Kurator als Trendberuf

Formgewordene Attitüden

Ludwig Seyfarth
22. August 2011

Was ist das eigentlich, ein Kurator? Diese Frage wird von Menschen, die mit dem Kunstbetrieb nicht vertraut sind, des Öfteren gestellt. Früher war sie einfach zu beantworten: ein „Ausstellungsmacher“. Das klingt schlicht und handwerklich, aber auch einflussreiche, international agierende Persönlichkeiten nannte man so. Als „der“ Ausstellungsmacher galt lange Zeit der Schweizer Harald Szeemann. Weltberühmt geworden 1972 als Leiter der vielleicht wegweisendsten, der fünften documenta-Ausstellung und bereits 1969 mit der legendären Schau „Live in your head: When Attitudes become Form“ als Pionier einer neuen Form der Inszenierung gefeiert, bewies er bis zu seinem Tod 2004 einen unübertroffenen Riecher bei der Suche nach neuen Talenten. Auch wusste er seinen „Hang zum Gesamtkunstwerk“ bedeutsam mit mythischem Raunen zu untermalen.

Heute gibt es nicht viele charismatische Kuratoren wie Szeemann, aber kaum jemanden in der Kunstszene, keinen Künstler, Kritiker, Sammler, Galeristen, Kunsthistoriker, der nicht zumindest punktuell als „Kurator“ auftritt. Entweder ernennt man sich selbst dazu oder man wird, beim Small Talk auf irgendeiner Eröffnung, als „Kurator“ vorgestellt und belässt es dann in Zukunft auch dabei. Doch Ausstellungen machen allein reicht nicht. So ist der umtriebigste Kurator unserer Zeit, Hans-Ulrich Obrist, fast weniger durch die von ihm verantworteten Schauen berühmt als durch seine mehrtätigen Interviewmarathons mit diversen Künstlern und Kunstvermittlern oder seine umfangreiche Publikationstätigkeit. Ihn deshalb als Kritiker oder Autor zu bezeichnen, würde die Sache aber nicht treffen, denn einen nennenswerten monografischen oder thematischen Aufsatz hat Obrist nie verfasst. Oder ist er eine Art theoretischer Performancekünstler?

Die originellste Antwort auf die Frage, was ein Kurator heute denn sei, stammt von einem anderen einflussreichen Vertreter des Gewerbes, dem Mexikaner Cuauhtémoc Medina. Der Kurator sei eine Art Frankenstein‘sches Monster, ein zusammengeflicktes Konglomerat verschiedener Berufe, für die er in den meisten Fällen keinerlei professionelle Ausbildung besitzt: Kunstkritiker, Fundraiser, Kenner, Künstler, Händler, Kulturpolitiker, Museumsgestalter, Archivar, Impresario, Historiker, Aktivist, Theoretiker, Fan, Sekretär und Sparringspartner. Insofern sei der Kurator in seiner heutigen vielgestaltigen Ausprägung ein typisches Produkt der Postmoderne, eine multiple Persönlichkeit ohne stabile Identität, beispielhaft für die „Entprofessionalisierung“, für das Gegenteil des akademisch Erlernbaren.

Aber dabei kann man es natürlich nicht belassen. Einfach so kuratieren geht nicht. Schließlich bewegt man sich im gesellschaftlichen und politischen Raum und muss das eigene Handeln reflektieren. Eine unüberschaubare Anzahl an Symposien und theoretischen Publikationen zeugt davon. „Kaum eine Woche vergeht, ohne dass ein Artikel über die Figur des Kurators erscheint, meistens wird darin das Kuratieren kontrovers beschrieben und vor allem als neue und mächtige Form kultureller Autorschaft situiert“, schreiben Dorothee Richter und Barnaby Drabble in der aktuellen neunten Ausgabe des von ihnen herausgegebenen Online-Magazins „On Curating“.

Über die vermeintliche Macht des Kurators wollen viele Menschen verfügen, worauf Kunstakademien und kunsthistorische Institute zunehmend reagieren. Sie haben ein- bis mehrjährige Master- und Aufbaustudiengänge eingerichtet, um kuratorisches Rüstzeug in Theorie und Praxis systematisch zu vermitteln. Im deutschsprachigen Raum gibt es solche Angebote unter anderem in Berlin, Leipzig, Frankfurt, Zürich, Wien und Bochum.

