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Kunstszene Oslo

Leinen los!

Gesine Borcherdt
22. Juni 2012

Eigentlich sehen so Empfänge von hanseatischen Kaufleuten aus. Im verglasten Rund von Oslos neuer Halbinsel Tjuvholmen – eine totschick durchdachte Version vom Potsdamer Platz, gebettet ins Fjordwasser – stehen gut gebaute Menschen in Anzügen, mit Einstecktuch, seidigen Kleidern und einem breiten Grinsen im Gesicht. Die gute Laune hat nicht nur mit der farbenfrohen Ausstellung von Tal R zu tun, der hier gerade seinen Einstand feiert. Atle Gerhardsen und Nicolai Gerner-Mathisen, zwei Norweger aus Berlin, haben hier eine Dependance ihrer Galerie Gerhardsen Gerner eröffnet – und zeigen nun Künstler wie Olafur Eliasson, Julian Opie oder eben Tal R, die anderswo längst vergeben sind. Warum? Weil die Kaufleute hier tatsächlich kaufen. Und dabei auch noch frisch gebräunt aussehen.

Kein Wunder. Norwegen ist so etwas wie der Garten Eden des Erdballs: Erdöl statt Euro, höchster Lebensstandard der Welt und fast Vollbeschäftigung. Eine florierende Fisch- und Flottenindustrie und das erste Land mit Frauenquote. Hier hat man Sommerhaus und Winterhütte, rechnet Überstunden penibel ab und verbringt die Wochenenden nicht am Rechner, sondern mit Segeln oder Skifahren. In Oslo, der sehr sauberen Hauptstadt mit rund 600.000 Einwohnern, wird am Zebrastreifen gehalten und Krankenwagen hinterher geschaut. Am Nationalfeiertag steigt man in ländliche Trachten und frönt dem Lokalpatriotismus. Und seit dem Attentat vom 22. Juli 2011, als Anders Breivik 77 Menschen ermordete, begrüßt man Fremde sogar noch freundlicher als sonst. In solch einer heilen Welt, möchte man meinen, ist nur wenig Platz für Kunst.

Weit gefehlt. Nicht erst, seit der Reeder Petter Olsen im Mai 2012 seinen Schrei von Edvard Munch bei Sotheby’s einreichte, der mit 120 Millionen US-Dollar einen neuen Preisrekord aufstellte, ist Oslo in Sachen Kunst einen Seitenblick wert. Plötzlich ziehen Galerien um und zu, Offspaces und Kunsthallen vermehren sich zusehends, und Museen holen sich neue Mitarbeiter aus dem Ausland. Die vorläufige Krönung: Am 29. September 2012 eröffnet das Astrup Fearnley Museum einen riesigen, hellhölzernen Neubau von Renzo Piano am Zipfel von Tjuvholmen. Ein Museum für zeitgenössische Kunst, mitten im Wohn- und Bürodistrikt? Direktor Gunnar Kvaran nickt so eifrig, dass seine rotblonde Fönfrisur wippt. „Die Stadt finanziert das Museum, und wir bringen Inhalt und Infrastruktur“, erklärt der Isländer den Deal. In den letzten zwölf Jahren hat er das Haus zu einem der größten Privatmuseen für – vornehmlich US-amerikanische – Gegenwartskunst in Europa gemacht. Namenspatron Hans Rasmus Astrup, der aus einer alten Sammlerfamilie stammt, hatte in den Neunzigern auf Großformatiges von Matthew Barney, Jeff Koons oder Cindy Sherman gesetzt – und, so Kvaran, „in die Tiefe gesammelt, statt wie andere Museen nur Einzelstücke zu kaufen.“

Astrups Mann im Ohr war damals Atle Gerhardsen, der nun in seiner Galerie gleich nebenan eine Grande Dame zur Direktorin gemacht hat: Marina Gerner-Mathisen führte jahrelang ihre eigene Galleri MGM, bevor sie letztes Jahr entschied, ins Geschäft ihres Sohnes Nicolai einzusteigen. „Man hat uns ein gutes Angebot gemacht“, meint auch sie auf die Frage, weshalb die Kunst in dieses Umfeld zieht. „Eine Jury hat einige Galerien ausgewählt, die gleich beim Museum Quartier beziehen dürfen.“ Die anderen, etwa Brandstrup oder Stolper & Friends, an der auch Magne Furuholmen teilhat – Künstler und Keyboarder von Norwegens Ex-Pop-Band a-ha – müssen ein paar Schritte weiter zwischen die steilen Fassaden der Hauptstraße ausweichen. Für letztere hat der britische Pop-Art-Veteran Peter Blake norwegische Postkartenmotive zu Collagen verarbeitet. Prompt schlug der schwedische Kurator und Museumsmann Sune Nordgren für The Thief zu: Ein Hotel, das nächstes Jahr auf Tjuvholmen eröffnet und mit Kunst bestückt wird, darunter Leihgaben des Astrup Fearnley Museum.

