18. November 2008
Luis Jacob – „The Thing“, Galerie September, Berlin. Vom 1. bis 29. November 2008Dauerhafte Formbeständigkeit, hohe Reißfestigkeit, keine statische Aufladung. Überdies leicht, weich, glatt, gut färbbar und fusselfrei. Die Vorteile von Elastan liegen auf der Hand. Die enge Passform modelliert Mieder und verbessert den Strömungswiderstand professioneller Sportbekleidung. Das moralisch zweideutige Peloton der Tour de France – eine einzige Orgie in Elastan. In der dreiteiligen Fotoserie The Thing (2007) von Luis Jacob kommt der Kunststoff dagegen auf eher unübliche Weise zum Einsatz. Nämlich in Form eines auch das Gesicht verdeckenden pink schimmernden Ganzkörperanzugs, der von einem Mann (Ausbuchtungen im Lendenbereich) getragen wird, der sich auf einer doppelten King Size-Matratze vielfach in Positur bringt. Anders als man vermuten könnte, geht es Jacob hier nicht um Beliebtheit offensiver Zurschaustellungen sexueller Devianz in Gestalt transgressiver Fetischpraktiken, sondern um Althergebrachtes: den Körper als Projektionsfläche und die Puppe als Doppelgänger. Â
Automaten, Puppen, Avatare – Kunstfiguren bevölkern die künstlerische Fotografie des 20. Jahrhunderts, von den surrealistischen Arbeiten eines Hans Bellmer über die Body Art von Pierre Molinier und Jürgen Klauke hin zu den postmodernen Scharaden von Cindy Sherman und Paul McCarthy. Das Kunstgeschöpf repräsentiert als Double unseren Körper aus Fleisch und Blut, bestätigt vertraute Vorstellungen von Körper und Geschlecht und stellt sie als Artefakt zugleich in Frage. Die fotografische Abbildung rückt die Stellvertreterschaft des Kunstgeschöpfs ins Rampenlicht, führt uns unsere Erwartungshaltung gegenüber der Authentizität des Körpers und unsere Wahrnehmungsmuster seiner Wandelbarkeit vor Augen. Aus diesem spielerischen Wechsel von wahr zu falsch, von echt zu künstlich, entsteht Verunsicherung, entstehen Fragen. Ein Pfund, mit dem man künstlerisch wuchern kann. Wenn man es darauf anlegte.
Das Spielerische ist Jacobs Element. Ebenso wie sein Hang zur weichgespülten Utopie. Ersteres hat er in Form der visuellen Assoziation auf der documenta 12 mit Album III gezeigt, wo ein Fundus von 159 Bildern als Fries Zusammenhänge bereithielt, die mehr oder minder formal geordnet waren, deren Verstrickung aber dem Beobachter oblag. Letzteres wurde 2007 in der Ausstellung Habitat im Hamburger Kunstverein deutlich. Da wurde neben Album IV die titelgebende Installation Habitat gezeigt: ein inszeniertes Wohnszenario aus sechs Kompartimenten, die im Stil der 1970er und 80er Jahre modernistische Lebensräume abbildeten. Das Mischpult wurde mitgeliefert, im Vordergrund stand der „Verwendungssinn“, die Interaktion mit den Räumen. Beide Impulse bestimmen die Berliner Ausstellung des 1971 in Peru geborenen und in Kanada beheimateten Künstlers. In der Auswahl und Zusammenführung von insgesamt vier Werkgruppen zwar so kohärent wie konsistent konzipiert, fehlt ihr aber am Ende das (Gegen-) Gewicht. Letztlich bleibt die Frage ungeklärt, was die Arbeiten eines Künstlers, der „politisch motiviert“ ist, zu politischen Arbeiten macht. Das heißt heute mehr denn je: zu Kunst, die nicht nur ein Anliegen hat, sondern auch das nötige Wissen, um das Anliegen nicht nur sexy vorzutragen, sondern auch zuzuspitzen.
