Louis Marin: „Von den Mächten des Bildes“

Kraft der Dissidenz

Michael Mayer
26. März 2008
Louis Marin: "Von den Mächten des Bildes. Glossen", übersetzt von Till Bardoux. Diaphanes Verlag Zürich, Berlin 2007. 351 Seiten. 45 Euro

Eines sollte man sich klar machen, wenn man sich diesem Buch nähert: An diesen "Glossen" arbeitete Louis Marin (1931-1992) bis zuletzt, ohne ihnen noch die letzte Form geben zu können. Das Posthume dieser Texte hing gleichsam wie ein Fatum über ihrer Redaktion. Und man glaubt es zu spüren. Als das Buch endlich 1993 bei Edition du Seuil in Paris erschien, war sein Autor schon tot, die Publikation wirkte auf seine treue, verstörte Leserschaft wie ein Testament. Vor allem auf einen, Jacques Derrida. Er verfasste nicht nur zu Marin, sondern ausdrücklich zu diesem Buch einen Nachruf, dessen Intimität und Dringlichkeit wie ein Appell wirken: nicht zu schnell zu lesen, Zeit zu lassen, die Zuschreibungen und Etikettierungen nicht zu übereilen. "Der Vorabend des Todes, die Zeit dieses Buches, hatte seit langem für Louis Marin begonnen, lange vor dem Vorabend seines Todes. Aus diesem Grund lässt sich dieses Buch auch nicht schließen, unterbricht es sich unaufhörlich. Und so vorbereitet, wie ich darauf sein konnte, habe ich es zu schnell gelesen. Mit einer Überstürzung, die sich durch keine Trauer lindern wird. Es ist mir zu schnell gekommen, wie der Tod von Louis. Ich bewahre das Gefühl, noch am Vorabend seiner Lektüre zu sein."

Derridas Gefühl wäre gewiss die schlechteste Weisung nicht, unter der sich Marins Von den Mächten des Bildes lesen ließe. Schon der Titel zeigt an, in welchen inflationär überhitzten Diskurszusammenhang Marins Glossen zu gehören scheinen: den der Konjunktion zwischen Bild und Macht. Was die kulturwissenschaftlichen Spatzen jahrein, jahraus von den Dächern aller philosophischen Fakultäten trällern, nämlich dass das Bild zum medientechnisch entscheidenden Dispositiv der Macht aufgerückt ist, wäre demgemäß auch durch Louis Marin, Philosoph, Kunsthistoriker und Semiotiker an der École des Hautes Études en Sciences Sociales, erforscht worden.

Doch eine solche Rubrikation verdeckt, wie so oft, mehr als sie erhellt. Die exzeptionelle Stellung Marins im Kontext einer allgemeinen und vergleichenden Bilderkunde wird erst auf den zweiten Blick offenbar. Die Frage nach dem Bild, die ihn zeitlebens wie eine Obsession umtrieb, ist eher vordergründig das Objekt szientifischer Recherche. Er bearbeitet sie weder dank einer nur deskriptiven Rekonstruktion kunstgeschichtlicher Motiv- wie Formanalyse noch durch die ontologische Strapaze, aus einem Bild auf sein Wesen schließen und es dergestalt festschreiben zu wollen. Wenn er von der Macht, den Mächten des Bildes, von seiner Kraft spricht, spricht er vom Bild selbst, nicht von einem subthematisch eingeklemmten Gegenstand bildwissenschaftlicher Forschung. Kraft ist nicht etwas, das Bilder unter anderem auszeichnet. Marins Frage nach ihr setzt ebenso unterschwellig wie entschieden einen in all seinen Konsequenzen noch unabsehbaren Perspektivwechsel voraus. Denn die Frage lautet nicht mehr (ontologisch): Was ist ein Bild? Die Frage lautet (relationslogisch): Wo ist ein Bild? An welchem Ort und von welchem Ort aus entfaltet es seine betörenden, verführerischen, seine gefährlichen und so uneindeutigen Wirkungen?

Erst von diesen Wirkungen her lässt sich die Kraft, lässt sich das Bild selbst thematisieren, der Weg oder Umweg, sprich die Methode, führt "über die Indizien und letzten Endes über die Texte, welche diese aufzeichnen." Womit nicht nur einer indirekten Bilderlehre das Wort geredet wird, der zufolge wir die Spuren, die das Bild in Texten hinterlässt, lesen sollen. Wenn, wie man zu wissen meint, Texte -  Interpretationen, Urteile, Kritiken, Kenntnisse etc. -  auf die Art, wie wir Bilder wahrnehmen, zurückstrahlen, dann vagabundieren andererseits Bilder immer schon in diesen Texten, die von ihnen handeln, zerfurchen sie, suchen sie mit einer Art Nachleben gespensterhaft heim. Damit aber gerät das Verhältnis von Theorie und ihrem figurativen Gegenstand, von Bild und Sprache, ja von Eikon und Logos, diesem angejahrten Urpaar der abendländischen Metaphysik, überhaupt aus dem Lot. "Das Bild durchquert die Texte und verändert sie", wie es seinerseits von Texten verwandelt wird, die sich mit gleichsam unsichtbarer Tinte auf seiner Oberfläche einschreiben.

In den derzeit angesagten Bildwissenschaften, deren akademischer Konservatismus mit ihrem Gegenstandsbereich, dem Bildlichen, so augenfällig in Spannung tritt, sucht man eine derart rigorose Selbstreflexivität, die auf die Praxis universitärer Forschung selbst durchschlägt, vergebens. Der objektivistische Gestus wertfreier Wissenschaftlichkeit, der wie eine Monstranz vor gelehrtem Publikum durch die Alma Mater getragen wird, wirkt längst verbraucht, zuweilen gar lächerlich. Können die etablierten Formen des Wissens und die überkommenen Weisen der Wissensakkumulation denn tatsächlich, wenn man mit dem Bild ernst macht, un­verändert bleiben? Das Denken des Bildes verändert das Bild des Denkens: Das ist das Abenteuer, zu dem einer wie Marin sich aufgemacht hat!

Die "Glosse" als eigenständige Textsorte macht hierauf die Probe. Als Randbemerkung notiert sie in Schrift und Sprache das Wirken einer Kraft, die sich in der Sprache der Sprache entzieht. Als wäre sie eine Art Miniaturschreiberei, die die Bilder rahmt, fast illustriert. Seine 15 Glossen und Zwischenglossen, die in Texten La Fontaines, Jean-Jacques Rousseaus, Denis Diderots, Blaise Pascals, Friedrich Nietzsches u. a. diesem befremdenden Widerhall von Bildern nachhorchen, gehören zum Eindrücklichsten, was im Kontext des vielzitierten "iconic turn" derzeit zu entdecken ist. "Wenn mir die Zeit gegeben wäre", schreibt Derrida gegen Ende seiner Totenrede, "hätte ich versucht, den in meinen Augen einzigartigen Platz von Marin in einer verborgenen Tradition, im Herzen einer geheimen Abstammung besser zu verorten, der unzulässig für jede Kirche, für jede Clique ist". Mit seiner exzellent edierten Werkausgabe der Schriften Louis Marins, in deren Rahmen Von den Mächten des Bildes zuletzt erschien, gibt der kleine, doch überaus ambitionierte Diaphanes Verlag endlich auch dem deutschen Leser die Chance herauszubekommen, von welcher Kraft der Dissidenz Derrida hier redet.


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