Lynne Cohen bei Wilma Tolksdorf, Berlin

Überall ein Readymade

Ludwig Seyfarth
9. Januar 2008
Lynne Cohen, „Clear Arrangements“, Galerie Wilma Tolksdorf, Berlin. Vom 17. November 2007 bis 26. Januar 2008

Eine schlichte Eisenleiter führt senkrecht nach oben, an der Wand dahinter ist eine Tabelle und eine Landkarte zu sehen, darunter eine durchlaufende Holzbank. Die Heizung ist mit zwei länglichen Paneelen verkleidet, die eine blau, die andere gelb. Muss man hier nicht an die Farbfeldmalerei von Barnett Newman oder Ellsworth Kelly denken? Auf einem anderen Foto durchlöcherte, lebensgroße Dummies, an Gestellen befestigt, in einer raumhohen Hausattrappe: Erinnert diese Aufnahme aus einer Polizeischule nicht unmittelbar an die Environments von Edward Kienholz?

Könnte der Rollschrank, der nach links versetzt zwischen zwei Pfeilern eines Büroraumes steht, dabei eine gerahmte Landkarte halb verbergend, nicht eine perfekte Minimal-Skulptur sein? Eine Récamiere, die einsam und ohne Matratze in einem leeren, schmucklosen Raum herumsteht, scheint aus einem Gemälde René Magrittes entsprungen. Und sieht der Raum, an dessen gelb gekachelter Wand drei schwarze U-Boot-Silhouetten befestigt sind, nicht aus wie eines der Modelle aus Pappe und Karton, die Thomas Demand für seine mit Realität und Fiktion spielenden Bilder abfotografiert?

Anders als bei Demand, Jeff Wall oder Gregory Crewdson ist in Lynne Cohens neuer Fotoserie „Clear Arrangements“ nichts arrangiert – wie bei allen ihren seit fast vierzig Jahren entstehenden Fotos. Die 1944 in Wisconsin geborene, in Kanada lebende Cohen ist in Deutschland immer noch weitgehend unbekannt, obwohl sie es verdient hätte, in einem Atemzug mit den erwähnten Fotokünstlern genannt zu werden. In ihren Arbeiten geht sie jedoch – wie auch der Pressetext zur Ausstellung herausstellt – genau gegenteilig vor wie etwa Demand. Führt dieser uns sorgfältig gebastelte Modelle vor, die er wie Realität erscheinen lässt, sucht Lynne Cohen nach Orten, an denen sie die oft absurd erscheinenden, alles andere als „klaren“ Arrangements bereits vorfindet. Dazu gehören auch die oft erst bei längerem Hinsehen auffallenden
Gebrauchs- oder Verfallsspuren wie abbröckelnde Wandecken oder Dellen in Metallschränken.

Der völlige Verzicht auf die Anwesenheit von Menschen, die gewählte Perspektive und die grelle, manchmal aseptisch wirkende Ausleuchtung sind klare ästhetische Entscheidungen, die zum surreal-irritierenden und manchmal fast unheimlichen Effekt des Ganzen beitragen. Die fotografierten Räume wirken auch deshalb fremdartig, weil sie der breiteren Öffentlichkeit gar nicht vertraut sein können, denn diese hat zu ihnen keinen oder nur begrenzten Zutritt. Die Künstlerin zeigt private Wohnzimmer, Büroetagen, Fabriken, Laboratorien, Schlafsäle, Wellnessbereiche oder militärische Übungsanlagen, liefert aber keine weiteren Informationen als die sehr knappen Hinweise in Klammern hinter der Benennung „Untitled“. Meistens reichen diese nicht einmal dazu aus, die Funktion des jeweiligen Ortes zu identifizieren

Cohens ihrem Publikum, anhand der im Bild aufzufindenden Details nähere Überlegungen darüber anzustellen, was dort genau vorgeht. Und am Ende weiß man immer weniger, was man sieht, sondern sieht, was man zu wissen meint. Cohen treibt nicht nur ein intelligentes Spiel mit unserer Erwartungshaltung in Bezug auf Realität und Fiktion, sondern führt uns vor, wie unsere visuelle Wahrnehmung durch unsere Erfahrung und unser Vorwissen konditioniert ist. Ist die Begeisterung für kunsthistorische Anspielungen an Duchamp, Jasper Johns oder Niele Toroni, die der Pressetext in den Arbeiten der Künstlerin zu entdecken meint, nicht vor allem diejenige der Autorin oder des Autors, diese dann auch tatsächlich entdeckt zu haben?

Wie viele von den Besuchern eines Fitness-Studios, die fünf nebeneinander stehende Trimmräder vorfinden, denken gleich an Marcel Duchamp? Oder vielleicht an Jeff Koons? Wenn die Wirklichkeit – wie manche Philosophen meinen – zu einer Art Readymade geworden ist, dann braucht sie dazu gewiss keine kunsthistorischen Referenzen. Und so kommt der belgische Installationskünstler Guillaume Bijl auch weitgehend ohne sie aus, wenn er Räume des täglichen Lebens und des Konsums minutiös nachbaut, um die Attrappenhaftigkeit ihrer Arrangements vorzuführen.

Die Trimmräder, welche die Künstlerin selbst scherzhaft „Duchampbikes“ genannt hat, wurden bereits 1976 aufgenommen und gehören zu den kleineren, zwischen 1970 und 1990 entstanden Schwarzweißbildern aus der Serie „Camouflage“, die ergänzend zu den „Clear Arrangements“ bei Wilma Tolksdorf zu sehen sind. Sie machen deutlich, dass außer dem größeren Format und der Farbe über Jahrzehnte hinweg keine grundsätzliche Veränderung in Cohens „Stil“ stattgefunden hat. Aber das ist im Werk von Fotokünstlern ja keine Ausnahme. Einen „frühen“ und einen „späteren“ Jeff Wall oder Thomas Demand ordnet man auch relativ leicht demselben Oeuvre zu. Solche Wiedererkennbarkeit ist auf dem Kunstmarkt bekanntlich kein Nachteil – doch muss man erstmal kennen, was man wieder erkennen soll. Das ist bei Lynne Cohen hierzulande noch eher selten der Fall. Aber zukünftige KunsthistorikerInnen werden vielleicht bei anderen Künstlern die Referenzen auf ihre Bilder entdecken.

Vom 29. Februar bis 27. April 2008 wird eine ebenfalls „Clear Arrangements“ betitelte Einzelausstellung von Lynne Cohen im Museum für Photographie Braunschweig zu sehen sein.


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