Kunstmarkt und Kunstmessen 2010

Die Globalisierung der Heimat

Stefan Kobel
16. April 2010

Was ist bloß mit dem Kunsthandel los? Während der Sekundärmarkt schon wieder die eine oder andere Kapriole schlägt und Heißlauferscheinungen zeigt, dümpelt der Primärmarkt – also der Ort, an dem Kunst erstmals auf ein Publikum trifft – eher vor sich hin. Dennoch sind spektakuläre Galerienpleiten bisher weitgehend ausgeblieben und von den etablierten Messen hat auch noch keine aufgegeben. Alles beim Alten also? Beginnt das Jahr nach der Krise so, wie auch der letzte Aufschwung nach dem 9/11-Schock seinen Anfang genommen hat? Nicht ganz, wie ein Blick hinter die nur mehr matt-glänzende Fassade des Kunstbetriebs zeigt.

Damals wurde die Kunstwelt mit einem Schlag auf den Kopf gestellt. Lorenzo Rudolf hatte 2001 in die Wege geleitet, was Sam Keller dann mit einem Jahr Verzögerung – eben wegen der Auswirkungen des 11. Septembers – in die Tat umsetzte: Die angeblich so biederen Schweizer gründeten die Art Basel Miami Beach und erfanden damit die Kunstmesse neu. Plötzlich war das Wort von der Partymesse in aller Munde. Und das Kunstmagazin „Frieze“ setzte noch einen drauf und erfand die Messe im Zelt – entworfen von wechselnden, angesagten Architekten. Beide Events waren Ergebnis und Auslöser zugleich von einem Boom, wie ihn die zeitgenössische Kunst zumindest in der jüngeren Geschichte noch nicht erlebt hatte.

 

Der Einbruch der letzten anderthalb Jahre markiert aber, anders als viele befürchtet oder ersehnt hatten, nicht das Ende der Party – ebenso wenig, wie der aktuelle zaghafte Aufschwung einen radikalen Neubeginn bedeutet. Diesmal sind die Veränderungen subtiler, aber vielleicht nicht weniger tiefgreifend: Es verschieben sich die Gewichtungen und die Zentren. Die Globalisierung der Kunst, die mit der Art Basel Miami Beach nur scheinbar stattgefunden hatte, ist jetzt Wirklichkeit geworden. Zu dem alten Kräftespiel zwischen Kontinentaleuropa, den USA und Großbritannien haben sich neue Teilnehmer gesellt, und damit gibt es auch neue Regeln.

Der Heimatmarkt einer Messe spielt nicht mehr die dominante Rolle von einst. Einige Messen haben das bereits schmerzhaft zu spüren bekommen. Die Artefiera in Bologna etwa, einst die wichtigste Veranstaltung ihrer Art in Italien, kann mittlerweile nur noch als Regionalmesse gelten, der die wendigere und geografisch günstiger gelegene Artissima in Turin den Rang abgelaufen hat. War die Artefiera ohnehin nie ein bevorzugtes Ziel internationaler Großsammler, haben sich in den schwierigen Zeiten auch die auswärtigen Aussteller weitgehend zurückgezogen oder sind zur regionalen Konkurrenz in die Millionenmetropole im Norden gewechselt. Mit einem ähnlichen Problem hat die ARCOmadrid zu kämpfen, deren fast unüberschaubare Größe und Volksfestcharakter – man zählte regelmäßig bis über 200.000 Besucher – notwendige Reformen lange verhindert haben. Jetzt besinnt man sich auf andere Tugenden, die mit der Globalisierung und der kolonialen Vergangenheit zu tun haben: Der Brückenkopf zwischen Europa und Lateinamerika will man sein. Konkurrent ist dabei nicht nur die Art Basel Miami Beach, sondern neben der SP Arte in São Paulo auch noch die eine oder andere aufstrebende Messe in Südamerika selbst.

Die Armory Show hingegen hat im globalisierten Aufmerksamkeitswettbewerb noch Glück gehabt, dass die einheimische Kunstkonjunktur gerade rechtzeitig wieder angezogen hat. Denn New York ist zwar immer noch ein reizvolles Reiseziel nicht nur für Kuratoren und Sammler, doch die immer mehr zerfasernde Großveranstaltung hatte international zuletzt deutlich an Glanz verloren und sah sich dieses Jahr nun auch noch einem neuen Rivalen gegenüber. Im ehemaligen Dia Art Center hatte sich die Independent eingemietet, die mehr kuratierte Verkaufsausstellung denn Messe sein wollte – ein Modell, das derzeit in einigen Kunstmetropolen erprobt wird und sich in New York dieses Jahr als ausgesprochen erfolgreich erwies. Zudem erlebt hier ein Import Premiere, der sich in Deutschland bereits in Berlin sowie in Köln und Düsseldorf bewährt hat: das Gallery Weekend, bei dem der Galerist im heimischen Umfeld konzentriert Vermittlungsarbeit betreiben kann.