„Uns hat man auch gefragt, ob wir dabei sein wollen“, sagt Kristin Elisabeth Bråten von der Galleri Riis und legt den Kopf schief. Neben dem Kunsthändler Peder Lund – der wiederum gerade rüberzieht – hat sie sich in einen Containerbau im Gewerbegebiet nebenan eingemietet, mit Tjuvholmen direkt vor der Nase. „Aber wir bleiben lieber hier, bis das Gebäude abgerissen wird.“ Die Galerie, die vor allem skandinavische Künstler zeigt, hat zudem gerade eine Dependance in Stockholm eröffnet. Auch die Galleri K, eine der mächtigsten Galerien der Stadt, mit mehreren deutschen Künstlern wie Thomas Demand, Andreas Gursky und Michael Sailstorfer im Programm, bleibt vorerst da, wo sie ist: Im Westen der Stadt, wo prächtige Altbauten mit Blumenläden den Besucher ins wohlsituierte Idyll lenken. Ein paar gefegte Gassen weiter sitzt OSL contemporary in einer alten Feuerwache und profitiert vom Ruf von MGM, aus der sie letztes Jahr hervorgegangen ist und nun Vibeke Tandberg und A K Dolven vertritt.

Doch Oslo kann auch anders. An einer rauen Straße irgendwo hinter Grünerlokka, dem Prenzlauer Berg der Stadt, pflegt neuerdings die Galerie Standard (Oslo) ihr cooles Understatement. Von einem winzigen Eckladen nahe der Uni ist sie in ein renoviertes Hinterhoflager aufgestiegen. „Wir wollten an einem neutralen Ort sein“, heißt es dort, in vollem Bewusstsein, dass Direktor Eivind Furnesvik hier 2006 mit Konzept-Hotties wie Simon Denny und Alex Hubbard einen ungewöhnlichen Senkrechtstart hingelegt hat, der bis heute in aller Welt Wellen schlägt. Im Moment bespielt der documenta-Künstler Matias Faldbakken noch beide Räume – hier mit einem Kühlschrank, der sich über den Kellereingang stemmt, dort mit Lianen aus Klopapier – bevor er die alte Galerie als Atelier übernimmt.

Faldbakken ist einer von Norwegens international bekannten Künstlern, der wie Mette Tronvoll und Knut Åsdam in Oslo lebt. Auch Vibeke Tandberg zieht gerade von Berlin nach Hause zurück, und A K Dolven ist neben der Hauptstadt mit einem Bein abwechselnd in London und auf den Lofoten. Norwegen bindet seine Künstler besonders stark an sich – Einzelgängertum ist praktisch nicht drin. In fröhlicher Gruppendynamik bespielt man hier auf Staatskosten Offspaces, von denen selbst Insider noch nichts gehört haben: Vor allem im Osten der Stadt, da, wo gar nichts mehr so geschniegelt aussieht, wo Frauen Kopftücher und Männer gehäkelte Gebetsmützen tragen. Dorthin hat sich die Initiative 1857 vor zwei Jahren hinter das Schaufenster einer schmuddelgrünen Fassade verirrt. Momentan parkt hier ein Motorrad, mit dem der Amerikaner Darren Bader der Frage nachgeht „Where is a bicycle’s vagina“ – und sie in der hinteren Halle, einem ehemaligen Holzlager, mit Fahrrad, Auto, Nudelsuppen und Kickertisch mit Shrimpshaufen auf dem Spielfeld weitertreibt. Ihr Ziel, Oslo zur hippen Station von Künstler-CVs zu machen, hatten Stian Eide Kluge und Steffen Håndlikken schon erreicht, als sie gleich in der ersten Show Starlets wie Timothy Furey, Haegue Yang und Falke Pisano zu sich einluden.