Die „Kulturen des Kuratorischen“, denen man sich an der Hochschule für Grafik und Buchkunst Leipzig verschrieben hat, versuchen dem Frankenstein‘schen Patchwork mit einem breiten Horizont gerecht zu werden. In der offiziellen Beschreibung des Studiengangs klingt das so: „Das Kuratorische versteht sich (...) als eine kulturelle Praxis, die über das Ausstellungsmachen selbst deutlich hinaus geht und  sich zu einem eigenen Verfahren der Generierung, Vermittlung und Reflektion von Erfahrung und Wissen entwickelt hat.“

Beim Postgraduate Programme in Curating an der Hochschule für Gestaltung und Kunst Zürich wird das Terrain schon etwas praxisorientierter eingegrenzt: „Ausstellungsmachen oder Kuratieren heißt, durch interdisziplinäre Zusammenarbeit innovative Strukturen für die Präsentation kultureller Artefakte zu schaffen. Kunst, digitale Medien, Design und Architektur greifen neuartig ineinander.“ Oft klingen die Studienangebote eher nach einer Ökonomie denn nach einer Kultur des Kuratorischen. Und was das spezielle Kuratorenstudium von dem allgemeineren des Kulturmanagements unterscheiden soll, wird selten deutlich.

Kulturmanager jeder Art ohne kuratorische Erfahrung können sich diese auch effizienter aneignen, wenn sie an der Universität der Künste Berlin für 2.400 Euro einen viermonatigen Crashkurs belegen, wie er ab dem 19. September zum vierten Mal stattfinden wird. Danach erhält man sogar ein offizielles Hochschulzertifikat: „Der Kurs vermittelt themenrelevantes Wissen in Geschichte und Theorie, Kompetenzen in der vergleichenden Analyse von kuratorischen Ansätzen und in der methodischen Entwicklung einer Ausstellung. Erfahrene Fachdozentinnen und -dozenten bieten den Teilnehmerinnen und Teilnehmern anspruchsvolle und praxisorientierte Bildungsinhalte. Expertengespräche, Beratung und Besuche von Ausstellungsorten des internationalen Kulturstandortes Berlin runden das Angebot ab.“

Man mag da überall etwas mitnehmen, aber auch Cuauhtémoc Medina betont: Kein systematisches Studium kann das Kuratieren „lehren“ und garantieren, dass die Teilnehmer danach auch wirklich fähig sind, gute Ausstellungen zu machen. Trotz allem bleibe das Kuratieren ein „Paradies des Improvisierten“. Der ungelernte Frankenstein könne künstlerisch und für den kritischen Diskurs ebenso wichtig sein wie der Kurator mit Doktortitel.

Wie Maria Lind und Paul O’Neill in einem in „On Curating“ publizierten Gespräch betonen, leide die Kunstwelt unter einer merkwürdigen Amnesie, was die lange und vielfältige Geschichte kuratorischen Experimentierens betrifft. Dem versuchen Dorothee Richter und Barnaby Drabble schon seit 1998 nicht nur publizistisch, sondern auch mit ihrem „Curating Degree Zero“-Archiv entgegenzutreten, das der Erforschung, Präsentation und Diskussion der Tätigkeit freier Kuratoren, Künstler-Kuratoren, Kuratoren für neue Medien und kuratorischer Kollaborationen dient. Der von ihnen forcierte Begriff des „kritischen“ Kuratierens meint ein Vorgehen, das sich selbst immer wieder reflektiert und sich nicht darin erschöpft, institutionelle oder politische Vorgaben umzusetzen. based in Berlin etwa, die Kollaboration aus drei Über- und fünf Jungkuratoren, die einen Etat von rund 1,5 Millionen Euro zu einer weitgehend an einen Akademierundgang erinnernden „Leistungsschau“ mit „junger“ Berliner Kunst verbraten hat, wird mit Sicherheit nicht in die Geschichte interessanter Ausstellungsexperimente eingehen. Aber andere Ereignisse dieses Jahres auch nicht. Was Bice Curiger auf der diesjährigen Biennale von Venedig zustande gebracht hat, ist trotz des höheren Niveaus der einzelnen Arbeiten strukturell nicht viel besser.

Wenn es eine Art goldene Himbeere für kuratorische Fehleistungen gäbe, wäre die Ausstattung „Geheimgesellschaften“ preiswürdig, die alle möglichen Werke, die entfernt mit Spiritualität und hermetischem Denken zu tun haben, unter diesem Stichwort ohne weitere Erläuterungen in den schmalen Sälen der Frankfurter Schirn Kunsthalle zusammenpfercht.

Für ein inhaltlich erfolgreiches Kuratieren braucht man eine erkennbare Leitlinie bei der Auswahl der Künstler und Präsentation der Werke und nicht nur ein Stichwort, das gerade en vogue ist oder, wie bei based in Berlin der Begriff der „Leistungsschau“, den Wowereit irgendwo aufgeschnappt hat. Damit der zumindest ein bisschen versteht, was er da angerichtet hat, sollte er vielleicht einmal für vier Monate an der UdK die Schulbank drücken.


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