Kunstrundgang Prag

Prag für Anfänger

Katharina Severin
13. April 2012

Den Eisernen Vorhang gibt es zwar schon lange nicht mehr, aber junge tschechische Kunst scheint sich immer noch hinter einer imaginären Mauer abzuspielen: Nach draußen dringt nur wenig. Im Wohnzimmer der tschechischen Kleinfamilie aber – Prag – ist einiges im Gange.

Einen guten Einstieg in diesen Mikrokosmos bietet die Stadtgalerie Prag, die gleich an mehreren Standorten zeitgenössische Kunst zeigt. Einer davon ist die Prager Stadtbibliothek, die derzeit mit der Ausstellung „Analysis Results“ von Krištof Kintera (Jg. 1973) aufwartet. Letztes Jahr zum Künstler des Jahres gewählt, tobt sich Kintera hier richtig aus. Er inszeniert sich dabei nicht nur selbst, sondern die Kunstsüchtigen gleich mit – Konsumkritik vom Feinsten: Kintera verwandelt den Eingangsbereich im zweiten Stock in einen Tante-Emma-Laden, durch den sich der Besucher erst einmal durchboxen muss, bevor er die anderen Installationen und Zeichnungen des Künstlers zu sehen bekommt. Der Parcours nimmt seinen Lauf über zu Rentieren mutierten Absperrungen, zwischen denen der Gast von der sprechenden Aldi-Tüte I am sick of it all attackiert wird, bevor er sich an der auf und ab wabernden Lichtflut von My Light is Your Life erholen darf. Überall flattert und klingt, tönt und kriecht es.

Eine andere Schau der Stadtgalerie heißt „After Velvet. Contemporary Czech Art and Past Connotations“ und findet im Haus zum Goldenen Ring im historischen Zentrum Prags statt. Diese Dauerausstellung – eröffnet wurde sie auf den Tag genau 20 Jahre nach der Samtenen Revolution – vermittelt einen sehr guten Eindruck der zeitgenössischen Akzente tschechischer Kunst. Denn sie bietet einen Rundgang über 14 thematische Stationen, die da zum Beispiel „Loss of Memory“ oder „Uncertain Reality“ heißen und dabei die unterschiedlichsten Künstlergenerationen vereinen – von den Weaking forms der Grande Dame der tschechischen Künstlergarde Adriena Šimotová (Jg. 1926) bis zu Jakub Nepraš (Jg. 1981) mit seiner Fossil-Projektion. Jakub Španhel (Jg. 1976) großformatiges Gemälde Malá Strana hängt im dem Raum zur „Industrial Art", während Lenka Klodovás For Real-Lichtboxen, die hinter Kinderaugen versteckte pornografische Szenen zeigen, unter dem Motto „Love is Love" zu sehen sind. Und natürlich fehlt auch das Enfant terrible der tschechischen Szene David Cerný (Jg. 1967) nicht: Seine überdimensionalen Steckfiguren Curator, Artist oder Rock Star sind bissige Kommentare zur Kunst- und Konsumwelt.

Geben bei dieser Schau die jüngsten Zeitgenossen den Ton an – den Untertitel „Past Connotations“ hätte eher die Ausstellung „Islands of Resistance“ im Veletržní Palast der Nationalgalerie verdient. Denn sie konzentriert sich auf die Strömungen der tschechischen Kunst, die seit den 1980er-Jahren gegen Uniformität antrat. Hier überwiegen Vertreter der neuen, postmodernen Welle wie Jiří David (Jg. 1956) und Stanislav Diviš (Jg. 1953) – sie waren Vorbilder für spätere Generationen. Spätestens beim Besuch des Messepalastes steckt man dann nicht nur mitten in der tschechischen Kunstgeschichte, sondern auch in den kafkaesken Fängen des Prager Milieus: Die Grundbedingung dieser Schau, die schon vor fünf Jahren vom Forschungszentrum der Akademie der Bildenden Künste, Prag (AVU) kuratiert wurde, war nämlich, dass sie unter keinen Umständen in der Nationalgalerie gezeigt werden dürfte: Der zwölf Jahre andauernde autoritäre Führungsstil des Leiters und Fluxus-Künstlers Milan Knížák steckt sämtlichen Akteuren noch zu tief in den Knochen. Dass es dann doch soweit kam, mag an der minimalen Hoffnung liegen, dass der seit Juni 2011 amtierende Direktor, der Wirtschaftsfachmann Vladimír Rösel, eine neue Ära der Nationalgalerie einläute. Ganz abgesehen davon, dass der neue Mann ein reiner Manager ist – das Image des Hauses, das seine Sammlung moderner und zeitgenössischer Kunst nach wie vor stiefmütterlich behandelt, lässt sich mit einer solch akademischen Schau wohl nicht aufpolieren. Selbstkritisches Potenzial hat sie zwar allemal, aber die zwei Stockwerke, die die Ausstellung im Veletržní Palast besetzt, wirken seelenlos.

