriffe auf Vergangenes zeichnen viele Positionen aus. Man umkreist die historischen Vorläufer, wärmt sich an deren Utopien, übersetzt das Formvokabular der Moderne ins Diesseits und gibt abermals das Misstrauen gegenüber eindeutigen Weltbildern zu Protokoll.
Vor allem im Kunstverein wartet der Parcours mit einer Kaskade von Höhepunkten auf, die den Hang zum schönsten Eskapismus verraten. Verschrobene Gegenwelten haben offenbar Konjunktur, weswegen jeder der Verweigerer einen eigenen Raum bekommt. Den Anfang macht Alicja Kwade. Sie hängt einen schneeweiß getauchten Raum, der dank der gotischen Fenster an eine zeitentrückte Kathedrale erinnert, mit Uhrenpendeln voll. Hat man diese im Slalom-Modus umschifft und dabei an die Uhrenmarotte der Surrealisten gedacht, tritt man in das schlafwandlerische Reich von Benedikt Hipp ein. Der Münchner bewegt sich mit seinem altmeisterlich geschulten Gestus ebenso auf den Spuren von Giorgio de Chirico wie Michaël Borremans und inszeniert seine Objekte und Gemälde zu einer magischen Bühne. Ohne theatralische Requisiten kommt auch sein Nachbar Simon Fujiwara nicht aus. Der Brite spinnt um seine Installation The personal effects of Theo Grünberg gleich eine ganze Meta-Erzählung. Die Details verkündet er persönlich auf einem Monitor, ein Authentizität simulierendes Manöver, das der Fabulierlust keine Grenzen setzt. Ausgehend von dem Flohmarktfund eines mit erotischen Schriften, Marx-Bänden, DDR-Devotionalien und Schallplatten von Kim Wilde gefüllten Nachlasses macht er sich auf die Suche nach dessen Besitzer, einen gewissen Theo Grünberg. Die Recherchen im Netz lassen gleich mehrere Namensvetter zu. Ihre Biografien verdichtet Fujiwara zu einer fiktiven Wissenschaftlerfigur, die er in einem begehbaren Setting aus Urwaldtapete, Umzugskartons und im Kreis angeordneten Bibliotheksregalen zum Leben erweckt.
Nach einem gewohnt anregenden Zwischenstopp bei den eigenwilligen Ordnungssystemen von Jorinde Voigt, die eigentlich längst über den Status einer Hoffnungsträgerin hinaus gewachsen ist, – das gilt auch für Cyprien Gaillard, Omer Fast oder Keren Cytter – überzeugt auch Saâdane Afif als Geschichten erzählender Handwerker. Dramatisch ausgeleuchtete Bronzeskulpturen treffen in dem schwarz getauchten Raum auf zwei Miniaturbühnen, die „Teatrini“, die in antiquiert gestalteten Holzkästen stecken. Zwischen den silbern strahlenden Berglandschaften ertönen Texte und Musik. Afif hat sie bei befreundeten Künstlern in Auftrag gegeben und damit seine Arbeiten einer Interpretation in anderen Disziplinen unterzogen. Die Stücke, festgehalten auf Wandplakaten, tragen vielsagende Titel: Montana Blues, Black Hole oder Ghost. Auch wenn Ulla von Brandenburgs Theatervorhänge im letzten Raum das Ende des Kulissenzaubers einläuten, handelt es sich nur um einen Zwischenakt.
Das Werkeln an der Illusion setzt sich in der kestnergesellschaft fort. The Lost, eine aufwändige Installation von Reynold Reynolds, könnte auch „German Mad Men“ heißen. Sie entführt in das Berlin der 30er-Jahre: mit museal ausgestellten Originalexponaten – darunter Schreibmaschinen, Plattenspielern, Puderdosen und Telefonapparaten. Dabei sind auch nachgedrehte Szenen eines angeblich aus der Versenkung der Geschichte aufgetauchten Horrorfilms, dessen Vollendung mit der Machtergreifung der Nazis an der Zensur scheiterte. Eine weitere Zeitreise zu den vergessenen Heroen eines nach Wiederentdeckungen lechzenden Kunstbetriebs unternimmt Dirk Dietrich Hennig. Er baut die Psychiatriebehausung eines fiktiven belgischen Fluxus-Künstlers komplett nach – samt Eingangstür und Hausfassade. Den lebensgroß am Schreibtisch sitzenden Insassen umgibt ein Möbelensemble, das wohl seit einem halben Jahrhundert nicht mehr ausgewechselt wurde. Die Wände bevölkern spätdadaistische Collagen, am Boden liegen Kataloge und Zeitschriften, die sein vergebliches Bemühen um eine Relevanz in der Kunstgeschichte untermauern. So detailgetreu sich diese pseudodokumentarischen Fiktionen geben, verraten sie auch ein großes Unbehagen, in der eigenen Gegenwart heimisch zu werden.
Das Sprengel Museum gibt sich frei von epenreifen Inszenierungen. Während im Außenhof die Schwedin Nina Canell alle Referenzen negiert und einen einsamen Strommast seiner Kabel beraubt, verwandelt sich der große Ausstellungssaal in eine Agora, auf der die unterschiedlichsten Stimmen um die Aufmerksamkeit buhlen. Verbindende Linien stellen sich hier nur selten her. Olaf Holzapfel huldigt mit der Holzbalkenskulptur Industrielles Haus, einer Hommage auf alte Handwerktechniken, und seinen geruchsintensiven Strohbildern den Anliegen der arte povera. Alexandra Bircken strickt, näht und kombiniert zwar gerne, mag es aber auch, industriell verwendete Materialien menscheln zu lassen. Ihre Skulptur Knut stellt sich dem Besucher breitbeinig in den Weg: Ein in weißen Schaumstoff eingepacktes und zu groß geratenes Etwas, das mit jeder unvorteilhaft hängenden Stofffalte den Wunsch nach Perfektion sabotiert.
Shannon Bool taucht mit ihren Gitterskulpturen in den Kosmos des Frauengefängnisses von Berlin-Pankow ein. Als regelmäßige Besucherin erschafft sie dort gemeinsam mit den Inhaftierten ein Wandgemälde, das der Öffentlichkeit unzugänglich bleibt. Das Echo der Eingesperrten ist in den persönlichen Gegenständen zu vernehmen, die in Bronze gegossen wurden. Einer politisch subtil aufgeladenen Mimikry unterzieht Bool auch ihre Fotocollage Gaza Zebra. Sie handelt von einem im Gazastreifen verstorbenen Zebra, das von der Zooleitung wegen des israelischen Embargos nicht ersetzt werden konnte und in einem mit Streifen besprühten Esel auferstanden ist.
Der auf Rügen geborene Sven Johne erforscht in der Fotoserie Following the Circus innerdeutsche Befindlichkeiten. Er folgt einem Wanderzirkus, den er aus seiner DDR-Kindheit kennt, um die Orte seines Wirkens zu dokumentieren. Wenn das letzte Zelt abgebaut ist, schlägt die Stunde trostloser Brachlandschaften und ausgestorbener Plattenbauten. Da ist sie dann wieder, die gute alte German Angst. Solange sie Trost spendende und zugleich provisorische Fluchten züchtet, das Geständnis der Erschöpfung nicht scheut und das Heil im Zweifel sucht, ist auch dieses grenzüberschreitende Generationstherapeutikum made in Hannover weiterhin willkommen.