Kuratorischer Erfolg mit der Sammlung Ricke in Frankfurt

Gruppendynamisches Zwiegespräch

Daniel Kletke
27. Juli 2007
Feuilleton-Leser könnten im Sommer 2007 den Eindruck erlangen, das kuratorische Arrangeurshandwerk stehe unter Generalverdacht. Über die glücklose documenta 12 wird vor allem als willkürliche Rekombination der Werke geschimpft, deren Aufeinandertreffen weitreichenden Erkenntnisse eher behindere als befördere. Eine im Frankfurter Museum für Moderne Kunst von Udo Kittelmann kuratierte Ausstellung zeigt jedoch nun, dass es auch anders geht. Kittelmann, der eine unter dem vormaligen Direktor, Jean Christophe Ammann, im Frankfurter Museum für Moderne Kunst (MMK) eingeführte Sitte fortführt , bringt mit einer aus Kassel wohlbekannten Künstlerbesetzung sein Museum zum Sprechen. Einigen Künstlern widmet er ganze Räume oder Raumfluchten  stellt so ihr Werk anschaulich und plausibel vor. Anstatt aber ungezählte Positionen aneinanderzureihen, konzentriert er sich auf endlich viele Künstler, welchen man sich dann in der Ausstellung verbunden fühlt.  Der Dialog der Werke funktioniert. Er funktioniert freilich ohne die Gigantomanie des Kasseler Großereignisses. Dabei ist es aber einen zweiten Blick wert, warum in Frankfurt mit ähnlichen Mitteln gelingt, was in Kassel ein kuratorisches Debakel heraufbeschwört.

In Frankfurt treffen verschiedene bemerkenswerte Umstände zusammen, die den derzeitigen Parcours durch die ständige Sammlung zu einer wahren Freude und zu einem ästhetischen Erlebnis werden lassen. Es ist schon fast zwei Jahre her, dass die Sammlung Rolf Ricke als zusammenhängendes Konvolut auf den Markt kam (vgl. Jens Hinrichsen in artnet Magazin am 23.09.2005). Als Novum wurden die insgesamt 170 Arbeiten damals von drei Institutionen (MMK, St. Gallen und Liechtenstein) gemeinsam erworben, die sich paritätisch auch den Zugriff auf sie teilen. Was nun in Frankfurt aus diesem (Neu)-Ankauf ausgewählt und den Beständen (mehrheitlich mit nobler Ströher-Provenienz aus Darmstadt 1981 von der Stadt Frankfurt für das neu gegründete MMK akquiriert) zur Seite gestellt ist, hat formal, inhaltlich, künstlerisch und qualitativ allererstes Niveau.

Die Sammlung Rolf Ricke versammelt US-Kunst seit den Sechzigerjahren. Der Schwerpunkt liegt bei der Minimal Art, aber neben den Weltstars und geläufigen Namen wie Donald Judd, On Kawara oder Richard Serra sind auch originelle, meist frühe Werke von heute nicht Marktführenden und nichtsdestoweniger originellen Vertretern wie Gary Kuehn, Thom Merrick oder Lee Lozano darunter, die das Bild abrunden, ergänzen und einen immensen Spannungsbogen aufbauen: Hier hat ein Ausstellungsmacher Objekte zueinander in Beziehung gesetzt und Dialoge zwischen ihnen inszeniert, die spannungsvolle Einsichten vermitteln. Der eher weniger prominente Barry Le Va ist mit Cleaved Wall von 1969/70 vertreten und Keith Sonniers allseits bekannten Neonröhren gegenüber gestellt. Hier geht es um das Aneinanderreihen von Objekten ebenso wie darum, Alltagsgegenstände mit der Aura zu umgeben, Kunst zu sein. Hier werden Hackebeile in die Wand geschlagen und mit den evokativen Neonleuchten eines Sonniers konfrontiert.

