Kunstmessen brauchen neue Konzepte

An der Frischetheke

Gerrit Gohlke
5. Dezember 2009
Wer sich in diesem Jahr auf der Art Basel Miami Beach umsieht, darf sich eigentlich nicht beklagen. Die Messe ist größer geworden. Die Standarchitektur ist großzügig, der Grundriss übersichtlich. Der Besucher kann auf kurzen Wegen, ohne einen Wechsel an Außenstandorte, das gesamte Angebot abschreiten. Sogar die VIP-Lounge fällt anders als bei der Muttermesse in Basel durch farbigen Frohsinn und gut gelaunte Gäste auf, nicht durch einschläfernde Lobby-Eleganz. In Miami Beach legt selbst ein großer Kunstversicherer seinem Stand ein schrilles Strandkleid an. Ganz Miami ist in Feierlaune. Nicht, weil es allen so gut ginge oder der kränkliche Kunstmarkt genesen wäre, sondern weil es wieder weitergeht und weil Heiterkeit zum Handwerk gehört im Kunstbetrieb. Hinter dieser Fassade herrscht aber weitgehende Ratlosigkeit. Alle verhalten sich vorsätzlich wie vor der Krise. Doch die Krise hatte einen Grund. Der Markt muss handeln. Aber wie?

Ein Berliner Galerist bringt es irgendwann während der üblichen Messekonversation auf den Punkt. „Natürlich nerven die Messen“, sagt er. „Natürlich gehen sie uns allen auf den Geist.“ Aber man käme ohne konzentrierte Handelsplätze nicht aus. Und während ihm im Hintergrund der erfolgreiche Abverkauf anspruchsvoller Objekteditionen an ein neugieriges, diskussionsfreudiges Publikum durchaus Recht zu geben schien, fügte er an, die Art Basel Miami Beach sei vielleicht einfach zu groß und weitläufig geraten. Nicht die schiere Größe aber ist das Problem der Messen, sondern ihr ureigenstes Prinzip. Kunstmessen sortieren die Kunst und ihre Anbieter nach Umsatz und Marktposition. Das ist es, was Messedirektoren meinen, wenn sie von der Qualität ihres Angebots sprechen. Tatsächlich aber ist selbst auf der Mega-Messe Art Basel und erst recht auf ihrem Pool-Party-Ableger in Miami Beach keine einheitliche Qualität mehr zu sehen, weil der Qualitätsbegriff in den vergangenen Jahren zerfallen ist. Die Qualität der standardisierten Hochpreisware an vielen Ständen großer Galerien hat mit der Qualität der programmatisch konzentrierten, geradezu kuratorisch arbeitenden Galerien nichts mehr zu tun. Das Gesamtbild der gegenwärtigen Mega-Kunst-Messe zeigt programmatische Spitzen im Einerlei der teuren Massenkonfektion. Die Frage ist also: Wie kann eine Messe die Qualität der einen vor der Qualität der anderen schützen? Durch kuratorische Reservate? Durch spezielle Gütesiegel? Durch Schrumpfung?

Die Art Basel Miami Beach hat sich gegen die Schrumpfung entschieden. Sie hat in schöner Analogie zum Weinbau das Zertifikat „Art Kabinett“ erfunden und zeichnet damit solche Stände aus, die „kleine, kuratierte Ausstellungen“ in räumlicher Abgrenzung vom restlichen Messegeschehen präsentieren (der Messestand als Kunstverein). Sie markiert 60 Galerien mit 130 Künstlern als „Art Nova“ und meint damit die Frischetheke der Messe, wo „Arbeiten frisch aus den Künstlerstudios rund um den Globus“ zu entdecken sind, ein Trendspotting-Sektor mit starker europäischer Färbung. Und es gibt die „Art Positions“ rund um Restaurant und Non-Profit-Sektor, eine Zone für Cutting-Edge-Projekte und konzeptuelle Gruppenausstellungen, wie es im Messeführer heißt, 23 Stände mit Gütesiegel. Sie sind als Avantgarde nicht der Kunst, aber der Galeriepräsentation nominiert. Die Messemacher haben sie mit einer kuratorischen Auszeichnung versehen und verraten so das Dilemma der Qualitätsdiskussion: Frische, museale Ambition und kuratorische Handschrift sind die Kriterien, nach denen hier Qualität von Qualität unterschieden werden soll. Das ist das Bio-Siegel im Messe-Supermarkt. Will das Publikum aber nicht längst eine feiner ausdifferenzierte Boutique?

