20. April 2010
Guten Morgen, Herr Lybke. Ist es zu früh für einen Anruf in der Galerie?
Im Gegenteil, nur jetzt ist es hier noch ruhig. In diesen Tagen haben wir Hochbetrieb. Freitag Pressekonferenz, am Sonntag große Eröffnung in Leipzig. Am Montag in München und ab Dienstag ist Messe in Köln.
Bilder von Neo Rauch werden bis zum August im Museum der bildenden Künste in Leipzig und in der Pinakothek der Moderne in München gezeigt. Dabei heißt es ja schon länger, der Zenit der figürlichen Malerei im Stil der „Leipziger Schule“ sei überschritten? Stimmt das?
Ich kenne keine „Leipziger Schule“!
Einen Moment ... die Verbindung scheint schlecht ... hatte ich Sie richtig verstanden?
Also ich kenne nur die Hochschule für Grafik und Buchkunst in Leipzig.
Es ist doch aber richtig, dass Absolventen dieser Kunsthochschule in den 1990er-Jahren die – jetzt sage ich es ganz präzise – „Neue Leipziger Schule“ begründet hatten. Eine Zuordnung, mit der die Kunst von Neo Rauch sich implizit in die ostdeutsche staatliche Tradition einfügte und zum Weltmarktschlager wurde.
Ich kann es nur so sagen: Es war um 1995, als einige Studenten mit wachem Geist und offenem Verstand nach Leipzig kamen – auch aus dem Westen – um ganz bewusst hier in Leipzig zu studieren. Aus den alten Bundesländern waren es unter anderem Tim Eitel aus Stuttgart oder David Schnell aus Köln. Natürlich gehört Neo Rauch zur Geschichte dieser Hochschule. Er ist in Leipzig geboren, hat hier studiert, lebt seitdem hier. Leipzig ist wahrscheinlich ein guter Ort für die Kunst und um als Künstler zu arbeiten.
Wie kann man das begründen?
Ein Künstler muss seinen Ort finden. So oder so. Unsere gegenwärtige Welt ist schnell, rund und global. Die Aufgabe einer Galerie ist es, sich zu positionieren, sich darin zu bewegen. Ein Künstler macht das anders, lässt sich mit seinen ganz eigenen Mitteln auf die Welt ein. Er muss dabei nicht unbedingt herumreisen.
Daran gemessen sind Rauchs Werke gut herumgekommen. Für die beiden Ausstellungen zum fünfzigsten Geburtstag von Neo Rauch mussten seine Arbeiten von überall zusammengetragen werden und kommen nun nach Leipzig zurück. Er ist weltbekannt ...
Ist er das wirklich? Wenn wir ehrlich sind, glaube ich, wird es für etwa siebzig Prozent der Besucher fast eine Erstbegegnung mit einer solchen Dichte von Neo-Rauch-Bildern sein. Und ganz sicher haben die meisten Gäste seine Bilder noch nie in solchen Zusammenhängen, Stimmungen und Konstellationen gesehen. Der internationale Bekanntheitsgrad von Neo Rauch wurde ja vor allem durch seine große mediale Präsenz geschaffen. Das heißt aber nicht, dass viele der kommenden Besucher von ihm tatsächlich mehr als eine Handvoll Originale wirklich kennen. Doch die muss man sehen!
Wie viele sind Arbeiten es?
In der Doppelausstellung in Leipzig und in München gibt es jeweils sechzig Arbeiten. Es war eine große logistische Anstrengung und organisatorisch ein Riesenaufwand. Um die Arbeiten von den Museen und aus den privaten Sammlungen für die Retrospektiven wieder zusammenzubekommen, haben die Leute in den beiden Museen eine hervorragende Arbeit geleistet.
Ihre Galerie wird bei einer solchen Gelegenheit nicht abseits stehen. Welche Arbeiten zeigen Sie auf der Messe in Köln?
Wir werden zwei ganz neue Arbeiten von Neo Rauch präsentieren. Die eine hat den Titel: Die Kontrolle. Für die zweite Arbeit überlegen wir den Titel gerade noch.
Nochmal zurück zum Kunststandort Leipzig. Wie viel verbirgt sich hinter der angekündigten Kooperation zwischen ART COLOGNE Köln und der sächsischen Kunstmetropole Leipzig?
Soviel ich weiß, wird man bei der ART COLOGNE auf viele große aktuelle Ausstellungen verweisen und in dem Zusammenhang auch mit unseren beiden Ausstellungen werben. Und genauso machen wir es umgekehrt. Wir sind nicht nur auf der Messe. Wir schicken die Besucher unserer Eröffnungen von hier aus gleich weiter nach Köln zur Vernissage.
Und welche Gemeinsamkeiten sehen Sie persönlich zwischen beiden Städten?
Beide Städte sind Orte, die weit weg von den Ablenkungen der Zentren liegen. Von Hauptstädten, mit all ihren Szenen und Besonderheiten. Dazu kommt: In beiden Städten leben Bewohner, die ihre Stadt lieben. Leute, die stolz sind auf ihre Heimatstadt.
Und dieser Stolz, meinen Sie, gilt auch der Kunst?
