Künstlerprofil: Hans-Peter Feldmann

Die Kraft des Alltäglichen

Belinda Grace Gardner
1. Februar 2006
Alle Kleider einer Frau, Stühle, Sternenhimmel, Waschmaschinen, Blicke aus Hotelzimmern: Es gibt kaum etwas, das Hans-Peter Feldmann nicht in sein Bildreservoir aufgenommen und dem er nicht in persönlichen Sinneinheiten Gestalt gegeben hat. Der 1941 geborene, in Düsseldorf lebende Künstler gab 1968 die Malerei zugunsten der Arbeit mit fotografischen Bildern auf. Er schöpfte dabei aus diversen medialen Quellen, darunter Zeitschriften, Werbung, Schnappschüsse sowie eigene Aufnahmen. Die Fundstücke und Zufallsprodukte organisierte er nach allen möglichen und unmöglichen Kategorien in Büchern mit grobkörniger Schwarzweiß-Optik und anderen bewusst anspruchslos gehaltenen Publikationsformaten. Durch seinen ordnenden Blick gewannen die aus dem Alltagsleben gepflückten Images Poesie und tiefere Bedeutung.

Für die Aufhebung der Grenzen zwischen Kunst und Leben hat sich Feldmann frühzeitig eingesetzt. Neben seinen fotografischen Bildsammlungen hat er aus Alltagsgegenständen Skulpturen konstruiert und Flohmarktstücke in Vitrinen archiviert. Um 1980 klinkte er sich für fast zehn Jahre aus dem Kunstbetrieb aus, um Spielzeug zu produzieren und einen Laden für Geschenkartikel und Souvenirs zu betreiben. An den Höhepunkten des Lebens ist Feldmann – einer der interessantesten Protagonisten konzeptueller Kunst in Deutschland und zugleich als solcher in keine Schublade zu pressen – nach eigener Aussage nicht interessiert. Pro Tag, befindet er, gibt es ohnehin lediglich zehn interessante Minuten. Insofern ist sein Blick auf Beiläufigkeiten und unspektakuläre Randsituationen gerichtet, die jedoch aus seiner Sicht eben den weitaus gewichtigeren Part der individuellen und kollektiven Existenz ausmachen.

In den vergangenen Jahren waren die leisen Bildsequenzen des Künstlers mit besonderem Sinn für das Kuriose, Nebensächliche, Übersehene in etlichen Ausstellungen vertreten. So auch in der RAF-Schau 2005 in den Berliner Kunst-Werken, wo Feldmanns zentral platzierte Fotokopie-Serie Die Toten (1998) auf die im Kontext der RAF-Ära gestorbenen Menschen auf allen Seiten verwies. Dennoch: Der Künstler hat sich selbst von diesem durch Hype-Getöse und allerlei Skandale aufgeladenen Ausstellungsereignis nicht vereinnahmen lassen. Eine Haltung, die er generell an den Tag legt und die sein ureigenes subversives Potenzial ausmacht, ohne dass sie in gesellschaftspolitische Indifferenz umschlagen würde. Feldmanns Arbeiten fungieren als Katalysatoren eines Museums im Kopf, wie eine Edition von 1989 betitelt ist.

Für seine aktuelle Intervention in der Kunsthalle zu Kiel hat Feldmann die Antikensammlung des Museums in einen prallen Schauplatz des Lebens verwandelt, wo vorübergehend Partystimmung herrscht und die gipsernen Protagonisten aus ihrer statischen Erhabenheit befreit sind. Orientteppiche zieren den Fußboden, Mobiliar aus dem Theaterfundus lädt zum Verweilen ein. Grünpflanzen und Frischblumen sind anmutig dazwischen drapiert. Musik der Hildegard von Bingen erklingt im Raum. Die vornehme Blässe der in Gips gegossenen Heldinnen und Helden des Altertums ist von farbkräftigen Akzenten durchbrochen: Kolorierte Kopien, die Feldmann nach antiken Vorbildern geschaffen hat, leisten den Kieler Figuren Gesellschaft. Letztere wiederum wurden mit allerlei kleidsamen Accessoires ausgestattet: Demeter, Apollon, Athena und die anderen tragen Sonnenbrille und Ohrringe, Umhänge, Leopardenfell und wallende Draperien. In einer Ecke scharen sich Kindergestalten aus der Antikensammlung um einen echten Sandkasten. Eine Anhäufung alter Koffer ist reliefartig unter dem Pergamon-Fries der Wand aufgebaut. Man denkt sofort an eine Zeitreise – doch führt sie den Betrachter weniger zurück in die Vergangenheit, als dass sie die Vergangenheit in die gegenwärtige Wirklichkeit hinein katapultiert.