Pink Cube, eine Straße und zwei verlotterte Hinterhöfe weiter, ist dagegen kaum zu finden: Kein Schild an der schmalen Fassade, hinter der sich ein Gängelabyrinth aus Stahltüren eröffnet. Wer Glück hat, landet in einem rosa Raum, in dem mindestens zwei Künstler einen Kampf austragen – so hat es sich die Initiatorin Anja Carr jedenfalls gedacht, wenn sie etwa Jacqueline Forzelius gegen Sara Christensen antreten lässt, die das Ganze in ein psychedelisches Jugendzimmer verwandeln. Seit Anfang 2011 stehen hier vor allem norwegische Künstler im Ring, dessen Wände angeblich mit Körperflüssigkeiten bemalt sind.

Ähnlich schräg geriert sich Tidens Krav: In einer Seitenstraße nicht weit vom Bahnhof, wo Ramschläden mit Erotikeinschlag die Straße säumen, hört ein junges Künstlerquartett schon einmal Ausstellungsvorschläge von der Mailbox ab und juriert die sieben besten Ideen, die nun noch bis Herbst zu sehen sind – und sei es nur durchs Schaufenster, denn mit Öffnungszeiten nimmt man es bei keinem der Artist Spaces so genau.

Womit wir bei einem weiteren Stichwort wären: Jurys. In keinem anderen Land der Welt verbringen Künstler offenbar mehr Zeit in Sitzungen als im Atelier. Fast alle Institutionen Oslos sind basisdemokratisch geführt, Künstler wählen Künstler, die wiederum einen Kurator wählen – der dann aber erstaunlicherweise nicht sie oder ihre Freunde ausstellen muss, zumindest nicht bei den besseren Adressen. „Das ist zwar auch schon vorgekommen“, erzählt Mats Stjernstedt, Direktor vom Kunstnernes Hus, das seit 1930 dieser Struktur folgt. Es zählt zu Norwegens wichtigsten Institutionen, allein schon wegen der jährlichen Herbstausstellung (natürlich ebenfalls von einer Jury kuratiert). „Aber wir haben von Beginn an mit Ausstellungen von Paul Klee, Jackson Pollock oder Felix Gonzalez-Torres auch hochkarätige internationale Ausstellungen gemacht“, sagt der Schwede lächelnd, der seit Februar letzten Jahres hier ist. Seine jetzige Ausstellung, Transgender-Malerei von Sylvia Sleigh, zählt da eher zu den sperrigeren Momenten. Dass sich im hinteren Teil des eleganten Backsteinbaus Ateliers befinden – für Stipendiaten und solche, die Künstler spontan nutzen können und sich dabei von Besuchern über die Schulter schauen lassen – ist zwar etwas gewöhnungsbedürftig: Letztes Jahr gaben sich rund 300 Künstler die Klinke in die Hand. Doch es hat den Reiz, dass Kuratoren hier nie den Blick auf die Basis verlieren.

Zumal die Basis selbst höchst aktiv ist: Der Künstlerverbund UKS, gegründet 1921, als Norwegen noch ein armes Land am Rande der Welt war und man noch Kunst gegen Waren eintauschte, leitet heute in einer kleinen Lagerhalle nicht nur exzellente Ausstellungen in die Wege – wie gerade Mai Hofstad Gunnes‘ reduzierte Reflexion über Aby Warburgs Reisebericht zu Schlangenritualen. Sondern er versteht sich als Lobbyplattform, die die politischen und wirtschaftlichen Rechte der Künstler vertritt. Das dürfte gerade jetzt wieder wichtig werden.

„Im Moment wird im Kulturbereich umstrukturiert“, sagt Stephanie von Spreter, die seit letztem Jahr die Fotogalleriet leitet und ebenfalls Stipendiaten unter ihrem Dach werkeln lässt. Die ehemalige Projektleiterin der Berlin Biennale hat sich inzwischen durch das System der staatlichen Kunstförderung gebissen und resümiert, dass zwar der Verbandsgedanke weiterhin die Kunstlandschaft eint, aber neuerdings eingespart und vereinfacht wird. „In diesem Jahr gibt es zum letzten Mal ein Stipendium auf Lebenszeit. Bisher bekamen an die 500 Künstler rund 215.000 Kronen pro Jahr als Garantieeinkommen, wenn sie hier Steuern zahlen“, erzählt die Mutter von zwei Kindern, die im neunten Monat ihrer Schwangerschaft zum Vorstellungsgespräch kam. Hier ist es wieder, das norwegische Paradies.

