27. Oktober 2011
„Dream and Reality. Modern and Contemporary Women Artist from Turkey“ – Istanbul Modern, Istanbul. Vom 16. September bis 22. Januar 2012
12. Biennale Istanbul – Vom 17. September bis 13. November 2011
Istanbul ist die Stadt der Zukunft. Spätestens seit der diesjährigen Biennale, die in ihrer 12. Ausgabe zum globalen Herbsthighlight wurde, weiß die Kunstwelt, wohin in den nächsten Jahren Künstler und Kuratoren streben werden. Neben der international umrankten Top-Veranstaltung wühlen jede Menge lokale Kräfte die Metropole auf – darunter eine Reihe junger türkischer Künstlerinnen, die in der Schau „Dream and Reality“ im Museum Istanbul Modern ausstellen, das prominent im Zentrum neben den Biennalehallen am Bosporus liegt.
Eines der 74 Werke hier ist die Videoarbeit von Şükran Moral. Die 1962 geborene Künstlerin studierte in Ankara und Rom und ist für ihre provokativen Performances bekannt. Für Bordello trat sie 1997 als Künstlerin und Prostituierte in einem türkischen Bordell auf – ihren Körper setzte sie damit für Konsumkritik ein, was in ihrer Heimat nicht ganz ungefährlich ist. „Ich habe Angst und bin sehr vorsichtig geworden“, erzählt Moral und schließt die Tür zu ihrem Studio auf, das mit mehreren Schlössern und einer Alarmanlage gesichert ist. An ihr lässt sich festmachen, wie schwierig es auch im modernen Istanbul noch ist, Kunst zum Thema „Gewalt gegen Frauen“ zu machen. Im Dezember 2010 erhielt sie Todesdrohungen nach einer Performance, für die sie Liebesspiele mit einer anderen Frau auf einem Bett in der Istanbuler Casa Dell’Arte vollzog. Doch sie lässt sich nicht abschrecken, wie ihre neueste Videoarbeit, die sie im Atelier zeigt, beweist: Darin heiratet sie in einem kurdischen Dorf nach traditionellen Riten gleich drei Männer – wie es sonst dort Männer mit sehr jungen Frauen tun.
Überhaupt drängt die neue Künstlergeneration der Türkei zur Gesellschaftskritik. Huri Kiris (Jg. 1979) wurde mit ihrer riesigen Porträt-Installationon Ayşe Paşali bekannt, die von ihrem Ex-Ehemann nach zwölf Morddrohungen auf offener Strasse hingerichtet wurde: In einem überdimensionierten Ölbild ist Paşalis zerschlagenes Gesicht zu sehen, wie es in der türkischen Presse abgebildet war – dem gegenüber hat die Künstlerin eine Altarkonstruktion gesetzt. Der Prozess gegen den Ehemann war in der Presse stark diskutiert worden; er gilt als Musterfall zum Schutz der Frauen gegen männliche Gewalt in der Türkei.
Auch der junge Şevket Sönmez (Jg. 1978) greift die Themen Gewalt, Vertreibung und Identität auf. Sönmez ist bulgarischstämmiger Türke, seine Familiengeschichte von Unterdrückung und Vertreibung geprägt: Das kommunistische Regime Bulgariens hatte 1989 360.000 Türken ausgesiedelt, wodurch ganze Landstriche und Städte verwaisten. Nun wandert Sönmez zwischen den Welten, lebte in Paris und Leeds, spricht fünf Sprachen fließend und möchte sich, wie er eindringlich erklärt, „von seinem Pass befreien“ – sein Verständnis von Identität beruhe nicht auf Nationalität. Ähnlich geht es Raycho Stanev (Jg. 1978), Bulgare aus Sofia, der ebenfalls weltweit vernetzt ist. Während der Eröffnung der Biennale war er zu Gast im Istanbuler Apartment-Project – eine renommierte Künstlerinitiative mit Ausstellungen, Performances und Workshops, die 1999 von der Künstlerin Selda Asal (Jg. 1960) gegründet und 2009 im Berliner Kunstraum Kreuzberg in der Ausstellung „Istanbul Off Spaces“ vorgestellt wurde. In Istanbul stellte Stanev nun seine Sound-Installation The Great Excursion vor: Der Künstler und andere Betroffene tauschen sich darin über ihre Erfahrungen als diskriminierte Minderheit aus.