Feldmann hat die antike „Trümmersammlung“ – so nennt der Künstler die museale Heldengalerie – durch seine beschwingte Inszenierung mit neuer Kraft und Frische aufgeladen. Trotz Buntheit und anderer sinnenfroher Momente kommt seine Ansatz aber nicht krachend laut daher, sondern als vielschichtige Hinterfragung der musealen Sockel und Rahmen, wo die Kunst oft in größtmöglicher Entfernung von der Realität inthronisiert wird. Genau diese Entfernung ist es, die Feldmann grundsätzlich in seinem Werk künstlerisch zu überwinden sucht, wie er im Gespräch inmitten seiner Kieler Installation erläutert.

Belinda Grace Gardner: Normalerweise haben Antikensammlungen in Museen etwas Feierliches. Dieses Moment haben Sie in der Kunsthalle zu Kiel ziemlich gründlich aufgesprengt. Das Feierliche kommt jetzt eher in partyhafter, beschwingter Form zum Tragen. Gleichzeitig scheint es bei Ihrer Intervention auch um die Frage von Bild und Abbild, Original und Kopie zu gehen.

Hans-Peter Feldmann: Mir gefällt das Thema „Party“ besser als Hintergrund für die Kunstproduktion. Zunächst einmal ist das hier eine Trümmersammlung – Reste von Kulturen, die längst untergegangen sind. Sie sind kaputt; ihnen fehlt etwas, ist abgebrochen und so weiter. Die Figuren haben nichts mit ihrem tatsächlichen damaligen Nutzen zu tun. Und bei denjenigen, die heil sind, handelt es sich um Kopien, die irgendwann später gemacht worden sind – im falschen Glauben, sie seien weiß und hehr gewesen. Das stimmt aber nicht. Mein Ansatz ist es zu versuchen, den ursprünglichen Gebrauch dieser Figuren in einer kindlichen Weise nachzuahmen, sie schön bunt anzumalen, mit Sachen zu behängen und in eine Art von Lebensalltag einzubringen, ihnen eine gewisse Alltäglichkeit zu geben. Die Tempel früher sahen ja aus wie Trödelmärkte – da war richtig etwas los. Die Figuren haben mittendrin herumgestanden und eine Verbindung hergestellt zwischen den übergeordneten Götterwelten und den Menschen auf der Erde. Das ist mittlerweile gänzlich verloren gegangen.

Belinda Grace Gardner: In gewisser Weise holen Sie die Figuren durch Topfpflanzen und Mobiliar auch in den privaten Raum hinein.

Hans-Peter Feldmann: Es ist der Versuch, durch die Beleuchtung, durch Teppiche und so weiter Wohnzimmeratmosphäre zu schaffen. Mir ist die Herstellung eines privaten Raums dabei sehr wichtig. Das Ganze soll irgendwie persönlich sein, die offizielle Seite der Gegenstände ein bisschen aufgehoben werden und etwas Normales daraus werden, statt eines hehren Kunsterzeugnisses, etwas Heiligem, das die meisten darin sehen. Kunst soll aber nicht heilig sein. Im Gegenteil – Kunst ist eine ganz banale Alltagssache für jedermann und sollte auch vor allem in dieser Sphäre stattfinden. Nicht nur, aber zu neunzig Prozent, finde ich.

Belinda Grace Gardner: Deshalb auch der Griff zu den Bildern des Alltäglichen, zu dem, was gerade in der Luft liegt?

Hans-Peter Feldmann: In der Bildwelt des normalen Alltags, den trivialen Medien wie Fernsehen, Zeitschriften und so weiter, findet mehr Kunst statt als in den Kunstwelten und in manchem Museum.

Belinda Grace Gardner: Meinen Sie Kunst in dem Sinne, dass die „triviale“ Bildwelt Auskunft darüber gibt, was das Leben ausmacht?

