15. Oktober 2010
Luis Gordillo: „Organic Logotypes“ – Hengesbach Gallery, Berlin. Vom 11. September bis 30. Oktober 2010
Global will der Kunstbetrieb sein. Und tatsächlich – Globalität, Internationalität sind zu marktgängigen Schlagworten geworden, zu einem Gütesiegel, das oft genug einer reichlichen inhaltsleeren Ware aufgedrückt wird. Denn wer ein möglichst globales, also schnittmengentaugliches Idiom der Kunst kreieren will, darf nicht zu sehr im Lokalspezifischen verhaftet sein. Wenn aber umgekehrt Werke nur deshalb präsentiert werden, weil sie aus möglichst fernen Welten stammen, sind eine oberflächliche Rezeption und Vermittlung vorprogrammiert. Wird Kunst allein nach Länderetiketten ausgewählt, kommt der schale Nachgeschmack wieder hoch, wie wir ihn vielleicht von den Asia-Aktionswochen eines weltweit agierenden Fast-Food-Anbieters her erinnern.
Umso mehr freuen uns deshalb Ausstellungen, die sich dem Trend zur globalen Kompatibilität widersetzen. Wo uns weder ein internationales Label das eigene Urteil abnimmt, noch die gezeigte Kunst einem auf leichte Verwertbarkeit hin getrimmten Schema – sei es in Hinblick auf Look oder Inhalt – folgt. So eine Schau ist Rolf Hengesbach, nach langen Jahren in Wuppertal und Köln nun in Berlin aktiv, mit „Organic Logotypes“ von Luis Gordillo geglückt. Nichts an dieser äußerst profund mit großformatigen Malereien, Mischtechniken und Zeichnungen aus den letzten drei Jahren bestückten Schau ist einfach zu taxieren. Ganz im Gegenteil – Gordillos Kunst ist ganz und gar idiosynkratrisch. Sie scheint sich zudem um Attraktivität, um smarte Oberflächen oder leicht zu entziffernde Inhalte nicht groß zu sorgen. Selbst der alte Fetisch der Malerei wird bei dem sechsundsiebzigjährigen Spanier auf Krawall gebürstet. Ständig und bis in die Machart einzelner Bilder hinein wird die Malerei mit Darstellungsformen der Drucktechnik oder der Fotografie bombardiert, oder sie findet sich durch die notorische Wiederholung einzelner Bildelemente innerhalb eines Werks selbst zum Reproduktions- und Kopistenwerkzeug herabgewürdigt. Das klingt zwar eindeutig nach einer konzeptuell begründeten Problematisierung von Ikonizität, doch der direkte visuelle Schock ist mindestens genauso wichtig in dieser flirrenden Bildwelt, die ihre Fühler in die Motivreservoirs der gestischen Abstraktion ebenso wie der Alltags- und Medienkultur ausstreckt.
Gordillos künstlerische Rezeptur erschöpft sich längst nicht in einer konzeptuell drögen Spiegelung (massen)medialer Bildformen im ideologisch befriedeten Vokabular abstrakter Kunst. Was uns auf den ersten Blick an die postmodernen Malereibefragungen eines Jonathan Lasker, die Erkundung bildlicher Selbstreflexivität bei Klaus Merkel oder die abstrakt-gegenständlichen Grenzgänge von Terry Winters erinnern könnte, hat gerade auch mit der persönlichen Geschichte, der Herkunft Luis Gordillos zu tun. In seiner Heimat Spanien gilt er längst als einer der exponiertesten Maler, nicht nur, seiner Generation. Immerhin reicht sein Projekt zurück bis in die späten 1950er-Jahre. Damals ist die Hochzeit eines Informel, das zusätzlich zum Subjektivitätsregister speziell in Spanien – denken wir an Antoni Tàpies (Jg. 1923) oder Antonio Saura (Jg. 1930) – immer auch eine surrealistische Erdung hat. Doch statt mit den authentizistischen Brataromen des Informel immer aufs Neue solitäre Bildschöpfungen zu produzieren, schließt Gordillo seine gestische Bildsprache bald schon an die Themenkreise der Pop Art an.
Die formale wie inhaltliche Wechselwirkung zwischen Reproduktion und Ikonizität wird damit zum festen Kern seines reichhaltigen Œuvres, das sich dezidiert immer auch als Zeitkommentar versteht. In diesem Sinne sind die intensiven Arbeiten in „Organic Logotypes“ aufzufassen. In Identical Idiosyncrasy (2007) etwa vervielfachen und wiederholen sich kopfartige verkürzte Motive auf dem Bildträger und starren als Fratze gewordene, grinsende Farbbündel aus der Facies des Gemäldes heraus; in Procreation of Retina (2008) öffnen sich instabile Insert- oder Screen-artige Fenster innerhalb des Leinwandformats. Wie am Computermonitor überlagern sich ganze Bildfelder oder einzelne Pattern in einem beinah schon kollabierten und kaum mehr bestimmbaren Bildraum, den der Künstler zoomartig zu sezieren und ständig von vorne nach hinten umzuschichten scheint.
Solch radikale Operation am Bild, so viel malerische De- und Remontage sieht allerdings längst nicht immer so gut aus wie in Reflexive Logotypes (2010), dem Hit der Schau. Da hängen drei Leinwände unterschiedlichen Formats, die allesamt ein simples Motiv zeigen – eine Art grauer Maske vor Leopardenmuster – übereinander auf einem monumentalen Fond: ein Stück nicht aufgezogener Leinwand, die mit psychedelisch camouflierenden Patterns bedruckt ist. Hier trifft quasi-industrielle Meterware auf altmeisterliche Keilrahmenkunst, Punk auf Pragmatik, ohne dass sich Gordillo die Mühe machen würde, eine malerisch homogenisierende Synthese dieser Elemente durchzusetzen. Mehr noch, eine solche Verbindung würde dem, was hier zur Verhandlung kommt, widerstreben. Denn hier geht es um den Status des Bildes aus ökonomischer Sicht, um sein Dasein zwischen Produktion und Distribution, zwischen mythenbeladenem Sonderfall und seiner Einspeisung in eine standardisierte Verwertungsmaschinerie. Reflexive Logotypes ist mit seinen unterschiedlichen Herstellungslogiken eine durch und durch selbstbewusste Darstellung des Problems – nicht dessen Lösung. An keinem anderen Punkt dieser Ausstellung sieht Gordillo so jung aus, und darum ließe sich hier auch prima mit ganz hipper Youngster-Kunst anschließen. Ja, hier wird Gordillo selbst für Hardcore-Internationalisten heiß: Wenn Sie etwa der Arbeit von Seth Price als Auseinandersetzung mit den Ökonomien künstlerischen Tuns im Zeichen omnipräsenter Vermarktungsimperative etwas abgewinnen, sollten Sie die Kunst Luis Gordillos um keinen Preis verpassen!