Längst bahnt sich die Kunst in Istanbul überall ihre Wege. Im Akmerkez, einem der feinsten und größten Einkaufszentren der Stadt, findet bereits seit 2003 auf Initiative der Galerie Tunca Sanat eine Übersichtsschau mit dem Titel „Genç Karma/Collaboration of Young Artists“ mit über siebzig Künstlern statt. „Die Ausstellung ist an menschlichen Bedürfnissen orientiert und spiegelt gleichzeitig die Vielfalt der türkischen Kultur“, so die Kritikerin und Kuratorin Nilgün Yüksel im Katalog.
Doch nicht nur von Künstlern und Kuratoren kommen die Impulse. Eine zentrale Rolle spielen in Istanbul auch die Banken und privaten Förderer, die eigene Kunstinstitutionen ins Leben rufen. So verfolgen etwa Bilge und Haro Cumbusyan mit ihrem Non-Profit Collectorspace ein neues Präsentationskonzept: Das Ehepaar betreibt bereits in New York einen Showroom, in dem Einzelstücke aus diversen privaten Sammlungen vorgestellt werden. In Istanbul eröffneten sie nun ihren neuen Space direkt am Taksim-Platz, mit der Installation Madame Blavatsky (2007) von Goshka Macuga (Jg. 1967), die aus der Londoner Napoleone Collection stammt. Standorte in anderen Metropolen sind in Planung.
Ein weiterer pulsierender Ort mitten im Zentrum der Stadt ist der Showroom SALT: Die Garanti-Bank hat gleich zwei Gebäude dafür gesponsert, mit Bibliothek und Archiv, wo Publikationen und Archivmaterial über Kunst, Architektur, Design, Urbanismus sowie Sozial- und Wirtschaftsgeschichte zur Forschung öffentlich zur Verfügung stehen. Das Ganze geht mit Diskussionen einher, die gleich die gesamte Gesellschaft ins Visier nehmen. Ambitionierter Direktor des SALT ist der Kurator Vasif Kortun, der sich längst international einen Namen gemacht hat. Dieses Jahr sitzt er im Auswahlkomitee des Turner Prizes und kuratierte den Pavillon der Vereinigten Arabischen Emirate in Venedig – ist aber Istanbul weiterhin treu.
Ganz in der Nähe des SALT liegt der Kunstraum Arter, gestiftet von der ersten türkischen Foundation für soziale Projekte, die 1969 von Vehbi Koç gegründet wurde. Zur Biennale eröffnete hier eine Schau mit Künstlerstar Kutlug Ataman (Jg. 1961), zuvor war bereits René Block am Werk gewesen – der legendäre Kurator kennt sich aus, schließlich betreut er in Berlin den Ausstellungsraum Tanas für zeitgenössische türkische Kunst.
Zeitgleich zur Biennale lud auch Asim Kocabiyik in die Räume seiner Holding-Gesellschaft Borusan ein und präsentierte seine Sammlung mit Kunst seit den 1980er-Jahren. Sie darf nun regelmäßig am Wochenende besucht werden – denn unter der Woche wird in seinen Räumen gearbeitet, weshalb Borusan Contemporary Art, längst auch international ein Begriff, sinnigerweise auch unter dem Slogan „Art in the Office“ reüssiert.
Wie unkonventionell es inzwischen am Bosporus zugeht, kann man derzeit ausgerechnet in der Kirche St. Antonius von Padua entdecken: Hier hat der Sammler Dağhan Özil Wim Delvoyes (Jg. 1965) Jesus Twisted ausgestellt. Özil ist Gründer der Galerie Artist – seine Sammlung umfasst Arbeiten von islamischer und orientalischer Kunst über Impressionismus bis hin zu zeitgenössischen Werken. Dass hier ausgerechnet Delvoyes verdrehter Christus am Bronzekreuz zu sehen ist, der gewitzt das hierarchisch aufgebaute Kirchensystem auf den Arm nimmt, darf als Fingerzeig gelten, wie spielerisch Kunst als kritische Instanz Einzug in den Istanbuler Alltag gehalten hat.