Hans-Peter Feldmann: Eher Kunst als eine Möglichkeit, undefinierte Probleme ein bisschen abzuarbeiten im Kopf. Oder sie bewusst werden zu lassen. Ich bin gerade in der Nikolaikirche hier in Kiel gewesen. Die Kirche ist eh’ eine der größten Kunst-Inszenateure, die es gibt – mit zweitausend Jahren Training und Wissen, wie es geht. Dort gibt es einen Raum der Stille mit einem Altar. Davor liegt ein Teppich, darauf befindet sich eine leere Schale. Und davor steht der Bibelspruch: „Dies ist die leere Schale meiner Verzweiflung“. Das finde ich toll. Das ist etwas, was Museen auch machen könnten – ein Angebot machen, wo die Leute etwas entdecken können, das sie plötzlich anspricht.

Belinda Grace Gardner: Wenn ich an Ihre früheren fotografischen „Serien“ von Knien, Schränken und anderen Phänomenen denke, kommt es mir so vor, als wollten Sie das Periphere sichtbar machen...

Hans-Peter Feldmann: Die Dinge sind ja alle schon da. Nur werden sie nie wahrgenommen. Frauenknie, beispielsweise, sind ja permanent überall vorhanden. Ich versuche Sachen, die mich betreffen, bewegen, interessieren, auf den Tisch zu stellen und zu sagen: Schaut mal hin – was ist das denn eigentlich genau?

Belinda Grace Gardner: Sie haben einmal gesagt, dass Sie nicht an den Höhepunkten des Lebens interessiert seien. An was dann?

Hans-Peter Feldmann: Es gibt pro Tag zehn Minuten Glücksmomente. Ich aber habe am Rest des Tages Interesse, an den dreiundzwanzig Stunden, fünfzig Minuten, die keine Höhepunkte enthalten, keine Glücksmomente bringen. Daraus besteht ja das große Leben.

Belinda Grace Gardner: Das ist im Grunde das, was normalerweise nicht thematisiert wird...

Hans-Peter Feldmann: Genau. Wann hören Liebesfilme auf? Sobald die beiden sich haben. Da fängt dann die Langeweile an und davon will keiner etwas wissen.

Belinda Grace Gardner: In Ihren Arbeiten haben Sie teils eigenes fotografisches Material, teils vorgefundenes – etwa aus Zeitschriften – verwendet. Doch ist letzteres im Prinzip ja eingefärbt oder bereits in Szene gesetzt. Mit dem Bild im Magazin soll beispielsweise vielleicht ein Deo verkauft werden.

Hans-Peter Feldmann: Ich nehme es aber nachher nur, weil mich daran ein bestimmtes Detail interessiert...

Belinda Grace Gardner: Der Ellbogen vielleicht und nicht die Achselhöhle...

Hans-Peter Feldmann: Richtig. Ich ziehe das Bild heraus, um es dann durch näheres Kennenlernen besser zu verstehen oder irgendwie damit klarzukommen.

Belinda Grace Gardner: Also auch, um im Kleinen das große Bild zu erkennen?

Hans-Peter Feldmann: Es ist eher ein Versuch, durch Anhalten des permanenten Flusses von Ereignissen, Dingen, Bildern die Möglichkeit zu schaffen, diese in Ruhe zu studieren. Das Ausschneiden und an die Wand hängen der Bilder ist so eine Form des Anhaltens. Allein die Aktion, die Dinge herauszuziehen und hinzuhängen oder hinzustellen ist, glaube ich, der Punkt. Dabei ist es für die Betrachtenden dann vielleicht erstmal verwunderlich, warum dieses spezielle Bild da hängt und nicht ein anderes. Da muss man schon genauer hinschauen. Komischerweise gibt es eine Reihe von Leuten, die das verstehen und gut finden und sagen, klasse, das gefällt mir – nicht immer diese großen Schinken, von denen habe ich genug gesehen. Vielleicht ist dieses Kleine, Flippige, am Rande Entstandene genauso interessant. Haben Sie den de Chirico in der Ausstellung gesehen?

Belinda Grace Gardner: Ja. Der stammt aus Ihrer privaten Sammlung, nicht wahr? Und ist eine Kopie, die de Chirico selbst von einem seiner Werke gemacht hat.

