Lois Renner bei Rupert Pfab, Düsseldorf

Das Palindrom der Wirklichkeit

Sabine B. Vogel
10. März 2010
Lois Renner – Rupert Pfab, Düsseldorf. Vom 20. Februar bis 30. April 2010

Sein Markenzeichen sind großformatige Farbfotografien von Innenräumen, in denen sich ganz unterschiedliche Gegenstände befinden: Fitnessgerät, Schlagzeug, Leitern, Arbeitstische und Werkzeuge. Auch wenn man vieles davon nicht im Inventar eines Künstlerateliers erwarten würde, erkennt man hier den Arbeitsraum eines Malers, und dies im wörtlichen wie im übertragenen Sinn. Der fotografierte Raum ist ein Modell, das Lois Renner maßstabsgetreu nach seinem ehemaligen Atelier in Salzburg anfertigt. Zwar sind auch sämtliche Gegenstände eigens gebastelte Miniaturen, doch nur manches davon existiert in Originalgröße im „echten“ Atelier. Dieses wird manchmal selbst hinter dem Modell erkennbar – sei es als Holzkante oder unscharfer Hintergrund –, was erheblich zur Verwirrung der räumlichen Verhältnisse beiträgt. Die abgebildeten Gemälde allerdings existieren in Originalgröße, sie wurden vorab fotografiert und ausschließlich digital in die Aufnahme des Modells hineingearbeitet. Der Raum als Bildraum, das wird dem aufmerksamen Betrachter bald bewusst, existiert nur in diesem einen Blickwinkel der Fotografie. Was wir sehen, sind mehrfach verarbeitete Wirklichkeiten, die um das Thema der Malerei kreisen.

In den Renner-Räumen ist jedes Detail mehrfach gedreht, gewendet und erst nach gründlicher Neubewertung zurückgestellt. Dieser Prozess beginnt bei seinem Atelier und endet bei der Signatur. An der Hausfassade seines jetzigen Ateliers in Wien steht in großen Buchstaben „RENNER“. „Man hat ja Sorge, dass man in der unglaublichen Mobilität, die wir uns erobert haben, einmal abhebt, davonfliegt und die Bodenhaftung verliert. Da wollte ich mich noch einmal anhängen mit einem Hacken am Boden, und tue so, wie man früher getan hat: Hier bin ich, hier arbeite ich, hier lebe ich und das schreibe ich drauf“, erklärt Renner in einem Interview. Von daher tauchen auch die Buchstaben „NE“ im so betitelten Werk auf, aber es ist kaum zu entscheiden, ob die gezeigte Wand eine Innen- oder Außenraum-Situation ist, ob wir vor oder in dem Atelier stehen. Renners Name ist ein Palindrom, und vielleicht sollten wir all seine Werke als Palindrome lesen, oder als bildliches Ambigramm, denn die Werke können wie sein Name in verschiedener Reihenfolge und aus verschiedenen Blickwinkeln betrachtet werden. In seinen Bildern taucht der Name in Holz geritzt auf, auch als Markenname auf dem Schlagzeug-Becken, auf der Leiter. „Der malende Mensch verkneift sich ja den Namen, weil das an eine Malereitradition erinnert, die wir heute nicht mehr als aktuell empfinden. Aber man hat es immer noch so in der Hand drin, vor allem wenn die Arbeit gelingt – ich liebe Signaturen.“ Renners Signatur ist nicht aufgemalt, sondern steht im Bildraum und ist immer schon vorher beim Anfertigen der Miniatur-Objekte als Möglichkeit mitgedacht.

Ob räumlich-physisches Atelier, gebautes Modell, Miniaturen und Signatur, analoge Malerei oder digitale Fotografie – alle Elemente sind gleichwertige Teile dieser Bildwirklichkeiten, die sich nicht mehr medial definieren und doch nur medial existieren. Wie in einem Ambigramm ergibt sich aus jedem Blickwinkel das Bild, das über Malerei in Zeiten digitaler Techniken nachdenken lässt, wenn der Stylus den Pinsel ersetzt: „Früher habe ich ein Foto gemacht, im Labor wurde es ausgearbeitet und ich konnte über das Rot, über das Blau nachdenken. Heute bin ich verantwortlich für jeden Quadratmeter in meinem Foto, weil er frei zu gestalten gewesen wäre.“ In der Galerie Rupert Pfab sind nun die Werke zu sehen, die sich am wenigsten und am diskretesten mit Malerei auseinandersetzen. Bei den Bildern aus den Jahren 1991 bis 2009 überwiegen die Atelieransichten, sodass der Eindruck suggeriert werden könnte, es wäre das einzige oder zumindest wesentliche Sujet Renners. Dabei gibt es Stadtpanoramen oder Stillleben, bei denen die Grenze zwischen Malerei und Gemaltem bis zur Unentscheidbarkeit hin verwischt wird, bei denen sich kaum noch sagen lässt, an welchem Punkt die Malerei die Rolle des Objektes oder des Modells übernimmt.

Für die Entscheidung der Galerie mag gesprochen haben, dass sich an diesem einen Sujet dessen Entwicklung studieren lässt. Denn tatsächlich scheinen die Bilder konzentrierter zu werden. Dem aufgeregten Atelier und dem Spiel mit Größenverhältnissen und daraus entstehenden skulpturalen Qualitäten in Plastiksackerl (1991) folgt 2009 die ruhige Glyptothek, die eine allzu klassisch gebaute Figur als Miniatur in den Blick rückt; dem Chaos von 1995 folgt 2006 das Alutal: Die Räume werden leerer, die Kontraste zwischen den Dingen härter, künstlerische Traditionen zum Bildinhalt und Materialien zu Bildmotiven. Renner bezeichnet seine Kunst selbst als Cocktail, und wie bei einem Cocktail bleiben die Grundbestandteile seiner Kompositionen seit Jahren dieselben, aber dank der Ingredienzien können sie manchmal eher lieblich, manchmal karg oder farbig-betörend ausfallen. Anders als bei einem Cocktail aber verwirren seine fotografischen Inszenierungen nicht nur die Sinne, sondern rütteln sie gleichzeitig wach. Die Konfusion des Betrachters, der nicht weiß, welche Größen- und Schrumpfungsverhältnisse er vor sich sieht, welche Form von Wirklichkeit sich überhaupt da vor ihm aufgebaut hat, soll ja dazu führen, dass er seinen Blick schärft. Dass er wissender in die Welt und auf die Kunst schaut. Denn dass beidem nicht zu trauen ist, wissen wir. Lois Renner führt es uns nur noch einmal eindringlich und intellektuell vergnüglich vor Augen.


Weitere Artikel von Sabine B. Vogel


Feedback abgebenFeedback abgeben
Artikel druckenArtikel drucken
artnet - Die Welt der Kunst online. ©2012 Artnet Worldwide Corporation. Alle Rechte vorbehalten. artnet® ist eine eingetragene Handelsmarke der
Artnet Worldwide Corporation, New York, NY, USA.