Unter den Prager Galerien ist Jirí Svestka, seit 1995 im Geschäft, die traditionsreichste – und mit einem Fitnessstudio und einer Zauberschule im Haus in witziger Gesellschaft. Hier feierten gerade David Böhm (Jg. 1982) und Jirí Franta (Jg. 1978) die Eröffnung ihrer neuen Schau „ECHOLOG”. Das Künstlerduo, das seit Akademiezeiten zusammenarbeitet und für seine Zeichenexperimente wie die Serie „Nearly nothing is complete“ bekannt ist, für die sie Zeichnungen mittels Motorrädern, Baggern oder Luftballons erstellten, hat hier ein Labyrinth ihrer neuesten Werke aufgebaut. Mäandert man durch die weißen Gänge, tun sich Gucklöcher und Spiegel auf, über die man nur Teilansichten der Werke erhaschen kann. Das puzzlehafte Fragment ist Leitmotiv der Ausstellung, die noch bis Mitte Mai zu sehen ist und deren Zeichnungen für 800 bis knapp 6.000 Euro zum Verkauf stehen. Dass sich die beiden Unzertrennlichen auf westliche Künstler beziehen – „Jonathan Meese”, schießt Franta wie aus der Pistole hervor, während Böhm bedachter David Shrigley und Olaf Breuning als seine Vorbilder nennt – verdeutlicht, wie wichtig den Künstlern der Blick nach außen ist. Trotz der schlechten Erfahrungen, die David Černý mit der Galerie gemacht hatte – seine Künstlerwebseite rät von einer Zusammenarbeit strikt ab – sind die beiden zuversichtlich. Schließlich ist es ihnen wichtig, international vertreten zu werden. „Die Galerienszene in Prag ist nun einmal nicht nur klein, sondern auch nicht einfach“, erklärt Böhm die Entscheidung. „Und die Galerien haben fast alle einen Haken.“

Das trifft auch auf dvorak sec contemporary zu, die gerade einen anderen Vertreter der jüngsten Generation zeigen: Jakub Matuška aka Masker (Jg. 1981). Dieser ehemalige Schüler Vladimír Skrepls (Jg. 1955) wird zurzeit als neuester Guru der Street Art inspirierten Malerei gefeiert – immerhin gewann er gerade den Wettbewerb NG 333, den die Nationalgalerie jährlich für Künstler bis 33 Jahre ausschreibt. Seine Ausstellung bei dvorak sec ist daher mit Preisen zwischen 2.000 bis knapp 5.000 Euro schnell ausverkauft. Dass neben einigen ausländischen hauptsächlich tschechische Sammler zuschlugen, mag an der engen Verbindung der Galerie zu Vertretern der Kommunalpolitik und lokalen Wirtschaftsgrößen liegen – eine Angelegenheit, die durchaus argwöhnisch betrachtet wird.

