Li Hui im Mannheimer Kunstverein

Das perforierte Desaster

Andreas Schmid
18. Februar 2010
Li Hui: „Transition /Wandlung“ – Mannheimer Kunstverein. Vom 7. Februar bis 21. März 2010

Für eine Einzelausstellung, noch dazu die erste in einer deutschen Institution, ist es ein ungewöhnlicher Ansatz. Eine einzige Arbeit hat der Pekinger Künstler Li Hui in dem sieben Meter hohen und weitgehend abgedunkelten Ausstellungsraum des Mannheimer Kunstvereins installiert: Hier steht, in hellem Rot erleuchtet, ein „brennendes“ jeepähnliches Autowrack, als hätte gerade ein schwerer Crash stattgefunden (Untitled2/3, 2010). Aus dem Innern des Wagens dringt Nebel und steigt empor. Das intensive rote Licht kommt sowohl aus dem Fahrzeug selbst wie auch von oben, von einer großen unter die Decke montierten Stahlplatte. Wie glühende Lava ergießt sich das Licht über das Gefährt und steigert die ambivalente Empfindung angesichts dieser dramatischen Situation: Zum einen steht da das schockierende Moment eines schrecklichen Unfalls, zum anderen ist dieser ästhetisch so aufbereitet, dass der Anblick etwas unwiderstehlich Anziehendes und Faszinierendes erhält. Es ist dieselbe Ambivalenz, von der Nachrichtensendungen mit ihren Schreckensbildern wie die Populärkultur mit ihren gestellten Horrorszenarien gleichermaßen zehren.

Li Huis Arbeit wird von einem mäßig lauten mongolischen Obertongesang mit Windgeräuschen (genannt Hu Mai) begleitet, der fremd und archaisch anmutet. Je länger man aber in der Ausstellung verweilt, umso stärker verändert sich die Wahrnehmung: Das Aufgeregte der Szene erfährt durch den archaischen Singsang und den sichtbaren Aufstieg des Rauchs eine Beruhigung. Man wird mehr und mehr Zeuge einer Verwandlung, die nach dem Crash stattfindet. Das demolierte Gefährt erscheint bei eingehender Betrachtung aus verschiedenen Richtungen immer mehr selbst als ein verletztes „Wesen“, das gleichsam im religiösen Sinne transformiert wird. Die ausgewählte Musik ist hierbei von grundsätzlicher Bedeutung. Das schreckliche Ereignis wird – im Gegensatz etwa zu den „Car Crash“-Arbeiten Andy Warhols – in ein spirituelles Erleben umgewandelt. Das Auto selbst ist ein zwiespältiges Symbol. In China ist es trotz aller Umweltprobleme immer noch Ausdruck von Freiheit, Individualität und Status, andererseits lehnt der Künstler die beinahe symbiotische Abhängigkeit vieler Menschen vom Auto ab. Li Hui hat das Fahrzeug gezielt bearbeitet: Der Jeep wurde von schweren Teilen wie Motor, Elektrik, Glas und Boden befreit, und es wurden leichtere Bleche eingebaut. Der Wagen wurde ausgeschlachtet, umgespritzt, mit Leinen bandagiert und von einer Vielzahl von Bohrlöchern perforiert, aus denen der Nebel in Intervallschüben dringen kann. Ebenso sorgfältig wurden die Vorrichtungen für die 80 Aluminiumleisten und für die 13.120 Laserleuchten vorgearbeitet, die übrigens nicht mehr Strom verbrauchen als ein Fernsehgerät.

In Li Huis aufwändigen und technisch perfekt gearbeiteten skulpturalen Installationen generiert er oft dramatische Situationen der Veränderung und schafft gleichzeitig ein Moment des Innehaltens und der Reflexion. So zeigte der Künstler 2006 auf der Shanghai Biennale einen transparent erscheinenden und mit blauen LEDs erleuchteten Rennwagen, der in seinem Innern eine Leerform in Gestalt eines Tierskeletts barg – Li Hui verweist auf die Evolution, weil für ihn die Faszination von Technik und Geschwindigkeit mit archaischen Trieben gepaart ist. Zudem gehört er zu den wenigen chinesischen Künstlern, die (auch) mit dem Medium Licht operieren. Denn anders als in der westlichen Kunst wird Licht in China selten für sich verwendet, sondern ist in seiner Form oft dem Inhaltlichen unterworfen. Shen FansLandscape Commemorating Huang Binghong (2008) etwa, seine Hommage an den berühmten Maler, suggeriert ein Landschaftsgemälde mittels Neonlicht. Auch in diesem Werk kommt dem Klang, der von einer Guzheng stammt, eine wesentliche Bedeutung zu. Cai Guo-Qiangs Arbeit Inopportune: Stage One aus dem Jahre 2004 mag Li Hui ebenfalls als Inspirationsquelle gedient haben. Die raumgreifende Installation besteht aus frei im Raum hängenden PKWs, aus denen Mehrkanallichtstäbe wie Wunderkerzen leuchten und so eine ambivalente Wirkung zwischen Feuerwerk und Explosion erzeugen, ohne allerdings die meditative Rückkoppelung Li Huis zu entwickeln. Es ist dem Mannheimer Kunstverein jedenfalls hoch anzurechnen, dass er in Zusammenarbeit mit der Peking Agentur The Ministry of Art den Kraftakt auf sich genommen hat, Li Huis Installation zu realisieren und einen Künstler vorzustellen, dessen Werk durch die Kombination von materialistischer Existenz mit spirituellem Inhalt, durch die Aufladung global gebräuchlicher Objekte mit fernöstlichen Inhalten und Vorstellungen so spannend wird.

Zur Ausstellung ist ein kleines informatives Booklet im DIN A5-Format mit Abbildungen der Werkproduktion sowie mit Texten von Charles Merewether und Martin Stather erschienen.


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