Hierauf müssen Regionalmessen wie die Art Miami mit ihrer Mixtur gänzlich zufälliger Werke und Anbieter vielleicht weniger schnell reagieren als die Umschlagplätze für Hochqualität, die gerade einen entscheidenden Wettbewerbsvorteil riskieren, nämlich die Entscheidung über die qualitative Spitze des Marktes. Die Satellitenmesse Scope hat sich bis zur Beliebigkeit geöffnet. Viele Beobachter geben ihr keine Chance mehr in einem Markt, der den Sammlern Orientierung, nicht nur Preisangebote vermitteln muss. Die Art Basel Miami Beach und ihre Basler Muttermesse hatten darüber hinaus sogar über Jahre das Zertifizierungsprivileg, über das weltweite Spitzenangebot des Kunstbetriebs zu entscheiden. Was hier gezeigt wurde, gehörte zur Oberklasse am Markt. Was zur Oberklasse gehören wollte, musste hier irgendwann gezeigt werden. Das war eine Fiktion, in der viele kleine, gute, intellektuell brillante, handwerklich verführerische Angebote der Kunstwelt durchs Raster des Guten und Teuren fielen. Die Fiktion aber hat den Markt bestimmt und die Sammler hypnotisiert, die allein schon die Einverleibung der Ware in die Riesenmesse für einen Qualitätsnachweis hielten. Diese Zeiten sind vergangen und kommen hoffentlich nicht zurück. Qualität lässt sich heute auf Gallery-Weekends, auf anspruchsvollen Regionalmessen und durch die Reaktivierung langfristiger Sammlerkontakte definieren. Qualität lebt im Moment allein vom Engagement der Galerien. Ihnen vertrauen die Sammler mehr als der Messe als Institution. Schwere Zeiten für den exklusiven Club Art Basel, aber auch die Frieze in London. Man trifft hier, wen man sowieso schon treffen wollte oder wer durch Stringenz und Radikalität von sich reden macht. Was aber ist mit der standardisierten Markenware, dem großen teuren Rest?

Eine Messeleitung kann keine kuratorische Qualitätspolizei sein. Dass sie in Miami dennoch offensichtlicher als bisher versucht, Abgrenzung zu leisten, zeigt aber, dass der Messemarkt mehr Differenzierung sucht. Größe wird nicht zum Makel, aber zu einer Komplikation. Sehr viele Aussteller auf der Art Basel Miami Beach wollen eine kleinere Messe. Mancher empfiehlt, nicht auf die jungen Innovatoren, sondern auf ein paar alte Platzhirsche zu verzichten. Statt halbherziger Etiketten könnte sich die Messe in räumliche Sektionen teilen. Die Standorte draußen im Warehouse District, wo Galerien in alten Lagerhallen Gruppenausstellungen zeigen, offenbaren den Bedarf. Die an Messeständen aufgehängten Einzelpositionen verraten immer weniger über sich. Die Großmesse erzählt nichts von dem alten, neuen Reiz, Kunst einzuordnen, zu beurteilen, in ihren Hintergründen zu erfassen. Der Zwang zu einer solchen Evaluierung, zu einer Neueinschätzung nicht nur des Marktes, sondern der Kunst beherrscht zurzeit den Kunstbetrieb, weil sich ohne überlegte Entscheidungsgrundlagen gegenwärtig nicht erfolgreich sammeln lässt. Die Art Basel und ihr amerikanischer Ableger sollten dieses Bedürfnis ernst nehmen. Es geht dabei nicht nur um Messen, sondern um den Kunstmarkt im Ganzen. Die Art Basel Miami Beach zeigt jedenfalls paradoxerweise die Chancen, die ihre Konkurrenz schon bald nutzen könnte: konzentrierten Raum für Kunst zu schaffen und zu kontextualisieren. Ob das durch die Kooperation mit anderen Institutionen, durch regionale Vernetzung oder durch neue Präsentationsformen geschieht, ist erst einmal einerlei. Unübersehbar ist, dass sich die Messen weiterentwickeln müssen, wenn sie etwas für den orientierungslos gewordenen Kunstmarkt und seine Sammler tun wollen. Diesen Willen zu beweisen ist es höchste Zeit.


Mehr im Dossier  Art Basel Miami Beach 2009

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