Hans-Peter Feldmann: Ja. Ich kenne inzwischen über fünfundzwanzig Kopien. Er wurde ja in den 1970er Jahren als Nicht-Künstler sehr angefeindet, weil er eben – um zu überleben – seine Unikate als Auftragsarbeit mehrfach wiederholt hat. Dann kam Andy Warhol Anfang der 80er Jahre. Das Wiederholbare, Wiedermachbare, das jedes Mal gleich gut ist, trat an die Stelle des Unikats. Das ist ein Punkt, der in der Kunst sehr wichtig ist. Die meisten meinen, es dürfe alles nur einmal da sein. Das wird meiner Ansicht nach überbewertet. Auch die Figuren der Antike wurden zigmal gemacht.

Belinda Grace Gardner: Gibt es in Ihrer künstlerischen Arbeit eine Idee, die Sie immer wieder durchziehen, die immer wieder da ist, egal, was Sie machen?

Hans-Peter Feldmann: Vielleicht mich zu wehren gegen falsche Idole und falsche Autoritäten, indem ich versuche, meine persönlichen Vorlieben auf den höchsten Sockel zu stellen und nicht die, die mir von woanders her vorgegeben werden. Ich brauche keine angesagte Sache, die ich mir zum Vorbild mache – die finde ich selbst.

Belinda Grace Gardner: Also bleiben die alltäglichen Bilder weiterhin ihr Hauptbetätigungsfeld – die Abenteuer des normalen Lebens?

Hans-Peter Feldmann: Der Alltag ist doch auch spannend, oder? Was alles passiert, beispielsweise, wenn man im Café sitzt und den Leuten draußen zuschaut, ist besser als jeder Film. Man hat nur dauernd – das ist leider so in unserer Gesellschaft – die Sachen im Kopf, die noch gemacht, noch erledigt werden müssen. Die Zeit zu genießen, den Weg zum Ziel zu machen – das ist eine Kunst, die ich auch erst langsam dabei bin zu lernen. Oft übersieht man die Schönheiten des Lebens, die man vor sich hat, weil man sich schon wieder in Gedanken woanders befindet. Das ist schade. Ich glaube es geht vielen Leuten so. Sie kommen nicht zur Ruhe, sind nur gestresst und hetzen durchs Leben und merken nicht, an was sie vorbeischießen. Da sollte man vielleicht mal anhalten und genauer hingucken. Und sich nicht nur von scheinbar brennenden Problemen treiben lassen. Dabei ist Kunst in meinen Augen behilflich, eben weil sie uns innehalten lässt. Ich sehe etwas und werde plötzlich durch so einen optischen Anreiz in meinem Gedankenfluss unterbrochen. Kunst kann sehr, sehr lehrreich sein.

Belinda Grace Gardner: Haben Sie sich seit Ihren frühen fotografischen Arbeiten mittlerweile als Künstler in eine stärker plastische Richtung entwickelt? Oder läuft das alles parallel?

Hans-Peter Feldmann: Vielleicht hat sich meine Arbeit ein bisschen vom ausschließlich Fotografischen hin zu Installationen oder auch zu Objekten entwickelt, weil sie genauso gut einen Symbolgehalt repräsentieren können wie ein Foto. Das Foto ist schon allein vom Material her – Papier mit Farbe drauf – eigentlich nichts. Wenn ich es umdrehe, ist es nur Papier. Wenn ich aber in so ein Stück Papier virtuell einsteigen kann und da eine Welt sehe, ist das schon mal eine Qualität für sich. Ebenso kann ich versuchen, durch die Anordnung von Objekten Assoziationen zu erwecken. Das liebe ich genauso sehr wie Fotos, die mir auffallen und die ich zusammenstelle. Doch ich will kein Fotograf sein oder in die Kiste reinkommen. Ich bin mehr „Fotogucker“ als Fotograf. Aber auch das ist nur ein Aspekt. Das ist nicht alles, weder meine endgültige Zielsetzung noch meine Bestimmung.

Die Ausstellung Hans-Peter Feldmann ist noch bis zum 19. März 2006 in der Antikensammlung der Kunsthalle zu Kiel zu sehen, Düsternbrooker Weg 1, 24105 Kiel.


Alterslos Aktuell von Gesine Borcherdt
Der Hugo-Boss-Preis geht in diesem Jahr an einen Konzeptkunstpionier, der auch noch mit 69 Jahren leichtfüßig die junge Konkurrenz abhängt: Hans-Peter Feldmann.


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