Wer an einem nasskalten Novembertag von draußen in den Ausstellungsraum kommt, läuft zunächst zielgerichtet die drei Fotoserien an den Wänden ab. Doch die beiden flauschigen Designer-Zungensessel, die auf einem Kelim vor zwei Monitoren in der Raummitte platziert sind, stellen eine Einladung dar, die kaum auszuschlagen ist. Die Videoarbeit Towards a Theory of Impressionist and Expressionist Spectatorship (2002) zeigt, wie zwei Mädchen und ein Junge im prekären Alter von Nichtmehrkind und Nochnichterwachsener – begleitet von ruhig dahinströmender Ambient-Musik – Skulpturen nachbilden. Die Metamorphose vom Kind zum Erwachsenen und vom konkret Greifbaren zum abstrakt Sinnlichen erfolgt erst in Straßenkleidung, dann mit Stoffüberwürfen. Die Aufnahmen wurden in der Art Gallery of Ontario in Toronto vor Henry Moore Skulpturen gemacht, vor dessen frühen organischen Formen, den abstrakten Hohlfiguren, wie auch den in zwei oder drei Stücke aufgebrochenen Liegenden. Moores handfest umgesetzte Idee der Ineinanderspiegelung von landschaftlicher Natur und menschlichem Körper - der biomorphe, wenn nicht anthropomorphe Charakter seiner Skulpturen - wird hier von Jacob mit dessen eigener Vision von Menschsein verquickt: Erst die Bemächtigung und Anverwandlung von Liebgewonnenem bietet die Chance zur Neuerung. Der kleine Grenzverkehr innerhalb der vermeintlich großen Ordnung der Dinge sprengt die Verkrustungen.
Diese Strategie der Appropriation hat einen zweifach pädagogischen Effekt. Für die Jugendlichen im Film bedeutet es, mit der Aura auf Tuchfühlung zu gehen. Dem geistig reiferen, zumindest mit allen postmodernen Kunstwassern gewaschenen Zuschauer wird das Angebot der Entauratisierung gemacht, indem er sentimental werden darf – allemal angesichts der mehr oder minder vergeblichen Versuche jugendlicher Verkörperung fremder Identität. Andererseits soll sein Heil wohl genau darin bestehen: in der Wiederentdeckung der Mimesis. So wird der an sich schon körpergerechte Sessel noch kuscheliger. Man mag kaum noch ans einzelne Bild herantreten, sondern erliegt der Sehnsucht nach einem ganzheitlicheren Schauen. Zündete jetzt noch jemand ein Räucherstäbchen an, wäre die Illusion eines märchenhaften Sonntagnachmittags perfekt. Nur der säuselnde Klangteppich stört irgendwann, auf die Kontemplation folgt Dahindösen.
An der gegenüberliegenden Wand hängt The Thing. Rechts kreisen drei großformatige Fotografien um das Zusammenspiel von Innen- und Außenform, von Hülle und Kern. Auffallende Stoffe, wie von Leigh Bowery in Szene gesetzt, klassische Haltung bei der netzverhüllten Frau in der Mitte, amorphe Haltung der beiden Figuren außen. Die Serie heißt The Viscous Ones (2007). Mögen diese in Viskose gewandeten Figuren die Dinglichkeit der Elastanfigur in ihrer mangelnden Lebendigkeit noch unterlaufen, finden sie ihr erdgebundenes Pendant gegenüber in The Inhabitants (2008), wo Mitglieder eines FKK-Clubs nicht spielerisch sondern als nackte Behauptung von Autonomie in Jacobs Habitaten aufgenommen wurden. Wahr oder falsch? Kunst- oder leibhaftiges Geschöpf? Am Ende ist eine sentimentalische Utopie wie eine Radlerhose. Dauerhaft formbeständig und reißfest leistet sie keinen Widerstand. So kommt man auch ins Ziel, womöglich schneller. Eine höhere statische Aufladung indes wünscht man beiden.