Sabine B. Vogel
11. Juni 2009
Die Damen posieren im edlen Bademantel, bereiten sich auf ihren großen Abend vor. Dazwischen immer wieder langsam dahingleitende Schwarz-Weiß-Bilder des menschenleeren Giardini-Geländes, des Österreichischen Pavillons. Die Wände sind weiß, die Flächen unverstellt, alles harrt einer künftigen Bespielung und Bedeutung. In gekonnter Überästhetisierung präsentiert
Dorit Margreiter in ihrem Film ein Sinnbild der ewig wiederkehrenden Situation: die Vorbereitungen für den Auftritt auf der Biennale. Nur ein kleines Accessoire irritiert bei der simplen Metaphorik – der Federnschmuck der Damen, im Stile von Can-Can-Tänzerinnen der Zwanzigerjahre. Die Biennale als Revue? Das ist eine höchst reizvolle Parallele. Denn anders als die Oper oder das Musical kennt die Revue keinen Handlungsstrang, sondern wechselt lose zwischen Solodarstellung und Beine schwingendem Ensemble. Die nationalen Pavillons als Solo-Auftritt, begleitet vom Arsenale-Ballett? Oder sollte man den Vergleich doch ganz direkt auf den Österreichischen Pavillon übertragen? Denn wie die Revue so hat auch er kein Thema, sondern besteht aus einem lockeren Nebeneinander von starken Einzelauftritten: aus Dorit Margreiters selbstreflexivem Film,
Elke Krystufeks wild-expressiven Männerportraits,
Franziska & Lois Weinbergers kleiner Retrospektive im Innern und ihrer so gar nicht repräsentativen Hütte mit großem Heuhaufen im Außenraum. Aber wer wären dann die Girls? Die anderen Pavillons auf dem Gelände?
Die Revue im Österreichischen Pavillon jedenfalls kommt nicht so recht in Schwung. Die drei Beiträge sind inhaltlich und formal so unabhängig und auch so konträr, dass sie sich nicht bestärken oder ergänzen, sondern zum Stolpern bringen. Da steht farbige Intensität neben strengem Schwarz-Weiß, die freche Geste neben disziplinierter Zurückhaltung, das Kleinformatige neben dem Raumgreifenden, das Poetische neben dem Plakativen. Diese allzu beliebig wirkende Choreographie ist nicht nur ein kuratorischer Mangel, sondern noch dazu ein vorhersehbarer. Denn die Kommissärin Valie Export baute sich nicht etwa ein Organisationsbüro auf, sondern holte sich eine zweite Kuratorin an ihre Seite, Silvia Eiblmayr, ehemals Leiterin des Taxispalais in Innsbruck. Zu zweit wählten sie drei Positionen aus, wie sie verschiedener kaum sein könnten: So findet bei Krystufeks Männerakten die Hinterfragung tradierter Geschlechterrollen statt, untersuchen Franziska & Lois Weinberger Ruderale und Brachen als sozio-kulturelle Bedeutungsträger, erprobt Margreiter die filmische Inszenierung als Analysemethode für das eigene Tun und den eigenen Kontext. Drei kraftvolle Einzelwerke. Jedes allein hätte sicherlich eine Ausstellung ergeben, die eines Goldenen Löwen würdig wäre. Aber in dieser positionslosen Für-jeden-etwas-Mischung ist die Chance vertan, das hohe Niveau der Beteiligten zu demonstrieren. So stellt dieser Pavillon eine verpasste Chance für alle Beteiligten dar – wenn man es jedem recht machen will, kommt selten etwas Gutes dabei heraus.
