Lucian Freud bei Daniel Blau, München

Das Freud’sche Versprechen auf Zeitlosigkeit

Evelyn Pschak
19. Mai 2011

Lucian Freud: Portraits – Galerie Daniel Blau, München. Vom 5. Mai bis 3. Juni 2011

Noch ist The Painter’s Mother (1972) zu haben. Das kleine Gemälde Lucian Freuds hängt bis zum 3. Juni neben 19 Radierungen aus der Hand des Künstlers in der Galerie Daniel Blau am Münchner Odeonsplatz in einer kleinen, feinen Kabinettsausstellung. „Die Eröffnung war zu voll, um zu verkaufen“, erläutert eine Galeriemitarbeiterin hoffnungsfroh. Die Frage, weshalb das Porträt – eines von Freuds ersten mit Kopf und Schulteransatz – schon auf der diesjährigen TEFAF im März keinen Käufer fand, lässt sich damit allerdings nicht beantworten. Die alte Dame mit den grauweißen, ordentlich aus der Stirn gekämmten Strähnen, zieht den Blick auf ihre rot umrandeten, fast tränenden Augen. Alles an ihr wirkt bescheiden, schon durch ihr kuttenähnliches, braunes Gewand, gemalt wie in einem durchlässigen Non-Finito, unter dem sich die Schultern krümmen. Dabei dürfte Lucie Brasch, Tochter eines wohlhabenden Getreidehändlers aus dem Baltikum und spätere Ehefrau des Architekten und Psychoanalytiker-Sohns Ernst Ludwig Freud, durchaus die Sonnenseiten des Lebens gekannt haben. So wie ihr Enkel Lucian. Seit sieben Jahrzehnten ist der 88-jährige Maler, gebürtiger Berliner, doch seit 1934 in London lebend, künstlerisch wie kommerziell anerkannt. Queen Elizabeth II saß für ihn ebenso Modell wie Jerry Hall oder Kate Moss. Der Maler gilt den Auktionshäusern als teuerster lebender Künstler, seitdem die in prächtiger Fleischlichkeit Schlafende Big Sue, 1995 als Benefits Supervisor Sleeping gemalt, im Mai 2008 bei Christie`s in New York für 33,6 Millionen Dollar den Zuschlag erhielt. In London wird dasselbe Auktionshaus am 28. Juni Woman Smiling von 1959 aufrufen, die Taxe liegt bei 3,5 bis 4,5 Millionen Pfund – zuletzt konnte die Arbeit 1973 ersteigert werden, damals zu 5.040 Pfund. Es ist ein wichtiges Werk, fand Freud in diesem Portrait seiner damaligen Lebensgefährtin Suzy Boyt doch zum ersten Mal den pulsierend pastos gesetzten Pinselstrich, der auch künftig den Gesichtern seiner Modelle schonungsloses Leben einhauchen sollte, samt geplatzter Äderchen, zerfurchter Wangenpartien und verquollener Gesichtszüge.

In seinem Essay „Lucian Freud – A Painted Portrait of his Mother and Eighteen Etchings 1982 – 2007“ aus dem Katalog, der eigens zur Ausstellung bei Daniel Blau erschienen ist, verweist der britische Kunsthistoriker Norman Rosenthal auf Freuds malerische Verwandtschaft mit Paul Cézanne, Pablo Picasso, Oskar Kokoschka, Egon Schiele oder George Grosz: „Sie alle suchten im äußerlichen Abbild des Menschen die Transzendierung durch die Form, um das Wesen der Porträtierten sichtbar zu machen. Häufig findet sich die Charakteristik in der Gleichzeitigkeit von Schönheit und Hässlichkeit, die einander in den Sichtweisen der Künstler nicht ausschließen müssen“.

Das wird auch bei der Radierung Girl Sitting von 1987 deutlich. Das bei Daniel Blau reservierte Blatt zeigt frontal ein sitzendes Modell, der Oberkörper sackt schwer nach hinten und wird von den Händen abgestützt, die Beine winkeln sich parallel nach rechts ab und exponieren das gekräuselte Dreieck der Scham genau in Bildmitte. Aus Freuds schwarzer Schraffierung quillt das sich wölbende Fleisch, dennoch vermittelt das Modell in all seiner Massigkeit ruhende Kraft und Größe. Und das traute Zwiegespräch After Chardin (2000) zwischen Erzieherin und kleinem Mädchen lässt den deutschen Betrachter vielleicht zunächst eher an Wilhelm Buschs Witwe Bolte denken denn an Jean Siméon Chardins Interieurszene La jeune Institutrice, doch weicht der karikatureske Ansatz bei näherer Betrachtung einer rührend altertümlichen Allegorie von Innigkeit und gegenseitiger Hingabe – eine Geste, mit der Freud auch diesem Bild eine melancholische Zeitlosigkeit einschreibt, wie sie heute nur wenige Maler vermitteln.


Meister des Inkarnats von Evelyn Pschak
Lucian Freud war ein Maler des störrischen Fleisches. Doch er betrachtete es weder sezierend noch mit den Augen eines Karikaturisten. Mittwochnacht ist er im Alter von 88 Jahren in London gestorben.


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