7. August 2007
Schon als
Jean-François Lyotard zu Beginn der 1980er Jahre
Das postmoderne Wissen (
La condition postmoderne , i. O. 1979, dt. 1982) in Philosophie und Kunst theoretisch zu fassen suchte, konnte man dort Hinweise auf sein außerordentliches Interesse an der Ästhetik
Kants entdecken. Mit diesem Interesse gilt es sich erneut zu befassen, um so zumindest einige der Gründe für die enorme Wirkung zu erkennen, die er damals entfaltete, und um auch die Vielschichtigkeit in Lyotards Denken zu entdecken, das heute aktueller denn je ist. Jenseits polemischer Polarisierungen findet es zunehmend Anerkennung.
Lyotards Überlegungen im weiteren Verlauf der 1980er Jahre lassen sich immer weniger unter dem programmatischen Begriff der Postmoderne fassen – wobei sein Unbehagen ihr gegenüber an das von Marx erinnert, das ihn zu der Erklärung brachte: „Ich bin kein Marxist“. Doch nimmt Lyotards Interesse an Kant keineswegs ab, sondern richtet sich immer intensiver auf die Auseinandersetzung mit der Kritik der Urteilskraft und auf das Thema des Erhabenen. Wie Lyotard bereits in Beantwortung der Frage: Was ist postmodern? darlegt – jenem Text, mit dem er 1982 auf die von Habermas erhobenen Angriffe antwortet und den er später an den Beginn des Bandes Postmoderne für Kinder (Le postmoderne expliqué aux enfants, i. O. 1986, dt. 1987) stellt –, erkennt er in Kants Begriff des Erhabenen eine Ästhetik, in der die Darstellung selbst auf ein Nicht-Darstellbares weist.
Ihr gibt er den Vorzug gegenüber einer nur mehr (indirekten) Darstellung des Nicht-Darstellbaren, wie sie noch in Kants Theorie der ästhetischen Ideen umrissen wird. Erstere definiert Lyotard im Folgenden als eine Ästhetik des „presque rien“ (des „fast nichts“), während er letztere als eine Ästhetik des „beaucoup trop“ (des „viel zu viel“) bestimmt. Wenn, so seine Argumentation, Schönheit als Ausdruck ästhetischer Ideen tatsächlich in symbolischer (das heißt: indirekter und analoger) Weise das Nicht-Darstellbare selbst darstelle und ihr dies dank eines extremen Reichtums (daher also: analog) gelinge, könne das Erhabene nur die Disproportionalität – als extreme Armut – des Darstellbaren im Verhältnis zum Nicht-Darstellbaren darstellen. Das Erhabene kann so nur seine „negative“ Darstellung anbieten.
Aus diesem Grund bezieht sich Lyotard wiederholt auf das Kantische Beispiel: Das jüdische Verbot jeglicher Darstellung des Absoluten ist das in höchster Weise Erhabene der biblischen Gebote selbst. Gerade in dieser in Kants Theorie des Erhabenen umrissenen rein negativen Darstellung des Nicht-Darstellbaren findet sich die spezifische Entsprechung mit den Bedingungen unserer Epoche, erläutert Lyotard in seinem Text „Anima minima“ (i. O. 1993, dt. 1998 in: Postmoderne Realitäten). Vorwiegend auf ihn soll im Folgenden Bezug genommen werden.
Gegenstand seiner Untersuchungen ist erklärtermaßen die Sinnlichkeit in den Zeiten des Nihilismus – die Sinnlichkeit in Zeiten extremer symbolischer Armut. Aus der bei ihrer Beschreibung eingenommenen Perspektive erweist sich, dass seine vorhergehenden Analysen zur Desymbolisierung des Objekts (auch der Malerei) in der westlichen Moderne wie zur Konfiguration des Erhabenen in der Postmoderne neu einzuordnen und zu bewerten sind. In Zeiten des Nihilismus könne, so Lyotard, das Sinnliche in der Kunst die symbolische Fülle, die Kant dem Schönen zuschreibt, nämlich nicht mehr bieten. Ihm mangelt es zuallererst an der Möglichkeit – und dies sei ein erhabener Mangel –, das Unaussprechliche „in Formen darzustellen“, deren „Präsenz“ die Kunst dennoch bezeuge. Somit sind in den Zeiten des Nihilismus für Lyotard „die Bedingungen der Ästhetik nicht ohne Analogien mit der antonymischen Struktur des Gefühls des Erhabenen“.