Wie konsequent dagegen ist die berührende, fast schon überzogene und in dieser massiven Dosis umso eindrücklichere Präsentation von Teresa Margolles im Mexikanischen Pavillon, der in den Palazzo Rota Ivancich gezogen ist. Margolles lässt Leichentücher der viel zu vielen Toten aus den mexikanischen Mafia- und Drogenkriegen unentwegt mit Wasser besprühen. Mit diesem Schlamm- und Blut getränkten „Leichenwasser“ wischen Angehörige der Toten den Boden des Palastes. Reinwaschen, beflecken. Erinnerungsarbeit, Ritual. Weitere Verwandte der Opfer sticken Worte – etwa „Respekt“ – in solche Tücher, ein anderes ist mahnend als Blutfahne vor den Palast gehängt, zwischen die Flaggen von Venedig und Europa. „What Else Could We Talk About?“, lautet der Titel der Arbeit. Recht hat sie, die Künstlerin. Während andernorts auf der Biennale Kunst über Kunst nachdenkt und viele Besucher sich fragen, wo denn hier eigentlich die Beiträge zu den drängenden Fragen unserer Zeit sind, kann man nur entgegnen: Hier, im Mexikanischen Pavillon. Beispielsweise.
Aber auch bei Krzysztof Wodiczko im Polnischen Pavillon. „Guests“ redet in hoch-theatralischer, fast schon kathedraler Form von den immer fremd bleibenden Immigranten. Wodiczko, bekannt für seine kritischen Werke, die auf öffentliche Bauwerke projiziert werden, findet hier ein starkes Bild: Mittels Video lässt er den Eindruck milchig-weißer Fenster an den Wänden des Pavillons entstehen, hinter denen wir die Fremden nur schemenhaft sehen. Es sind osteuropäische Arbeiter, Fensterputzer, bei ihrer Tätigkeit. Wie spannend wäre in dieser Nachbarschaft ein Einzelauftritt von Franziska & Lois Weinberger gewesen, die in ihren Werken immer wieder das Thema Immigration behandeln, wenn sie Ruderalpflanzen als angeflogene Fremde vorstellen, die heimisch werden, jegliche Grenzen ignorierend; die von der Schönheit des Übersehenen erzählen und für eine „Komplexität des Unbestimmten“ plädieren.
Und auch wenn der zweite Teil der Weinberger-Präsentation, die kleine Retrospektive, wie eine Galerieausstellung wirkt, zeigt sich hier doch in jedem einzelnen Werk eine Komplexität, mit der manch anderer Biennale-Künstler kaum mithalten kann. Das gilt besonders für Jef Geys‘ Beitrag im Belgischen Pavillon, eine akkurate Auflistung von wild wuchernden Pflanzen aus Großstädten. Diese Unkräuter, die sich oft als Heilkräuter erweisen, preist der Künstler wegen ihrer Schönheit wie auch als Quellen verborgenen Wissens. Doch mehr als eine pseudo-wissenschaftliche Taxonomie samt fotografischer Abbildung, kartografischer Zuordnung und exakter Benennung leistet Geys nicht.
Eine kuratorisch spannende Zusammenschau hätte sich auch ausŽilvinas Kempinas‘ wunderschöner Installation Tube im Litauischen Pavillon mit der „Laubhütte“ der Weinbergers ergeben. In der erstmals bespielten Scuola Grande della Misericordia, einem Gebäude aus dem 16. Jahrhundert, baut Kempinas aus schmalen, schwarzen Tonbändern eine flirrende Röhre, die beim Durchschreiten wie ein Zeittunnel erlebt wird. Das Material als Speichermedium, der Umraum wie ein Film, die ästhetische Wahrnehmung vertraut-befremdend wie ein Traum – so will Kempinas Zeit erfahrbar machen. Und genau das ist dem Betrachter auch in der kleinen Hütte neben dem Österreichischen Pavillon möglich. Langsam zersetzt sich dort die Biomasse, die auf einem Brachland am Lido gemäht und immer wieder nachgefüllt wird. Verrottung als Inbegriff von Transformationsprozessen, mit allen Sinnen zu erleben. Hier herrscht kein Glamour, hier wird keine Revue aufgeführt, hier ist die pure Konzentration. Die Hütte allein, den eigentlichen Pavillon geschlossen – hätte das nicht völlig gereicht?