So ist es. Das erleben wir in Leipzig immer wieder. Wenn wir hier in der Spinnerei den Galerienrundgang haben, da kommen sechstausend Leute am Sonnabend und noch mal so viele am Sonntag. Die Spinnerei gehört nicht uns, die gehört den Leipzigern. Und noch etwas: Köln und Leipzig sind beides sehr stolze und ganz traditionsreiche Messestädte. Man ist in Köln und in Leipzig stolz auf sich und man liebt seine Stadt. Hier wie da wurden die Fremden, egal ob sie von Osten oder Westen kamen, immer willkommen geheißen. In Leipzig geht das sogar noch weiter. Wer zweimal in Leipzig war, wird schon behandelt wie einer von hier.
Wie denn?
Ein Beispiel: Nehmen wir mal das Leipziger Allerlei ... unser lokales Stammgericht. Das haben sie vor mehr als siebenhundert Jahren schon so gemacht. Jeder brachte etwas von zu Hause zum Gastmahl mit. Die Gastgeber stellten den Topf aufs Feuer und spendierten Flusskrebse. Die gab es reichlich, die hatte man hier. Und dann kochte der eine Möhren, der nächste garte Bohnen, wieder einer schnibbelte Kohlrabi, ein anderer dünstete Lauch. Und das Ergebnis? Jeder hat seine Suppe gekocht, aber die die Leipziger hatten von allem etwas.
In Leipzig kommt alles in einen Topf.
Man kann auch sagen, in Leipzig lässt man das Fremde nicht nur zu, man verleibt es sich ein.
Warum sind es eigentlich zwei Ausstellungen?
Warum nicht? Man sollte sich unbedingt beide ansehen. Die Auswahl der Werke und die Hängung von Bernhart Schwenk in München und Hans-Werner Schmidt in Leipzig differieren wirklich stark, das kann sich ja der Besucher ab Anfang der Woche ansehen. Es ist Zeit bis August. Aber ich weiss: Hinfahren macht Mühe. Aber so werden die Werke sicher nicht gleich wieder zusammenkommen. Das ist eine große Chance für die Besucher. Und übrigens auch eine große Chance für Neo Rauch.
Braucht Rauch noch Chancen?
Neo Rauch gehört zu den Künstlern, die ihre Arbeiten, wenn sie sie denn herausgeben, auch wirklich hergeben. Er schickt sie los und sie müssen sich alleine in der Welt behaupten. Vielen seiner Bilder wird er nun seit vielen Jahren zum ersten Mal wieder persönlich begegnen. Und nicht nur das. Er sieht sie auch in einer ganz neuen Konstellation, in anderen Zusammenhängen und Zuordnungen. In Situationen, die die Kuratoren geschaffen haben.
Eine Reise in die Vergangenheit.
Glauben Sie mir, dieses genaue Hinsehen macht dem Künstler Spaß. Den Medien aber macht es vor allem Arbeit. Man schreibt lieber vorher Berge von Artikeln, bevor man überhaupt etwas gesehen hat.
Ist das aus Sicht des Galeristen zu beklagen?
Ja, im Ernst. Wenn man als Kritiker in einer Kritik über eine konkrete Ausstellung schreibt, also wirklich über die Kunst und nicht generell und allgemein über den Künstler, über die Welt oder irgendwas, dann wird das überprüfbar. Die Schilderung, der Eindruck, die Wertung – um dann genau zu sein, dafür müsste man eben wirklich hinsehen und zumindest die Originale vor sich haben.
Gutes Stichwort: Originale. Bilder von Neo Rauch aus Leipzig sind durch die ganze Welt gereist. Er ist schon heute musealisiert. Was kann da noch kommen?
Neo ist sehr bodenständig. Er ist nicht ohne Grund immer ein Leipziger geblieben und noch immer in hohem Maße kritisch und selbstkritisch. Man kann es auch kurz sagen: Er war und ist bis heute immer fähig zu lernen.
Das klingt ganz anders als die Klischees von der Leipziger Schule ... Stichwort: Fellwesten und Rotwein.
Das ist 35 Jahre her und seit 25 Jahren vorbei. Aber genauso komisch finde ich Anfragen, warum wir nicht Bilder aus den Siebzigerjahren zeigen. Der Künstler Neo Rauch kam gewissermaßen erst um 1992 aus dem Studienkontext – nach Ausbildung und Meisterstudium. Zum Leipziger Ausbildungsprogramm jener Zeit gehörte, dass man sich sehr eng an die Vorbilder zu halten hatte. Ein gutes Diplom hatte ganz konkret so und so auszusehen. Erst danach kam in Gang, dass man sich von den Vorbildern löste. Und vorher war auch ein Rauch erst Student, Schüler oder Kind.
Wie geht es weiter?
Wir werden seine neuen Arbeiten, die zwischen 2010 und 2013 entstehen, in einer Neo-Rauch-Ausstellung in der Kunst- und Ausstellungshalle der Bundesrepublik Deutschland in Bonn zeigen. Robert Fleck präsentiert sie als Erster. Und von Bonn, der einzigen Station in Deutschland, geht die Ausstellung dann weiter nach Österreich, Spanien, Italien, Frankreich.
Das ist viel Interesse im Voraus. Dass Leipzig stolz auf seinen Maler sein soll, haben Sie bereits gesagt. Eine letzte Frage, ganz persönlich. Worauf ist der Leipziger Gerd Harry Lybke, heute – zwischen den Eröffnungen in Leipzig, München und der Messe in Köln – selbst am meisten stolz?
Auf meine Eltern.