10. Mai 2012
sp-arte/2012 – São Paulo. Vom 9. bis 13. Mai 2012
Dass Brasilien nicht nur aus Kokosnüssen und weißen Traumstränden besteht, merkt man spätestens beim Landeanflug auf São Paulo. Die 20-Millionen-Metropole, getaucht in eine ganzjährige Smogwolke, gibt schnell zu verstehen, wer hier den Ton angibt: Geld und Business. So verwundert es auch nicht, dass im Wirtschaftszentrum Brasiliens die größte Messe für moderne und zeitgenössische Kunst des Landes stattfindet. Seit ihrem Geburtsjahr ist die sp-arte immer weiter gewachsen und bietet in ihrer achten Ausgabe in dem organischen, von Oscar Niemeyer und Hélio Uchôa entworfenen Biennale-Bau, auf 15.000 Quadratmetern und drei Etagen Platz für 83 nationale und 27 ausländische Galerien.
Gleich am Eingang zeigt die Galeria de Arte Ipanema aus Rio de Janeiro, was man auf der Messe bieten muss, um die meist brasilianische Käuferschaft zu locken: Hélio Oiticica, Cildo Meireles, Lygia Clark. Allesamt klassische brasilianische Konzeptkünstler, dem Konkretismus oder Neo-Konkretismus verbunden und durchweg international gehandelt. Der Messestand ist gut besucht, über Preise möchte man aber lieber nicht sprechen. Eines von Lygia Clarks Bichos taucht auch bei der Almeida & Dale Galeria de Arte aus São Paulo auf, und auch Oiticica und Meireles wird man auf der Messe mehrmals begegnen.
Dass viele Galerien Teile desselben Künstler-Œuvres präsentieren, fällt besonders bei Richard Serra und Alexander Calder auf. Serra ist mit seinen monochromatischen schwarzen Arbeiten bei Elvira González aus Madrid, der Athena Galería de Arte und Arte 57 vertreten. Carreras Mugica aus Bilbao zeigt ebenfalls zwei großformatige Arbeiten des minimalistischen Künstlers: Canadian Pacific für 250.000 US-Dollar und Cambria für 300.000 US-Dollar, wohingegen man bei dem Mobile von Alexander Calder für 850.000 US-Dollar schon tiefer in die Tasche greifen muss. Auch die erdfarbenen Eisenarbeiten Amilcar de Castros bestimmen das Messebild, immer wieder ziert eine geometrische Arbeit des brasilianischen Bildhauers einen Messestand. Gezeigt wird er unter anderem bei den beiden Galerien aus São Paulo, Steiner und Marilia Razuk für ca. 20.400 US-Dollar.
Derweil drängen sich gleich ganze Werkgruppen auf dem Stand von White Cube. Die Londoner zeigen zwei Arbeiten Georg Baselitz’: Bereit am Morgen für 614.000 US-Dollar und Monogramm, sowie kitschig-glitzernde Arbeiten Damien Hirsts, die jedes Mädchenherz höherschlagen lassen: No Love Lost, ein gläsernes, verschlossenes Regal, in das viele kleine und glänzende Zirkon-Edelsteine eingereiht wurden für rund 1.300.000 US-Dollar und Prayers for Divine Mercy, eine sechsteilige Arbeit, in der sich wieder Edelsteine befinden, dieses Mal aber zusammen mit exotisch anmutenden, aufgespießten Schmetterlingen für ca. 1.535.000 US-Dollar. Der ordentlich einsortierte Medikamentenschrank Ohne Titel (aaaaa) ist bereits für schlappe 970.000 US-Dollar zu haben.
Nur zwei Galerien widmen sich den Themen, die vom gemeinen Europäer wohl als „klassisch brasilianisch“ eingestuft werden: Indigene Herkunft und Favelas. Immer wieder betont die Galeria Estação, die einzige Galerie der Messe zu sein, die sich mit der Wahl des Bildhauers Aberaldo dos Santos und des Holzschneidekünstlers Samico der brasilianischen Nationalkunst und deren Wurzeln widmet. Und bei der Galería da Gávea werden Ana Stewards Arbeiten Meninas do Rio gezeigt, Mädchen also, die aus den armen Vorstädten und den Favelas Rio de Janeiros kommen und versuchen, sich in den Fotografien glamourös zu präsentieren.
