Lyotard, Ästhetik jetzt

Der Augenblick

Michael Mayer
17. April 2007
Welchen Sinn hat Kunst? Welche Kunst hat Sinn? Die Frage klingt so antiquiert wie überflüssig. Die Museen, zumindest die großen, werden der Besuchermassen kaum noch Herr; die Ausstellungen, zumindest die prominenten, sind meist heillos überfüllt; die Galerien und Kunstsammler, zumindest die finanzstarken, balgen sich um Prominenz und Exklusivität, während die Gewinnerwartungen den Kunstmärkten hinterher hecheln. Was einer altehrwürdigen Kunstgeschichte und –wissenschaft nur recht sein kann. Als „Bildwissenschaft“ im Zeichen des „iconic turn“ versucht sie, sich neu zu erfinden und als akademischen Zukunftsmarkt zu etablieren. Gleichzeitig ist die Debatte um Kunst, ihre Bestimmung, ihre „Wahrheit“, so gut wie verstummt. Der affirmative Umgang mit Kunst stürzt die Kritik in die Krise und die Beliebigkeit jedes Urteils über Kunst ist die Folge. Kunst ist nun, was auf dem Meinungsmarkt aktuell hoch gehandelt wird.

Doch ersetzt der Erfolg einer Sache die Frage nach ihrem Sinn? Ist richtig schon, was sich durchsetzt? Das artnet Magazin hat seine Zweifel.
Gerade weil es heute zu viele Antworten gibt, ist es an der Zeit die Frage nach der Möglichkeit von Kunst zu stellen. Eine der Referenzen dieses Unterfangens gilt dem Denken des französischen Philosophen Jean-François Lyotard (1924 – 1998). Warum ausgerechnet Lyotard?

Ist es nicht seltsam still um Lyotard geworden? Als ob ihm das Vergessene, eines seiner Lebensthemen, zum posthumen Schicksal wurde, hat die Debatte um sein Denken - ganz im Gegensatz zur anhaltenden Hochkonjunktur Derridas, Deleuzes oder Foucaults – seinen Tod offensichtlich nicht überlebt. Dabei hat Lyotard seine einst berühmt strittige Philosophie der Kunst in enger Tuchfühlung mit der Avantgarde-Kunst des 20. Jahrhunderts entwickelt (Duchamp, Newman, Daniel Buren etc.). Zwar hat er sich auch jenseits der klassischen Moderne umgetan, doch tragen die Begriffe seiner Ästhetik unverkennbar die Spuren der Auseinandersetzung mit genuin avantgardistischer Kunst. Wodurch sich die Frage aufdrängt: Wurde Lyotard etwa mit dem Übergang zur so genannten post-avantgardistischen Kunst obsolet? Oder hat sein Denken unter den veränderten kulturellen, politischen, technischen und ästhetischen Bedingungen des beginnenden 21. Jahrhunderts eine noch unentdeckte Kunst bzw. Welt erschließende Kraft?

Eine Beschäftigung mit dieser Frage rückt vor allem seine Bestimmungen der Immaterialität und des Undarstellbaren in den Mittelpunkt. Zielt er doch in seiner Ästhetik auf eine merkwürdige Art von „Sinnlichkeit“, die nicht oder noch nicht zum Material eines begrifflich-rationalen Zugriffs von Wirklichkeit aufbereitet wurde. Lyotard erkundete eine Materialität, die sich nicht oder noch nicht fassen, sprich darstellen lässt. Ästhetik war ihm also nicht eine wie auch immer definierte Ergänzung zur begrifflichen Tätigkeit rationalen Denkens, sondern das Initial ihrer Störung. Lyotard sagte das einmal so: „Die Materie, von der ich spreche, ist ‚immateriell‘, un-objektivierbar, weil sie nur ‚stattfinden‘ oder vorkommen kann, wenn diese aktiven Geistesvermögen aussetzen. Ich würde sagen, dass sie diese mindestens ‚für einen Augenblick‘ aussetzt.“

Könnte die Frage nach dieser Störung, die Frage nach einer solchen „immateriellen Materialität“ ein Schlüssel sein, um einen Zugang zur überbordenden zeitgenössischen Kunstproduktion zu finden? Welche Bedeutung hat Lyotards Ästhetik für das Denken von Kunst heute? Wie unterscheidet sich etwa seine Ästhetik der Immaterialität von einer durch den Einsatz digitaler Medien erwirkten Technik der Immaterialität? Was besagt seine Philosophie für das menschliche Selbst- und Weltverhältnis? Für die Frage nach dem Ich und dem Anderen? Welche geschichtliche Situation spiegelt sich in Lyotards Ästhetik? Ist sie noch oder wieder oder überhaupt erst jetzt aktuell? Was wäre dieses „Jetzt“ Lyotards, sein „Augenblick“?

In den kommenden Monaten werden das artnet Magazin und die eingeladenen Autoren und Autorinnen Lyotards Ästhetik kritisch erproben. Die Leserinnen und Leser des artnet Magazins erwartet eine, so hoffen wir, ebenso spannende wie kontroverse Diskussion. Wir beginnen nächste Woche mit einem Text von Georg-Christoph Tholen (Basel).


Mehr im Dossier  Art Happens

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