„Wir haben die Sehnsucht nach dem Ganzen und dem Einen teuer bezahlt“, schreibt er am Schluss seines Textes Beantwortung der Frage: Was ist postmodern? und fügt hinzu: Hinter jenem Verlangen „vernehmen wir nur allzu deutlich das Raunen des Wunsches, den Terror ein weiteres Mal zu beginnen, das Fantasma, die Wirklichkeit als ganzes zu umfassen, in die Tat umzusetzen. Die Antwort lautet: Krieg dem Ganzen, zeugen wir für das Nicht-Darstellbare, aktivieren wir die Differenzen, retten wir die Differenzen, retten wir die Ehre des Namens“.
Diese Sätze, die die Debatte um die Postmoderne hinter sich zurück ließ, klingen heute beim erneuten Lesen von einem ganz neuen Echo erfüllt angesichts jenes Ereignisses, das nach Meinung einiger den Traum einer relativistischen Befriedung, den ausgerechnet die Postmoderne verkörperte, zerbrechen ließ: Das Ereignis des 11. September 2001. Umgekehrt scheinen im Lichte jenes Ereignisses in den gerade zitierten Worten – sowie in den damals von der Debatte um die Postmoderne aufgeworfenen Fragen – Aspekte einer überraschend hellsichtigen Vorwegnahme dessen auf, was sich als das zerstörerische Produkt der verspäteten Auseinandersetzung des Westens mit eben jenen Fragen erwiesen hat.
Wenn man sich mit den Entwürfen auseinandersetzt, wie dem Ereignis des 11. September 2001 zu gedenken sei, und dabei die Fragen noch einmal liest, die Jacques Derrida und Peter Eisenman hinsichtlich einer Architektur diskutierten, die in der Lage wäre, ein Gedenken der nicht darstellbaren Leere der Trauer zu ermöglichen, scheint es – bei allen unverrückbar bestehenden Unterschieden zum Ereignis der Shoah – daher nicht nur unvermeidlich, sondern sogar ratsam, sich an Lyotards Charakterisierung des Erhabenen zu erinnern, die er auf jene oben genannten Sätze folgen ließ. Besonders wenn man Daniel Liebeskinds Worte hört, die er 2003 seinem Projekt eines Wiederaufbaus von Ground Zero beifügte: „Um den Vorrang von Freiheit und Schönheit wieder zu behaupten, um den spirituellen Gipfel der Stadt wiederherzustellen, überragt ein Wolkenkratzer seinen Vorgänger. Er erzeugt damit eine Ikone, die von unserer Lebenskraft angesichts der Gefahr und von unserem Optimismus im Anschluss an die Tragödie künden.“
Der Vorrang von Freiheit und Schönheit, die erneute Bestätigung von Lebenskraft und Optimismus, die Gefahr einer Monumentalisierung des Gedenkens an den 11. September, die bei diesen Worten Liebeskinds anklingt, finden Bestätigung in der Absicht, eine der symbolisch bedeutsamsten Fläche seines Projekts „Park of Heroes“ zu benennen. Doch die von Lyotard aufgezeigte Perspektive dagegen scheint – klassische Ironie des Schicksals oder auch späte Entschädigung – implizit Unterstützung ausgerechnet durch die Sätze desjenigen zu erfahren, den Lyotard offenbar als seinen schärfsten philosophischen Gegner ansah: Jürgen Habermas. In einem Gespräch mit Giovanna Borradori zu den Opfern des 11. September hat dieser nämlich folgende Frage formuliert: „Warum muss man sich ‚heroes’ schaffen? Vielleicht hat das Wort im gesprochenen Amerikanisch andere Konnotationen als im Deutschen. Mir scheint, dass, immer dann, wenn ‚Helden’ geehrt werden, man sich fragen muss, wer sie braucht – und wozu. Brechts Warnung: ‚Wehe dem Land, das Helden nötig hat!’, kann man auch in diesem Sinne lesen.“
Übersetzung von Dieter Hartmann