16. Juni 2010
Lasse Schmidt Hansen: „Objects, Photographs, Writings, Objects“ – Galerie Reinhard Hauff, Stuttgart. Vom 4. Juni bis 31. Juli 2010
Lasse Schmidt Hansen ist mit „Objects, Photographs, Writings, Objects“, seiner aktuellen Präsentation in der Stuttgarter Galerie Reinhardt Hauff, ein kleines Kunststück geglückt. Um das aber zu erkennen, muss man schon genauer hinsehen. Denn auf den ersten Blick wirkt diese Ausstellung nicht wesentlich anders als Dutzende andere auch. Sie kommt mit wenigen Arbeiten aus: mit einigen kleinformatigen Fotografien, zwei bis drei gefundenen oder gemachten Objekten, wenigen Bahnen Spiegelfolie. Es herrscht kühle Schwarz-Weiß-Stimmung. Statt auf Menge setzt der in Berlin lebende Däne (Jg. 1978) auf Konzentration. Auf inszenatorischen Aufwand verzichtet er. Hier dominiert der generelle Eindruck des Lapidaren, ja, Beiläufigen.
Auch das in der Schau verhandelte inhaltliche oder thematische Spektrum reißt uns erst einmal nicht vom Hocker. Schnell sieht man, dass es – wieder einmal – um das Erbe der Moderne geht. Bei einem Titel wie Like a Primary Structure (2010) ahnen wir beinah schon, dass die damit bezeichnete simple MDF-Kiste, wie sie da kaum kniehoch als Hybrid zwischen Couchtisch und Skulptur vor uns steht, irgendwie mit der Minimal Art zu tun haben muss. Dass sie in Gestalt und Bauweise zurückverweist auf, genau!, die strenge Reduktion in der Form und die Pragmatisierung der Mittel, ganz wie wir sie aus der US-amerikanischen Minimal Art kennen.
Insofern ist es auch kein Wunder, wenn das lapidar an der Wand lehnende Redirection (2009) – eine weiß gefasste, kleinteilig gerasterte Lamellenkonstruktion aus MDF-Elementen – auf den ersten Blick an ein Nippessammelregal erinnert, sich aber explizit auf moderne Architektur bezieht. Die Arbeit verweist auf die massenhaft in Zweckbauten der 1970er-Jahre verwendeten modularen Deckenabhängungen. Dass dazu die hübsch gerahmten, kleinformatigen Schwarz-Weiß-Fotos (etwa die dreiteilige Serie „Making Things“, 2009) das Atelier in verschiedenen Einrichtungszuständen als genauso mythischen wie prosaischen Ort des Machens zeigen, passt dabei ins Bild. Das gilt auch für den Hinweis auf die unterschiedlichen Materialqualitäten von Spiegelfolie verschiedener Hersteller, aus der Schmidt Hansen eine installative (Bilder-)Hängung entwickelte (Version, 2010).
Spätestens hier fragen wir uns, wieso es eigentlich immer wieder die Architektur- und Designgeschichte der Moderne sein muss, der Look von Minimal oder das visuelle Vokabular des Konstruktivismus, worauf sich derart viel junge Kunst derzeit kapriziert. In referenziell über-inszenierten Arbeiten zudem, die notorisch auf das Verhältnis zwischen autonomem Kunstobjekt und seiner möglichen Funktionalisierung (als Design, Möbel, Display etc.) verweisen und damit auf das – eingelöste? – historische Versprechen der Moderne, ihren ästhetischen Vollzug als völliges Aufgehen in der Alltagswelt zu verstehen. Es scheint, als müsste sich diese Kunst ihren höheren gesellschaftlichen Auftrag immer wieder vor Augen führen, ihn sich aus der Historie borgen.
Doch wie war das gleich? Versprach uns Lasse Schmidt Hansens Schau nicht „Objects, Photographs, Writings“ – und nochmals explizit „Objects“? War da überhaupt je von Kunst die Rede? Von Inhalten, Themen, Aufträgen? Geht es dieser Schau denn nicht um eine grundsätzlichere Frage? Spricht sie nicht von den enormen Spielräumen des Arbiträren, davon, dass die Dinge so oder ganz anders sein können? Handelt sie nicht von der Problematik des Materials und des Machens – davon, dass Materialien und Inhalt, Formen und Referenzen in identischer Weise verfügbar, unbeschränkt disponibel sind? Dass es auf den Plot ankommt, zu dem man sie dann arrangiert? Der Titel ist insofern geradezu programmatisch zu verstehen. Diese Schau will uns ganz nachdrücklich „Objekte“ zeigen. Und nicht Kunstwerke, Inhalte, Botschaften. Sie öffnet gerade kein Referenzfenster auf die Geschichte der Moderne. Ihr Anliegen ist etwas ganz anderes. Sie fragt danach, wie wir uns zu ihren Objekten ins Verhältnis setzen, ob wir sie Kunst sein lassen wollen oder Ding; ob wir sie einer kulturellen Provenienz, einer gesellschaftlichen Agenda, einem Platz an der Wand beiordnen oder an und für sich stehen lassen. Das, so lautet Schmidt Hansens Antwort, war und ist Verhandlungssache. Und damit ist diese Schau am Ende so etwas wie die Antithese zur aktuellen, reflexhaften Moderne-Befragung. Und deshalb eben auch ein kleines Kunststück.