Lewis Baltz im Kunstmuseum Bonn

Standbilder

Damian Zimmermann
22. Mai 2012

Lewis Baltz – Kunstmuseum Bonn. Vom 10. Mai bis 2. September 2012

Dass es von Lewis Baltz noch keine Retrospektive in einem deutschen Museum gegeben hat, ist zwar bedauerlich, aber nicht unbedingt erstaunlich – schließlich ist er eher Fotografie-Insidern ein Begriff. Für Stefan Gronert, dem Kurator der im Kunstmuseum Bonn eröffneten Retrospektive, liegt das unter anderem daran, dass der 1945 in Kalifornien geborene Baltz „an vielen Stellen zu früh war, um rezipiert zu werden. Das wollen wir nun ändern.“

Ob dies gelingen kann, wird sich zeigen, denn Baltz' Arbeiten sind nicht immer so leicht zugänglich wie beispielsweise die von Mitch Epstein, mit dessen Schau das Bonner Museum die Ausstellungsreihe US-amerikanischer Fotografen ins Leben gerufen hatte, die jetzt mit Baltz fortgesetzt wird. Bekannt wurde er vor allem durch seine Teilnahme an der heute legendären Ausstellung „New Topographics: Photographs of a Man-altered Landscape“ im Jahr 1975, die letztes Jahr als Rekonstruktion in der Photographischen Sammlung der SK Stiftung Kultur in Köln zu sehen war. Gemein hatten alle Teilnehmer – wie der Titel schon verrät – die Beschäftigung mit der vom Menschen veränderte Landschaft. Ein harter Kontrast zum romantischen Landschaftsbild à la Ansel Adams.

Baltz zeigte damals Aufnahmen aus Gewerbegebieten in amerikanischen Vororten: streng geometrisch komponiert aus meist wenigen, eintönigen Farbflächen und Strukturen wie leere oder verschlossene Fenster, vor denen zwar hin und wieder Bäume gesetzt wurden, aber niemals Menschen zu sehen waren. Diese Unpersönlichkeit – die Gebäude und die gesamte Infrastruktur scheinen austauschbar – ist Grund dafür, dass diese Bilder nichts von ihrer Aktualität verloren haben.

Eines sind seine Arbeiten aber nie gewesen – objektiv. Das muss erwähnt werden, weil Baltz der Begriff „Dokumentarfotograf“ anhaftet und im gleichen Atemzug behauptet wird, er selbst habe keine Meinung zu dem Thema und wolle die Wirklichkeit nur festhalten. Ein Irrtum, schließlich muss er für jedes einzelne Foto Position beziehen – und sei es auch nur deshalb, weil er etwas so Alltägliches und Banales wie Gewerbegebiete als fotografierenswert betrachtet. Im Gegensatz zu Bernd und Hilla Becher, die über Jahrzehnte im immer gleichen Stil Industrieanlagen fotografiert haben und die die einzigen wirklich „objektiven“ Fotografen im Kunstbusiness sind, war Baltz die Wirkung seiner radikalen und immer auch wechselnden Bildgestaltung auf den Betrachter durchaus bewusst.

In der chronologischen Bonner Ausstellung dürfen Serien wie „The Tract Houses“ von 1971 sowie „The Prototype Works“ aus den 1960er bis 1980er-Jahren natürlich nicht fehlen, sie füllen zwei der insgesamt vier Räume. In den beiden anderen sind hingegen weit weniger bekannte Farbfotografien zu sehen: großformatig und teilweise sogar miteinander kombiniert oder collagiert. Für die riesige Wandinstallation Ronde de Nuit aus den Neunzigerjahren hat Baltz zudem gar nicht mehr selbst fotografiert – sondern sich der Bilder aus Überwachungskameras bedient. In der nüchternen Atmosphäre des Kunstmuseums wirkt sie allerdings eher deplatziert. Kein Wunder, schließlich ist Baltz mittlerweile dazu übergegangen, vor allem ortsspezifische Arbeiten herzustellen, und die können nicht so ohne weiteres woanders gezeigt werden.

Seine Reihe Sites of Technology funktioniert allerdings hervorragend. Denn seit Anfang der 1990er Jahre hatten es Baltz – wie später Thomas Struth – Innenräume von Unternehmen und Institutionen aus dem Technologiesektor angetan und denen kann man ihre Funktion dann eh nicht mehr ansehen. Damit schien er auch den Kreis zu seinen frühen Außenaufnahmen geschlossen zu haben. Konsequenterweise arbeitet er seit dem so gut wie gar nicht mehr fotografisch – zumindest nicht im klassischen Sinne. Diese Entwicklung zeigt das Kunstmuseum Bonn sehr deutlich, stolpert aber in der Präsentation jener ortsspezifischen und nicht auf ein Medium festgelegten Kunst. Und das ist schade. So bleibt Lewis Baltz den meisten Besuchern doch nur dafür in Erinnerung, wofür er ohnehin schon bekannt ist: als einer der prominentesten Vertreter der New Topographic-Bewegung. Genau das wollte die Schau in Bonn doch eigentlich ändern.


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