Frischer Wind – und den hat die Prager Cliquenwirtschaft dringend nötig – weht um das Prager Viertel Holešovice. Da gibt es einmal den ehemaligen Elektrizitätspalast, und was man dem von außen abschreckenden funktionalistischen Gebäude aus den 1930ern, das einst die Stadt mit Strom versorgte, auf den ersten Blick nicht zutraut – die Adresse Bubenska 1 ist das neue Heim unzähliger Künstlerateliers, Studios und der Galerie Laboratorio. Als die Galerie im April letzten Jahres eröffnete, suchte sie sich das ehemalige Firmenlabor als Namenspatron. Momentan zeigt das Galeristenduo Jolanta Trojak & Klara Urlichová den Newcomer Tomás Jetala (Jg. 1986), der erst 2011 die Meisterklasse Michael Rittsteins an der Akademie der Bildenden Künste verließ. Jetalas großformatige Gemälde wie Boy with Something und kleinere Collagen wie The White Tights zeugen von einer Ausdruckskraft und fotografischer Begierde, die in den Bann ziehen.

Doch in Tschechien von Kunst zu leben, ist schwierig: Nicht nur der Qualitätsunterschied zu westlichen Galerien ist offensichtlich, sondern auch, dass die wenigsten tschechischen Sammler in zeitgenössische Kunst investieren. Ein Versuch der Galerie Laboratorio, Sammler, deren Kunstinteresse sonst bei der so genannten „mittleren Generation" aufhört, für jüngere Künstler zu sensibilisieren, wird ihre nächste Schau sein: Der international vertretene Jan Merta (Jg. 1952), der auch ein Studio im Haus hat, wird hier seine Werke zeigen und damit eine Schnittstelle zur jungen Generation bilden. „Das ist für alle Beteiligten eine gute Gelegenheit“, versichert Trojak. „Er zeigt dem Publikum, dass er hinter der jüngsten Kunst steht, und wir profitieren von seinem Bekanntheitsgrad, der uns hoffentlich neue Kundschaft bringt.“ Erschwinglich ist junge Kunst allemal – Jetalas Arbeiten sind beispielsweise für Preise zwischen 250 bis 2.500 Euro zu haben. „Das Preisgefälle zwischen West und Ost ist enorm. Vielleicht gelingt es uns ja auch, eine neue – junge – Sammlergeneration aufzubauen“, meint Klara Urlichová. Die beiden Frauen lassen sich ihre Vision jedenfalls nicht nehmen und haben mit ihrem Ausstellungsprogramm – nach Merta steht der Berliner Künstler Philip Topolovac, der dort mit Isabella Czarnowska arbeitet, auf dem Programm – und ihrer ARTISSIMA-Bewerbung einen klaren Zukunftsplan.

Entsprechend sind hunt kastner artworks, die auch in Holešovice sitzen, mit ihrer Präsenz auf internationalen Messen wie der Art Brüssel, der Frame Section auf der Londoner Frieze Art Fair und den Art Basel Statements insgeheim zum Vorbild der jungen Galerieszene Prags geworden – und haben Jirí Svestka mittlerweile den Rang abgelaufen. Das zeigt sich auch in der Preisklasse der Werke, die bis in den mittleren fünfstelligen Bereich gehen. Während sie nach Brüssel mit Jirí Thýn (Jg. 1977) reisen, gilt ihr Soloprojekt in Basel Dominik Lang (Jg. 1980), dessen kühl-konzeptionelle Rauminstallation Documentation (25.000 Euro) sie noch bis Mai präsentieren. Lang, der 2011 zu den Finalisten des Jindrich Chalupecký Preises zählte und Anfang des Jahres bei Krobath in Wien ausstellte, studierte einst Raumkunst bei Jirí Príhoda an der Hochschule für Angewandte Kunst, Architektur und Design – wo er heute selbst unterrichtet. Eine weitere Aufsteigerin im Galerieprogramm ist die Pragerin Eva Kotátková (Jg. 1982), die auf der letzten Londoner Frieze Art Fair hunt kastners gesamte Koje in eine surrealistische Zettelwirtschaft verwandelte und diverse Kuratoren auch im Skulpturenpark um den Finger wickelte.