„Es war eine sehr gute Entscheidung, hierher zu kommen“, meint auch Sabrina van der Ley, lacht und zieht an ihrer Zigarette. Die frühere Leiterin des art forum berlin und der Hamburger Galerie der Gegenwart zog ebenfalls 2011 nach Oslo – als Direktorin für zeitgenössische Kunst am Nasjonalmuseet. „In Deutschland ist vieles schon gemacht worden, aber hier kann man Themen und künstlerische Positionen neu anfassen.“ Was sie mit ihrer Antrittsausstellung „Unfinished Journeys“ elegant demonstriert. Anregung dafür war die poetisch dichte, 9-teilige Videoinstallation Ten Thousand Waves von Isaac Julien, die das Museum angekauft hatte – und nun weitere Käufe nach sich zog: Dass van der Ley gleich mehrere großsperrige Ausstellungsstücke erwerben konnte, unter anderem von Knut Åsdam oder Marine Hugonnier, ist ein Zustand, von dem die meisten Museumsleute in Deutschland nur träumen können – ebenso wie von den jährlich 700.000 Euro gesichertem Grundausstellungsetat und 1,6 Millionen Euro für Ankäufe im gesamten Nasjonalmuseet, von denen etwa die Hälfte für Gegenwartskunst ausgegeben wird. 2018 soll ein Neubau eröffnen – passenderweise muss man momentan fürs Zeitgenössische noch in die ehemalige Bank.

Gleich um die Ecke hat der Kunstverein, Oslo Kunstforening, wiederum eine Schwedin ins Land geholt: Marianne Hultman versucht hier, in einem romantischen Türmchen zwischen Rathaus und Hafen, Oslo an den Rest der Welt anzudocken – momentan mit dem libanesischen Filmkünstler Ahmad Ghossein, der schon bei der Berlinale dabei war. Und nicht weit davon – in einem weiteren komplett neuen Glas-Stahl-Bezirk am Bahnhof namens Bjørvika – gibt es seit letztem Jahr die Kunsthall Oslo: Auch Direktor Per Gunnar Eeg-Tverbakk will in bester sozialkritischer Tradition die Stadt mit junger Kunst an die globale Szene anbinden. Der Bezug zu Oslo spielt hier immer wieder eine Rolle, etwa mit dem sechsmonatigen Projekt „I don’t see the sea from where I live“ – gerade läuft dazu ein Filmessay von Harald Østgård-Lund über die Folgen eines Autobahnbaus im Süden der Stadt.

Dass Oslo in Kunstdingen gerade kräftig aufholt, hat auch mit der neuen Oper zu tun. Seit vier Jahren treibt sie wie ein Eisberg im Hafenbecken – flankiert von Monica Bonvicinis schwimmender Glas-Stahl-Skulptur She lies: eine Hommage an Caspar David Friedrichs Eismeer, auch genannt Die gescheiterte Hoffnung. Davon kann in Oslo allerdings keine Rede sein. Am Wasser ist fast überall Baustelle, und manche Einheimischen wundern sich, was hier eigentlich gerade los ist: „Mit der neuen Oper ist so viel passiert, ich weiß gar nicht mehr, wie ich am besten zum Hafen komme“, lacht die Empfangsdame des nahe gelegenen Bürobaus, in dem früher das Astrup Fearnley Museum untergebracht war. Sie strahlt und zuckt die Schultern, wirklich neugierig ist sie nicht auf die Veränderungen. Trotzdem, ob es nun die Neugestaltung der Wasserfront war, aus der auch Tjuvholmen entstand, die starke Währung oder das Bedürfnis nach „go global“: Der Seemannsknoten, mit dem die Stadt bisher etwas selbstgenügsam im eigenen Fjordwasser dümpelte, hat sich gelöst. Jetzt schiebt sich ein Naturparadies mit voller Kraft auf die Kunstlandkarte. Und wenn dabei jede Menge Glas und Stahl herauskommt, so nimmt man das eben sportlich.

Weitere Ausstellungsinformationen finden Sie hier.


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