Für die Messen wird es also zunehmend zur Überlebensfrage, ob sie jenseits des Heimatmarktes internationale Sammler anziehen können. Das hatte sich in Miami schon angedeutet, wo es zu wenige lokale Kunstkäufer gibt, selbst, wenn man die Wintergäste aus New York mitrechnet. Das war früher anders. Basel, Köln, Madrid, Paris – alle einschlägigen Messeorte konnten sich auf eine kritische Masse an Kaufkraft verlassen. Heute dagegen werden Messen buchstäblich in der Wüste gegründet. Mit bescheidenem Erfolg allerdings. Die Art Dubai muss schon deutlich kleinere Brötchen backen, nachdem ein Teil des ausländischen Zielpublikums die Stadt fluchtartig verlassen und das Auto am Flughafen hat stehen lassen – mit steckendem Zündschlüssel – und der andere, wohl krisenbedingt, gar nicht erst anreiste. Der Schwenk von der internationalen Ausrichtung auf ein eher nah- bis mittelöstliches Publikum hatte bereits bei der aktuellen Ausgabe zum Ausbleiben einiger internationaler Größen geführt, sichert aber zumindest Umsätze im Bereich lokaler Kunst. Im günstigsten Fall könnte diese geänderte Marschrichtung den asiatischen Bereich erschließen, im schlechtesten Fall aber bedeutet sie Provinzialisierung und damit den Messe-Tod, da ein heimischer Markt – von den Aktivitäten der Herrscherfamilien abgesehen – praktisch nicht vorhanden ist. Die Shcontemporary in Schanghai hat der Niedergang schon ereilt: Die erhoffte Sogwirkung der exotischen Location blieb aus, Standortnachteile und die Krise besorgten den Rest. Von dieser Schwäche profitiert Hongkong mit seiner ARTHK, das selbst als Markt zu klein ist, aber aufgrund seiner wirtschaftlichen Sondergesetze für die Volksrepublik China ein attraktiver Handelsort ist und offensichtlich auch genügend Strahlkraft besitzt, um Sammler, Kuratoren und vor allem Aussteller aus aller Welt anzuziehen.

Und Deutschland? Hier sind die meisten Probleme nach wie vor hausgemacht. Hörte man in letzter Zeit von Galeristenseite vermehrt die Frage, ob man überhaupt zwei Messen für zeitgenössische Kunst brauche – wohlgemerkt: mit der ART COLOGNE, dem art forum Berlin und der art KARLSRUHE gibt es drei – soll nun noch eine vierte hinzukommen. Wolf Krey, der bereits mit einer Kunst- und Antiquitätenmesse den Standort München aufgemischt hat, plant am selben Ort eine Messe für neuere Ware: die Munich Contempo International Contemporary Art Fair. Hier sollen vom 30. September bis 3. Oktober (dem alten Termin des art forum berlin) rund 40 Galerien eine „glanzvolle, international aufgestellte und qualitativ hochwertige Messe“ bespielen, heißt es in einer Pressemitteilung. „Die Münchener Galerienszene ist eingeladen, dazu deutsche und internationale Aussteller.“ Einheimische Größen wie die Galerie Thomas haben sich gegen eine Teilnahme entschieden, der Berliner Michael Schultz hingegen dafür: Letztlich seien alle neuen Kunstmessen in Deutschland ein Resultat der Fehler von Köln, meint er. Allerdings liegt die Münchener Messe nur eine Woche vor Berlin. Die Frontlinien sind also ziemlich klar gezogen. Für die ART COLOGNE hingegen dürfte die Münchener Kleinveranstaltung keine Konkurrenz bedeuten. Am Rhein hat man seine Hausaufgaben schließlich gemacht und ein Programm auf die Beine gestellt, das einen repräsentativen Überblick über die deutsche Galerienszene (mit Ausflügen in die internationale Speerspitze der Avantgarde) bietet. Und die hiesige Händlerschaft hat weltweit immer noch einen guten Ruf unter Sammlern. Allerdings müssten diese Köln nun wieder mit einer Stecknadel auf ihrer Weltkarte markieren. Denn selbst für die Mutter aller Kunstmessen gilt: Der Heimatmarkt allein reicht nicht aus.


Weitere Artikel von Stefan Kobel


Feedback abgebenFeedback abgeben
Artikel druckenArtikel drucken