Bunt und absurd geht es auch sonst auf der Messe zu: Die Galeria Zipper aus São Paulo zeigt André Felicianos irrealen Jardinerio, einen Affen inmitten eines Überwachungsgartens. Surreale Puppen und fantastische Ungetümer von Mariana Monteagudo sind bei Fernando Pradilla aus Madrid zu sehen, Luftballons, die über Bassboxen tanzen, ein suizidgefährdeter Teddybär. Maria Nepomucenos wild koloriertes, organisches Ungetüm für 33.000 US-Dollar hat den halben Messestand der Galerie A Gentil Carioca in Besitz genommen. Die 32 Bälle Flying Garden Air-Port-City 32SW von dem globalen Publikumsliebling Tomás Saraceno wirken wie ein übergroßes organisches Modell eines chemischen Elements. Surreal geht es am selben Stand auch weiter: Die Überflieger der brasilianischen Street Art – das Zwillingspaar Os Gemeos – werden von der Galerie Arte 57 aus São Paulo gezeigt, und es ist wenig überraschend, dass das Werk nach weniger als einer Stunde für 180.000 US-Dollar verkauft wurde.
Zum ersten Mal dabei sind in diesem Jahr drei deutsche Galerien: Weingrüll aus Karlsruhe, Anita Beckers aus Frankfurt und Swedish Photography aus Berlin. Mit ersten Anlaufschwierigkeiten in Sachen brasilianischer Bürokratie hatte der junge Karlsruher Galerist Florian Weingrüll zu kämpfen, der eine Soloschau des Malers Enrico Bach präsentiert. Und so ist die gezeigte Hängung nur zweite Wahl, da sich bei der Einfuhr der zuvor ausgewählten Werke der brasilianische Zoll querstellte und binnen weniger Tage neue Gemälde zusammengestellt, verpackt und vor Ort noch gerahmt werden mussten. Ob die brasilianischen Sammler diesen Aufwand zu schätzen wissen und die junge und meist noch unbekannte Kunst der Karlsruher Galerie kaufen werden, weiß der Galerist noch nicht, trotzdem bleibt er optimistisch, denn er wolle vor allem „das Risiko wagen und auf den wachsenden brasilianischen Kunstmarkt pirschen“. Das Potenzial des südamerikanischen Marktes haben auch Nina Grundemark und Dorothee Nilsson von Swedish Photography erkannt, die Fotoarbeiten der schwedischen Künstler Lindergård und Niclas Holmström sowie Henrik Isaksson Garnell zeigen.
Die Galeristin Anita Beckers präsentiert dagegen drei formal ganz unterschiedliche Arbeiten. Eine Videoarbeit der kolumbianischen Performancekünstlerin Maria José Arjona, die sich mit dem Begriff der Körperlichkeit auseinandersetzt, Prints von Christina Feser, die Formen und Konstruktionen fokussieren und eine interaktive Installation Theresa Diehls, die die Frage nach einem politisch und religiös ausgeglichenen Nahen Osten stellt. Die Frankfurter Galeristin hat bereits erste Erfahrungen mit dem südamerikanischen Kunstmarkt hinter sich: Auf der letzten Art Bogotá in Kolumbien konnte sie alle Arbeiten zum Teil an große Sammlungen verkaufen. Sie schätze vor allem die südamerikanische Herzlichkeit und die nicht vorhandene Hierarchie unter den Galerien, so die Galeristin, was immer zu Lockerheit und guter Stimmung auf den Messen führe.
Keine Frage: Die motivierte Stimmung und Aufgeschlossenheit der vielen sehr jungen brasilianischen Galerien ist auf der sp-arte deutlich zu spüren, die einzigartige Ausstellungshalle ermüdet auch nach vielen Stunden nicht, Brasilien hat die Wirtschaftskrise gut überstanden, das Land boomt. Ziel der Messedirektorin Fernanda Feitosa ist das weitere Wachsen und eine zunehmende Internationalisierung der sp-arte. Leider muss aber auch gesagt werden, dass die Messe in dem Punkt noch einen steinigen Weg vor sich hat. Außerbrasilianische Galerien beklagen die extremen Steuern für Kunstverkäufe, die während der Messezeit zwar auf 25,5 Prozent gesenkt wurden, wovon aber nur die in São Paulo Ansässigen profitieren. Alle anderen werden weiterhin mit einem extremen Steuersatz von 58 Prozent belastet. Im Vergleich: Die Steuersätze in der Schweiz betragen für den Kunstverkauf 4 Prozent, und selbst in anderen südamerikanischen Ländern wie Argentinien liegt der Satz bei 17 Prozent. Vor allem im Hinblick auf die enorme Entwicklung des Kunstsektors und -marktes der vergangenen Jahre in einem Land, das noch immer als Schwellenland klassifiziert wird, bleibt zu wünschen, dass Brasilien seinem Boom hier nicht selbst im Weg steht.