Weniger weltgewandt gibt sich die neue Kunsthalle im Viertel: Das Center for Contemporary Art (DOX) wurde 2008 eröffnet. Hier wird die Gruppenausstellung „Middle East Europe“ gezeigt – osteuropäische Statements zum ewig währenden Palästinakonflikt –, die vor Videoinstallationen nur so platzt. Einzig Jumana Mannas 5-Kanal-Projektion The Song of Ascents weiß zu beeindrucken. Noam Braslavskys (Jg. 1961) komatös atmender Ariel Scharon schockiert bloß, während Volker März’ Raum Kafka in Israel einen lustvollen Galgenhumor zelebriert. Gespannt sein dürfte man auf die Installation von Cestmír Suškas metallenen Skulpturen, deren „Outside“-Teil heute im DOX eröffnet wird.

Allem Wohnzimmermief zum Trotz: Prag hat eine Menge zeitgenössische Kunst zu bieten, und der Prager Szene würde eine Prise Internationalismus nicht schaden. Prag Holešovice jedenfalls – Prag 7, wie es im Volksmund heißt – mausert sich definitiv zum neuen Künstlerquartier. Eine gute Gelegenheit, sich dort umzuschauen, bietet der Galerienabend „We are open“, der am 26. April stattfinden wird. Zu diesem Anlass wird auch das frühere firmeneigene Spa des Elektrizitätspalastes in einen exklusiven Ausstellungsort verwandelt: Dort sind dann gleich über 30 junge Künstler zu entdecken.

Krištof Kintera: „Analysis Results” – Galerie der Stadt Prag, Stadtbibliothek. Vom 9. Februar bis 13. Mai 2012

„After Velvet. Contemporary Czech Art and Past Connotations“– Stadtgalerie Prag, Haus zum Goldenen Ring. Dauerausstellung

„Islands of Resistance - Between the First and Second Modernity 1985-2012” – Nationalgalerie Prag, Veletržní Palast. Vom 9. März bis 1. Juli 2012

Jirí Franta, David Böhm: „ECHOLOG” – Jirí Svestka Gallery, Prag. Vom 4. April bis 12. Mai. 2012

Jakub Matuška aka Masker: „Tree Growing from His Ear!” – dvorak sec contemporary, Prag. Vom 24. Februar bis 20. April 2012

Tomáš Jetela: „Beyond the Polyhedric Mirror” – Galerie Laboratorio, Prag. Vom 8. März bis 20. April

Dominik Lang: „Documentation“ – Galerie hunt kastner, Prag. Vom 29. März bis 20. Mai 2012

„Middle East Europe“ mit Anisa Ashkar (PS), Nasrin Abu Baker (PS), Yael Bartana (IL), Emad Bornat (PS), Noam Braslavsky (IL), Noam Darom (IL), Christoph Draeger (CH), Radovan Cerevka (SK), Ronen Eidelman (IL), Róza El-Hassan (HU), Fawzy Emrany (PS), Hanna Farah - Kufer Birim (PS)& Hila Lulu Lin (IL), Raafat Hattab (PS), Ihab Jadallah (PS), Khaled Jarrar (PS), Cheb Kammerer & Sharon Horodi (DE/IL), Wolfram P. Kastner (DE), Michelle & Nicolas (CZ), Milan Kohout (CZ), Milan Kozelka (CZ), Radim Labuda (SK), Jumana Manna (PS), Shahar Marcus (IL), Volker März (DE), Miklós Mécs & Judit Fischer (HU), Avi Mograbi (IL), Tamara Moyzes (SK), Damir Nikšic (BiH), Tamar Paikes (IL), Public Movement (IL), Itamar Rose& Yossi Atia (IL), Yonatan Shapira (IL)& Ewa Jasiewicz (PL), Joanna Rajkowska (PL), Ruti Sela& Maayan Amir (IL), Ivan Vosecký (CZ), Shlomi Yaffe (IL) - DOX, Centre for Contemporary Art, Prag. Vom 26. Januar bis 20. April 2012

Cestmír Suška: „Outside / Inside“ – DOX, Centre for Contemporary Art, Prag. Vom 13. April bis 31. August 2012

2. Galerienabend: „We are open“ mit Galerie hunt kastner, DOX, Galerie Laboratorio, m.odla Galerie, Galerie Petr Novotný, Prinz Prager Gallery, Veletržní Palast der Nationalgalerie und anderen, Prag Holešovice. Am 26. April von 18 bis 22 Uhr


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