Bei so viel privatem Einsatz ist es kein Wunder, dass pünktlich zum Biennale-Ereignis erstmals parallel auch die neue Kunstmesse Art Beat Istanbul stattfand. Mit noch bescheidenen 28 Ständen versuchte der Veranstalter „Dream Design Factory“, eine Werbe- und Eventagentur, eine neue Plattform für zeitgenössische türkische Kunst zu errichten. Schließlich läuft der heimische Markt seit 2004 immer besser und etabliert sich verstärkt auch über die Landesgrenzen hinaus. Neben Istanbuler Galerien, wie Çağla Cabaoğlu und Sanatorium, sind allerdings erst wenige internationale Kollegen vertreten – was der wachsenden Zahl türkischer Sammler nicht viel auszumachen scheint, die sich dicht in den Gängen tummelten. Immerhin: Aus New York war die Leila Heller Gallery angereist, als deutscher Vertreter bot Michael Janssen Arbeiten des jungen türkischen Künstlers Naneci Yurdagül (Jg. 1979) und erklärt bodenständig: „Türkische Sammler kaufen eher türkische Kunst.“ Langsam beginnt man also auch in Deutschland, sich mit der Heimat seiner einstigen Gastarbeiter auszukennen.
Der Frage, warum der türkische Markt für zeitgenössische Kunst so floriert, ging auf der Messe eine Paneldiskussion mit dem Titel „Today’s Istanbul/Middle East Dynamics” auf den Grund – mit Gästen wie Eliott McDonald (Hiscox Collection), William Lawrie (Lawrie Shabibi Gallery, Dubai), Leila Heller (Leila Heller Gallery, New York), Steve Stapleton (Kurator „Edge of Arabia“), Yesim Turanli (PI ARTWOKRS Gallery, Istanbul) und Kerimcan Güleryüz (X-IST Gallery, Istanbul). Geleitet wurde das Podium von Beral Madra, Kuratorin der ersten beiden Istanbul Biennalen. Einigen konnte man sich darauf, dass die Türkei vor allem mit ihren starken Privatsammlern und Initiativen aus der Wirtschaft eine Offenheit gegenüber dem internationalen Kunstgeschehen zeigt – ähnlich wie etwa die Regierung der Vereinigten Arabischen Emirate in Abu Dhabi eine Zusammenarbeit mit dem Guggenheim New York in die Wege geleitet hat, um sich global zu vernetzen und ein Renommee in Sachen kultureller Verantwortung aufzubauen.
Wie wichtig es den Messeveranstaltern war, neben kommerziellen Ständen auch virulente low profit Projekte zu präsentieren, zeigte unter anderem die Koje der hayaka arti Plattform. Namhafte Künstler wie Komet (Jg. 1941) und Ösdemir Altan (Jg. 1931) unterstützten das Projekt und gaben Arbeiten zum Verkauf dazu, deren Erlös einbehalten werden durfte. Initiatorin der Plattform ist die Künstlerin Dilara Akay (Jg. 1963), die noch weitere ambitionierte Projekte ins Leben gerufen hat: 2006 gründete sie Hayaka Arti, eine Art Kunsthalle in ihrem Atelier. Internationale Kuratoren können hier drei bis vier Ausstellungen pro Jahr präsentieren, die sie aus weltweit eingereichten Kunstwerken bei der virtuellen Galerie interfacegallery.com ausgewählt haben. Außerdem rief sie vor zwei Jahren ein vielbeachtetes Kinderprogramm ins Leben, bei dem Künstler jede Woche kostenlos freien Kunstunterricht geben. Weil es hier besonders nachbarschaftlich und vertraut zugeht, nehmen auch viele Mädchen teil – sie können hier lernen, wie man sich ein freies Urteil bildet. „Wir wollen ihnen beibringen, eine eigene Stimme zu entwickeln” erklärt Akay selbstbewusst. Ihr Ziel ist es, eine Balance und ein Netzwerk innerhalb des Kunstbetriebs in ihrem Land herzustellen.
Trotz Erdbeben und PKK-Anschlägen spürt man es deutlich: Die Türkei prosperiert prächtig unter der aktuellen Regierung. Zwar befürchten viele aufstrebende und wohlhabende Familien, dass unter Erdogans konservativer Ägide irgendwann das Klima kippen könnte. Und manche ahnen bereits einen Kollaps wie in den Siebzigerjahren im Iran, als der westlich eingestellte Schah von Ajatollah Chomeini abgelöst wurde. Doch bis dahin verschafft man sich den besten Überblick über das Wunder von Eurasien in der 360 Grad Bar: Vom 8. Stock aus hat man eine atemberaubende Sicht auf den Bosporus – und beginnt langsam, Istanbul zu verstehen.