Kunstszene Shanghai

Shanghai Everest

Uta Grosenick
22. August 2006
Auch wenn Peking als das Zentrum der jungen Kunst in China gilt, so ist das knapp zwei Flugstunden entfernte Shanghai gerade dabei, mit einer Reihe von beeindruckenden Institutionen und Veranstaltungen den Vorsprung der Hauptstadt wettzumachen.

In Shanghai gibt es allein vier Museen, die sich der zeitgenössischen Kunst widmen. Das Shanghai Art Museum in der 325 Nanjing Road ist in einem historischen Gebäude untergebracht, das vormals Sitz des eleganten „Horse Racing Club“ war. Auf fünf Etagen werden jeweils mehrere Wechselausstellungen gezeigt. Das Museum of Contemporary Art (MOCA) liegt mit seinem futuristischen Glashaus mitten im People's Park (231 Nanjing Road) und hat sich auf innovative chinesische und internationale Kunst und Design spezialisiert. Das 2003 eröffnete, multi-funktionale Duolun Museum of Modern Art in der 27 Duolun Road, einer Straße in der im 20. Jahrhundert bedeutende Literaten und Künstler ansässig waren, versteht sich als das erste professionelle Museum für zeitgenössische Kunst in China und als Plattform für den internationalen Austausch für junge Kunst. Im Stadtteil Pudong im Firmenhochhaus des Immobilienunternehmens Zendai liegt das Zendai Museum of Modern Art (Zendai Thumb Plaza, 199 Fangdian Road). Es will die zeitgenössische chinesische Kunst und ihre Entwicklung unterstützen und ein Forum für ihren Dialog mit ausländischer Kunst sein.

In diesem Jahr wird vom 5. September bis 5. November die 6. Internationale Shanghai Biennale unter der künstlerischen Leitung von Zhang Qing und seinem Kuratorenteam stattfinden. Unter der Oberhoheit des chinesischen Kulturministeriums und der Stadtverwaltung von Shanghai wird sie vom Kunstmuseum und vom Kulturbüro der Stadt als Teil des Shanghai International Art Festival ausgerichtet und soll Shanghais Bedeutung als „Tor zum Westen“ auf den Kunstbereich ausweiten - daher sind seit 2000 auch ausländische Kuratoren und Künstler zugelassen. Vor allem aber soll die Biennale eine internationale Plattform für die Selbstdarstellung Chinas und Shanghais sein. Im Anschluss an die Biennale öffnet zudem die 10th Shanghai Art Fair vom 15. bis zum 19. November ihre Pforten. Im Jahr 2005 konnte sie über 260 nationale und internationale Galerien als Aussteller verzeichnen.

Wer auf den Pfaden der schon angesagten und der noch zu entdeckenden jungen chinesischen Kunst wandeln will, der sollte dazu in die 50 Moganshan Road fahren. Kurz als M 50 bezeichnet existiert dort ein ähnliches Viertel wie das Galeriengebiet 798 Dashanzi Art District in Peking und bietet zahlreiche Galerien, Ateliers und Showrooms von Künstlern, in denen man teilweise auch direkt Arbeiten erwerben kann. Modemacher, Designer und Architekten sind auf dem Gebiet ebenfalls ansässig. Während man sich in Peking auf dem Areal eines ehemaligen Munitionswerks in den rechtwinkligen Straßen von 798 gut zurechtfindet, irrt man auf M 50 durch ein verschlungenes Labyrinth von engen Gässchen und maroden Gebäuden, die bis zum Jahr 2004 zu einer Fabrikanlage gehörten. Ständig kann man hier neue Entdeckungen machen - denn die Besitzer der manchmal nur dürftig, manchmal auf Hochglanz renovierten Räumlichkeiten wechseln entweder gleich selbst in andere Gebäude oder den Stil ihrer Artefakte.

Nicht versäumen sollte man die Galerie Shine Art Space (Block 950). Sie vertritt einige der angesagtesten jungen chinesischen Maler, deren hyperrealistische oder an Pop-Art erinnernde Darstellungsweise hoch im Kurs steht. Auch sollte man sich die non-profit Ausstellungshalle BizArt (Building 7) ansehen, die kürzlich in zwei Hälften geteilt wurde, um ein Artist-in-Residence- Programm zu etablieren und den Künstlern Arbeitsfläche zur Verfügung zu stellen. Mit einem Lastenaufzug gelangt man in den 4. Stock und steht sogleich zwischen den experimentellen und zugleich ambitionierten Exponaten.

Besonders lohnenswert ist die Besichtigung der Galerie ShanghART (Building 16 im M 50), die mit den über 30 von ihr vertretenen chinesischen Künstlern zu den ersten und besten Galerien Chinas gehört. Ihr Schweizer Gründer Lorenz Helbling zog 1988 nach Hongkong, studierte dort Kunst- und Filmgeschichte und bereitete so die Eröffnung der Galerie vor, die in diesem September ihr 10-jähriges Bestehen feiert. Die verschachtelten Räume erinnern eher an ein „Warehouse“ als an einen „White Cube“. In genialem Durcheinander stehen und hängen Bilder, Fotografien und Objekte im Raum - teilweise noch verpackt, teilweise ohne Beleuchtung. Dazwischen versucht die Galeriedirektorin Laura Zhou gleichzeitig in ihr Handy und mit den immer neu ankommenden Besuchern zu sprechen.

Mehr Kontemplation bietet der 2005 von ShanghART noch zusätzlich eröffnete Space H (Building 18). Die 700 Quadratmeter große Halle eignet sich hervorragend für thematische Ausstellungen. Bis April 2006 war dort die Installation 8848-1,86 von Xu Zhen zu sehen: Im August 2005 kletterte der Künstler mit seinem Team auf den höchsten Berg der Erde, den Mount Everest, dessen Höhe mit 8.848 Metern angegeben wird. In einem dokumentarischen Video in englischer Sprache mit chinesischen Untertiteln erklärt und zeigt er uns, wie er und seine Mannschaft einen genau 1,86 Meter (seiner eigenen Körpergröße entsprechenden) großen Eisblock mit Spezialsägen vom Gipfel abtrennen und durch heftigen Wind und Eiseskälte ins Tal transportieren. Gleich am Eingang von Space H wird der schneebedeckte amputierte Gipfel in einem riesigen Glaskasten präsentiert. Dazu sind im ganzen Raum Teile der Expeditions-Ausrüstung wild verstreut: Zelte, Schlafsäcke, Stiefel, Jacken und Mützen, Gaskocher und Eispickel, Kettensägen, Seile, Gurte und vieles mehr. An den Wänden hängen belanglos gemischt die beeindruckenden Fotos aus dem Himalaya-Gebirge, Landkarten und Notizzettel. Der 29-jährige Chinese Xu Zhen will dem erstaunten Publikum - das den Wirklichkeitsgehalt dieser Aktion genauso hinterfragen wird wie die tatsächliche Höhe des Mount Everest - den Glauben der Menschen an Fakten und eine universelle Wahrheit bis zur Lächerlichkeit vor Augen führen. So beweist uns Xi Zhen, dass Glaube und Zweifel immer von Normen, Größe, Realität und Grenzen geprägt sind.


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