Kittelmann lässt aber auch scheinbar fremdes miteinander kommunizieren, indem er beispielsweise eine wunderbare schwarze pyramidale Zikkuratform, auf der ein schwarzer Stuhl mit Chromgestell steht (Walter de MariaPyramid Chair 1969) den typisch ironischen Figuren von Hans-Peter Feldmann gegenüber stellt. Während de Maria archaische Urformen repliziert und anstelle des Tempels einen industriell gefertigten Stuhl auf den babylonischen Stufenturm stellt, hat Feldmann Michelangelos David und die Venus von Milet in mehrfach verfremdeter und höchst verkitschter Form in Gips repliziert. Beide Künstler schöpfen je auf ihre Weise aus dem Repertoire der uns umgebenden Bilderwelt und stellen Ikonen wie die heiligen Tempelanlagen in ihrem Anspruch auf Gültigkeit damit in Frage.

Ähnlich beeindruckend ist es, wenn der ältere Warhol Bestand - zusammengetragen von dem legendären Karl Ströher in Darmstadt zu Zeiten, als diese Kunst noch bezahlbar war - mit dem 1963 immerhin als ungeheuerlich geltenden Car Crash (fünfmal dasselbe miserable Zeitungsfoto eines grausamen Autounfalls als Siebdruck auf eine monumentale Leinwand kopiert) oder White Disaster II (1963) der eben produzierten und jüngst dem Bestand hinzugefügten, monumentalen Wandarbeit aus 2500 Tintenstrahlausdrucken von Simon Dybbroe Möller begegnet. Letztere nämlich nimmt die heute legendäre Ausstellung Black, White and Gray als Titel und zum Gegenstand, in welcher eine der damals umstritten-skandalösen Arbeiten Warhols, heute Bestandteil der MMK-Sammlung, abgebildet ist. Die so für sich selbst sprechenden Kunstwerke und die plausiblen Gegenüberstellungen aktueller Produktion mit heute klassischen Standpunkten tragen zu dem Kunsterlebnis und zur Horizonterweiterung bei, welche man auf der documenta (vgl. documenta 12 Dossier im artnet Magazin) leider allzu oft vermisst.

Mit Künstlern wie Lee Lozano und Gerhard Richter gibt es auch namentliche Übereinstimmungen zwischen documenta-Teilnehmern und MMK Parcours. Während in Kassel Gerhard Richters Bildnis der Tochter Betty von 1977 dem Bild Clash (1965) von Lee Lozano gegenüber gestellt ist und auch eine längere dazu gedruckte Exegese von Roger M. Buergel in der Süddeutschen Zeitung zu dieser Gruppierung nicht unbedingt überzeugt, zeigt Kittelmann Arbeiten der weitgehend in Vergessenheit geratenen Lee Lozano (1930-1999) im selben Raum mit der ebenfalls auf der documenta wieder entdeckten Charlotte Posenenske (1930-1985). Wie sich hier radikale Abstraktion in zweiter und dritter Dimension darstellen, wie hier zwei Künstlerinnen dem Vergessen entrissen werden und in ihrer kompromisslosen Sperrigkeit die Fragen der zeitgleichen Herrenriege durchdeklinieren, das lässt einen gänzlich unpathetischen Dialog entstehen und befördert Kittelmann/MMK in eine andere Liga als Buergel/documenta. Wo Buergel im Fall von Richter / Lonzano bei Betty auf Ulrike Meinhof und das Schlachtopfer rekurriert, das er den suprematistischen Wurzeln der Gemälde von Lee Lonzano gegenüberstellt (und, was hat das miteinander zu tun???) sagt Kittelmann gar nichts didaktisches, sondern er zeigt qualitätsvolle Kunst in seinem Kunstmuseum. Hier stehen nicht Diskurs und bedeutungsschwangere Exegesen im Raum, sondern es befindet sich überzeugend installierte Kunst an einem überschaubaren Ort. Wenn die Werke mit ihren Einzelstimmen so vernehmlich werden, scheint es, als  hätten sie überhaupt keine Fürsprecher nötig. Die notwendigen Voraussetzungen für dieses Zwiegespräch ist in Frankfurt freilich unübersehbar ein kuratorisches Verdienst.


Mehr im Dossier  documenta 12

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